POLITISCHE PONEROLOGIE
Kapitel 8
Pathokratie und Religion
Hinweis: Es handelt sich um eine Rohübersetzung. Die Überarbeitung ist „Work in progress!“
Ein zeitgenössischer Denker wird monotheistische Glaubensvorstellungen als unvollständige Perspektive ansehen, die aus ontologischem Wissen über die Gesetzmäßigkeiten des Mikro- und Makrokosmos über das materielle, organische und psychische Leben zusammengesetzt ist. Er wird sie ebenfalls als Resultat bestimmter Einsichten betrachten, die über Selbstbeobachtungen erfahrbar sind. Diese Einführung wird durch Elemente ergänzt, die der Mensch anderweitig erlangt hat und die er entweder individuell oder in Übereinstimmung mit seiner Religion und seinem Glauben akzeptiert. Unsere Assoziationen werden durch eine stumme, eine wortlose Stimme unbewusst angeregt. Sie erreicht unsere Erkenntnis in der Stille des Geistes; sie ergänzt unsere Wahrnehmung - oder weist sie zurecht. Dieses Phänomen ist genauso wahr wie alles, was Dank moderner Forschungsmethoden der Wissenschaft zugänglich gemacht werden konnte.
Indem wir unsere Wahrnehmung in der Psychologie perfektionieren und dabei Wahrheiten erkennen, die zuvor nur im Bereich des Mystischen angesiedelt waren, verbleibt für das Unwissen immer weniger Raum, das bis vor kurzem noch Spiritualität von Naturwissenschaften getrennt hat. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden sich diese beiden Erkenntnisse treffen, wodurch bestimmte Divergenzen augenscheinlich werden. Es ist deshalb klüger, darauf vorbereitet zu sein. Mir war seit Beginn meiner Ausführungen über die Entstehung des Bösen die Tatsache bewusst, dass die Forschungsergebnisse, die knapp und präzise in dieser Arbeit dargestellt werden, dazu verwendet werden können, diesen Bereich, der für den menschlichen Verstand so schwer verständlich ist, weiter zu komplettieren.
Der ponerologische Ansatz wirft neues Licht auf uralte Fragen, die bislang von den Diktaten moralischer Systeme reguliert waren. Als unvermeidbare Konsequenz ordnet er jedenfalls die gedanklichen Zugänge zu diesen Fragen neu. Der Autor hatte - als Christ - anfänglich seine Bedenken, dass dies gefährliche Kollisionen mit den alten Traditionen mit sich bringen würde. Das Studium der Fragen unter Einbeziehung der Heiligen Schrift ließen jedoch diese Bedenken schrittweise wieder verschwinden. Im Gegenteil, nunmehr hat es den Anschein, dass diese Herangehensweise genau der Weg ist, unsere Gedankenprozesse näher an diese originale und uralte Methode der Wahrnehmung moralischen Wissens zu bringen. Wenn man die Evangelien liest, können charakteristische Lehren bezogen werden, die eindeutig mit jener Methode der Unterscheidung des Bösen übereinstimmen, die durch naturalistische Forschungen über dessen Ursprung erkannt wurde. Gleichzeitig müssen wir vorausblicken, dass der Prozess von Korrektur und Bestätigung der Schriften viel Arbeit bedeutet und zeitaufwendig ist. Er wird uns jedoch letztendlich höchstwahrscheinlich von größeren Tumulten bewahren.
Religion ist ein ewiges Phänomen. Zu Beginn ergänzt eine bisweilen allzu aktive Vorstellungskraft alles, was die esoterische Auffassungsgabe nicht bewältigen kann. Wenn eine Zivilisation und ihre simultanen Denkstrukturen eine bestimmtes Maß an Entwicklung erreicht haben, tendiert sie dazu, monotheistisches Gedankengut hervorzubringen, das im Allgemeinen aus den Überzeugungen einer gewissen verstandesmäßigen Elite entspringt. Eine solche Entwicklung der religiösen Überzeugung kann als historische Gesetzmäßigkeit angesehen werden und nicht als individuelle Errungenschaft einzelner Personen wie Zarathustra oder Sokrates. Der Durchmarsch religiösen Gedankenguts in der Geschichte macht einen unverzichtbaren Faktor bei der Bildung menschlichen Bewusstseins aus.
Ein Akzeptieren der grundlegenden Wahrheiten einer Religion öffnet dem Menschen das gesamte breite Feld möglicher Erkenntnisse, worin sein Verstand nach der Wahrheit forschen kann. An diesem Punkt erlangen wir auch Freiheit von so manchen psychologischen Behinderungen. Wir erhalten auch in Wahrnehmungsbereichen ein gewisses Maß an Freiheit, die dem natürlichen Wahrnehmungsvermögen zugänglich sind. Eine Wiederentdeckung der wahren, uralten religiösen Werte stärkt uns, indem sie uns den Sinn des Lebens und der Geschichte vor Augen führt. Ebenso erleichtert sie unsere Innenschau, die innere Akzeptanz von Phänomenen, die nicht durch unser natürliches Wahrnehmungsvermögen verstanden werden können. Wir entwickeln parallel zu unserer Selbsterkenntnis die Fähigkeit, andere Menschen verstehen zu können. Dies Dank der Akzeptanz der Existenz einer analogen Realität in unseren Mitmenschen.
Wann immer der Mensch in höchste mentale Anstrengungen gedrängt wird, sind diese Werte unbezahlbar. Dies gilt gleichermaßen für tiefgründige Überlegungen, wie vermieden werden kann, in schlimme Situationen, Gefahren oder schwerwiegende Schwierigkeiten zu geraten. Wenn es keine Möglichkeit gibt, eine Situation völlig zu verstehen, so muss nichtsdestotrotz ein Ausweg gefunden werden - für einen Selbst, für die Familie oder das eigene Land. So sind wir wahrlich glücklich, wenn wir diese innere Stimme vernehmen: „Mach das nicht“ oder „Vertrau mir, mach das“.
Wir können deshalb behaupten, dass die Wahrnehmung und der Glaube gleichzeitig unseren Verstand unterstützen und, indem sie unsere spirituelle Stärke vervielfachen, die Grundlage für Überleben und Widerstand in Situationen bilden, wo eine Person oder eine Nation von den Auswüchsen der Ponerogenese bedroht ist, die niemals in den Kategorien der natürlichen Weltsicht gemessen werden können. So denken viele rechtschaffene Menschen. Wir können den Grundwerten einer solchen Überzeugung nicht widersprechen. Wenn diese jedoch zu einer geringschätzigen Behandlung der → objektiven Wissenschaften in diesem Bereich führt und den Egotismus der natürlichen Weltsicht bestärkt, dann sind sich solcherart überzeugte Menschen der Tatsache nicht bewusst, dass sie nicht mehr in gutem Glauben handeln.
Die Natur dieses makrosozialen pathologischen Phänomens wird in keiner Weltreligion angesprochen. Wir können deshalb religiöse Gebote nicht als Basis für die Überwindung dieser großen historischen Krankheit heranziehen. Religion ist in Bezug auf das Phänomen der Pathokratie weder ein besonderer Impfstoff noch ein ursächlich wirksames Antibiotikum. Obwohl Religion für die individuelle und gesellschaftliche spirituelle Stärke ein regenerativer Faktor ist, enthalten religiöse Wahrheiten nicht das besondere naturalistische Wissen, das für ein Verständnis der Pathologie des Phänomens wesentlich ist. Dieses Verständnis ist gleichzeitig ein heilender und Widerstand erzeugender Faktor für die menschliche Persönlichkeit. Religiöser Glaube und das Phänomen der Pathokratie sind vielmehr auf unterschiedlichen Ebenen der Realität angesiedelt, wobei Letzteres erdgebundener ist. Dies erklärt auch, warum es zwischen Religion und ponerologischem Wissen über das makrosoziale pathologische Phänomen keine wirklichen Widersprüche geben kann.
Wenn wir unsere gesellschaftliche Verteidigung und unseren Umgang in Bezug auf die destruktiven Einflüsse der Pathokratie nur mittels der wahrsten religiösen Werte vornehmen, wäre dies mit einem Versuch einer Heilung einer unzureichend verstandenen Krankheit gleichzusetzen, wobei wir nur Mittel einsetzten, die den Körper und die Seele stärken. Eine solche allgemeine Therapie kann bei manchen Krankheiten befriedigende Ergebnisse hervorbringen, bei manchen Krankheiten wird sie jedoch unwirksam sein. Diese makrosoziale Krankheit gehört zur zweiten Kategorie.
Die Tatsache, dass dieses pathokratische Phänomen, das in der menschlichen Geschichte den höchsten Grad an Verbreitung erreicht hat, gegenüber jeder und allen Religionen feindselig gegenübersteht, impliziert nicht den Schluss, dass es das Gegenteil von Religion ist. Eine solche Beziehungsabhängigkeit wäre unter unterschiedlichen historischen und zeitgenössischen Umständen unterschiedlich strukturiert. Wenn man diese Frage unter Einbeziehung von historischen Daten beleuchtet wird es offensichtlich, dass sich religiöse Systeme ebenfalls den ponerogenischen Prozessen unterwarfen und die Symptome einer ähnlichen Krankheit zeigten.1
Deshalb muss die präzise Basis für die Heilung unserer kranken Welt, die gleichzeitig ein heilender Faktor für die Wiederherstellung der vollständigen Vernunftfähigkeit der menschlichen Persönlichkeit ist, eine Art von Wissenschaft sein, die den Kern dieser augenscheinlichen Krankheit aufzeigt und diesen in ausreichend → objektiver Sprache beschreibt. Wenn einem solchen Wissen Widerstand entgegengebracht wird, so wird dies häufig durch religiöse Motivationen gerechtfertigt. Dies geschieht hauptsächlich aufgrund des Egotismus der natürlichen Weltsicht in seiner traditionellen Überbewertung seiner Werte und seiner Angst vor Zerfall. Dies muss konstruktiv überwunden werden.
Das pathokratische Phänomen ist in der Geschichte viele Male aufgetreten. Es hat sich parasitär von den verschiedensten sozialen Bewegungen genährt und hat ihre Strukturen und Ideologien auf charakteristische Weise deformiert. Es muss aus diesem Grund mit unterschiedlichsten religiösen Systemen und mit einer Vielzahl von historischen und kulturellen Grundlagen zusammengetroffen sein. Wir können deshalb für die Beziehung zwischen dem Phänomen und einem religiösen System zwei grundlegende Möglichkeiten annehmen. Die erste tritt auf, wenn die religiöse Gemeinschaft selbst infiziert wird und dem ponerogenischen Prozess erliegt. Dies führt zu den oben erwähnten inneren Phänomenen. Die zweite Möglichkeit entsteht, wenn sich eine Pathokratie als Parasit in einer sozialen Bewegung entwickelt, deren Ausrichtung weltlich und politisch ist. Dies für unweigerlich zu einem Konflikt mit religiösen Organisationen.
Im ersten Fall wird die religiöse Gemeinschaft von innen zerstört, ihr Organismus ordnet sich Zielen unter, die sich von der ursprünglichen Idee völlig unterscheiden. Ihre theosophischen und moralischen Werte fallen einer charakteristischen Deformation zum Opfer und dienen in der Folge als Maske, unter der die Herrschaft pathologischer Individuen verborgen wird. Danach dient das religiöse Gedankengut sowohl als Rechtfertigung für Gewaltanwendung und Sadismus gegenüber Ungläubigen, Ketzern und Hexen, wie auch als Gewissensdroge für Leute, die sich diese Verformungen ausdenken und umsetzen.2
Jedem, der diesen Zustand kritisiert, wird mit paramoralischer Empörung begegnet. Dies vorgeblich im Namen des ursprünglichen Gedankenguts und gerechtfertigt durch den Glauben an Gott, doch in Wirklichkeit deswegen, weil ein solcher Mensch innerhalb der Kategorien normaler Menschen denkt und fühlt. Ein solches System behält den Namen der ursprünglichen Religion, wie auch viele andere spezielle Bezeichnungen. Ein Vertreter eines solchen Systems wird beim Barte des Propheten schwören, während er die Bezeichnungen bei seinem zweideutigem Gerede benutzt. Was zuvor eine Hilfestellung für ein Verständnis der Wahrheiten Gottes war, geißelt nun die Nationen mit dem Schwert des Imperialismus.
Wenn solche Phänomene lange andauern werden jene Menschen, die ihren Glauben an religiöse Werte erhalten konnten, einen solchen Zustand verurteilen und dabei anmerken, dass er sich weitestgehend von der Wahrheit entfernt hat. Sie werden dies unglücklicherweise ohne Kenntnis über das Wesen und die Ursachen des pathologischen Phänomens tun. Sie werden es in moralischen Kategorien verurteilen und dabei den heimtückischen Fehler begehen, mit dem wir bereits vertraut sind. Sie werden bei ihrem Protest gegen diesen Zustand aus so mancher geopolitischen Situation ihren Vorteil ziehen, sich vom originären System entfernen und verschiedene Sekten und Konfessionen gründen.
Diese Art von Zusammenbruch kann als charakteristische Konsequenz jeder Bewegung betrachtet werden, die von der Krankheit infiziert ist, sei diese nun religiös oder weltlich. Der religiöse Konflikt nimmt daraufhin den Charakter politischer Abspaltungen an und lässt unter den verschiedenen Gläubigen an denselben Gott Streit und Kriege entstehen.
Wie wir wissen entwickelt sich dieser Zustand in die verheimlichende Phase, wenn der Hass der Menschen beginnt sich zu erschöpfen; diese Phase wird jedoch viel länger andauern als eine Pathokratie, die sich von einer weltlichen Bewegung nährt. Es ist nicht leicht für den Menschen, den gesamten Prozess im Rahmen seines Fassungsvermögens zu verstehen, da ein solcher Zustand viele Generationen andauert. Seine Kritik wird demnach auf die Fragen beschränkt sein, mit welchen er unmittelbar vertraut ist. Dies lässt jedoch einen schrittweisen aber unkoordinierten Druck entstehen, der von vernünftigen Personen ausgeht. Dabei wird in jeder solcherart entstandenen Gruppierung eine gewisse Evolution angeregt. Diese Evolution zielt auf die Wiederherstellung der ursprünglichen religiösen Werte oder auf die Überwindung der Deformationen ab.
Ob dieser Prozess sein erklärtes Ziel erreicht, hängt von zwei Faktoren ab: Wenn das ursprüngliche Gedankengut von Anfang an durch pathologische Faktoren vergiftet wurde, ist das Ziel unerreichbar. Wenn überhaupt, kann uns nur eine asymptomatische Annäherung in eine Position bringen, bei der die endgültige Eliminierung der Auswirkungen der bereits überwundenen Krankheit eine objektive Sichtweise über den Kern und die Geschichte der Krankheit benötigt. Anders ist es nicht möglich, die Überreste der pathologischen Deformationen auszulöschen, die ansonsten als Faktoren überleben, die einer neuerlichen Vergiftung Tür und Tor öffnen.
Manche religiösen Gruppierungen sind vielleicht von Menschen gegründet worden, die selbst gewisse psychologische Anomalien aufwiesen. Besondere Aufmerksamkeit sollte auf häufige paranoide Charakteropathien und deren Rolle bei den bereits diskutierten Anfängen neuer Phasen der Ponerogenese gelegt werden. Für solche Leute ist die Welt der normalen menschlichen Erfahrungen (einschließlich religiöser Erfahrungen) deformiert; danach folgen mit Leichtigkeit Redekünstler, die sich selbst und andere in den Bann ziehen und anderen Menschen mittels pathologischem Egotismus aufgedrängt werden. Heutzutage können wir hier kleine christliche Sekten beobachten, deren Anfänge zweifellos darin lagen.
Wenn eine Religion, die sich später in viele Variationen der Lehre unterteilt, einen solchen Beginn hatte, werden die erwähnten regenerativen Prozesse, hervorgerufen durch gesunden Menschenverstand, einen Punkt in der Entwicklung hervorbringen, den die in der betroffenen Religion tätigen Geistlichen als Bedrohung für die Religion selbst wahrnehmen. Der Schutz ihres eigenen Glaubens und ihrer sozialen Position wird sie daraufhin zu gewalttätigen Mitteln gegen jeden greifen lassen, der es wagt zu kritisieren oder eine Liberalisierung der Religion zu begehren. Und so beginnt der pathologische Prozess von Neuem. Dies ist der Stand der Dinge heutzutage, wie wir ihn täglich beobachten können.
Allein die Tatsache, dass manche religiöse Gemeinschaften dem Prozess der Ponerisation erlegen sind beweist jedoch nicht, dass die ursprüngliche Erkenntnis oder Vision von Anfang an durch Irrtümer vergiftet war, die das Eindringen pathologischer Faktoren ermöglicht haben oder dass die Religion selbst ein Ergebnis der Einflüsse dieser Faktoren sei. Damit pathologische Faktoren eindringen und weitere fortschreitende Degenerationen geschehen können, reicht es bei einer religiösen Bewegung schon, irgendwann im Laufe ihres Bestehens „vergiftet“ worden zu sein. (Zum Beispiel als Resultat exzessiver Einflüsse ursächlich fremder Archetypen einer säkularen Zivilisation oder durch Kompromisse mit den Zielen eines Herrschers.)
Wir haben nun knapp die bereits gezogenen Schlussfolgerungen zu den Ursachen und Gesetzen des Verlaufs des ponerologischen Prozesses bestätigt, diesmal jedoch mit Bezug auf religiöse Gemeinschaften. Die wichtigen Unterschiede sollten wir deutlich hervorheben. Historisch betrachtet gehören Religionen zu den widerstandsfähigsten und langlebigsten sozialen Strukturen. Hier verläuft der ponerologische Prozess in einem weitaus größeren Zeitraum. Der Mensch benötigt so dringend Religionen, sodass jede religiöse Gemeinschaft - wenn sie genügend Mitglieder hat - sehr viele normale Menschen (üblicherweise die Mehrheit) enthält, die sich nicht entmutigen lassen und einen Flügel bilden, der den Prozess der Ponerisation hemmt. Die Ausgeglichenheit der verheimlichenden Phase ist deshalb auch für jene Menschen von Vorteil, deren menschliche und religiöse Gefühle normal sind. Nichtsdestotrotz müssen dabei isolierte Generationen den Eindruck bekommen, dass der beobachtete Zustand die permanenten und wesentlichen Merkmale darstellt, einschließlich der Irrtümer, die sie nicht akzeptieren können.
Wir müssen deshalb die folgende Frage formulieren: Können die beständigsten und sensibelsten Handlungen, basierend auf der natürlichen Weltsicht, und auch theologische und moralische Betrachtungen jemals völlig die Auswirkungen eines ponerologischen Prozesses eliminieren, der schon vor langer Zeit überwunden wurde?
Basierend auf den Erfahrungen individueller Patienten würde ein Psychotherapeut eine solche Möglichkeit bezweifeln. Die Konsequenzen des Einflusses pathologischer Faktoren können nur dann völlig liquidiert werden, wenn sich ein Mensch darüber bewusst wird, dass er Ziel ihrer Wirkungsweisen war. Diese Methode sorgfältiger Beseitigung von sogar kleinsten Details mag an die Arbeitsweise eines Restaurators erinnern, der sich gegen das Entfernen sämtlicher nachträglich aufgebrachten Übermalungen entscheidet, um das originale Bild des Meisters gänzlich freizulegen, sondern der einige verfehlte Korrekturen beibehält und diese für die Nachwelt konserviert.
Der Umstand der Zeit fördert den Heilungsprozess, doch sogar unter diesen Voraussetzungen führt ein schrittweises Lösen der Knoten auf Basis der natürlichen Weltsicht nur zu einer moralisierenden Interpretation der Auswirkungen unverstandener pathologischer Faktoren. Dies führt zu Panik und zum Rückzug auf eine scheinbar sicherere Seite. Im Organismus einer betroffenen religiösen Gruppierung werden auf diese Weise einige schlummernde Herde der Krankheit erhalten, die unter bestimmten Umständen später wieder ausbrechen können.
Wir sollten deshalb erkennen, dass eine naturalistische Wahrnehmung des Prozesses der Entstehung des Bösen und die Beachtung der Beteiligung der entsprechenden „Defekte“ am Einfluss der verschiedenen pathologischen Faktoren unserem Verstand die Last erleichtern kann, die durch die verstörenden Resultate einer moralisierende Interpretation der Rolle dieser Faktoren an der Ponerogenese entsteht. Dies erlaubt auch eine detailliertere Identifikation der Ergebnisse ihrer Wirkungsweisen, wie auch ihre letztendliche Auslöschung. Hier erweist sich die Anwendung der → objektive Sprache nicht nur als exakter und ökonomischer, sondern auch als sicheres Werkzeug im Umgang mit schwierigen Situationen und heiklen Angelegenheiten.
Eine solche präzisere und beständigere Lösung für die aus Jahrhunderten ponerologischer Unwissenheit vererbten Probleme ist immer dann möglich, wenn eine beliebige Religion eine Erkenntnis und einen Glauben verkörpert, die ursprünglich und ausreichend authentisch sind. Deshalb verlangt eine mutige Annäherung zur Behebung der durch aktuell merklich wahrnehmbare ponerische Prozesse verursachten Umstände oder durch chronische Beharrlichkeit der Überlebenden solcher lange vergangenen Zustände sowohl nach einer Akzeptanz dieser neuen Wissenschaft als auch nach einer klaren Überzeugung aus ursprünglicher Wahrheit und grundlegender Wissenschaft. Ansonsten wird jeder Versuch dieser Art durch Zweifel blockiert werden, indem unzureichend → objektivierte Angst entsteht, auch wenn diese tief ins Unterbewusste verdrängt wurde. Wir müssen davon überzeugt sein, dass die Wahrheit eine solche Reinigung mit modernen Waschmitteln aushält; sie wird nicht nur ihre ewigen Werte beibehalten, sie wird auch ihre eigentliche Frische und ihre schönen Farben wiedererhalten.
Bei der zweiten erwähnten Situation, wenn der ponerogenische Prozess, der zur Pathokratie führt, eine säkulare und politische Bewegung befallen hat, ist die Lage der Religion in einem solchen Land völlig anders. Hier ist eine Polarisation der Verhaltensweisen in Bezug auf Religion unvermeidbar. Die soziale religiöse Organisation kann nicht anders, als eine kritische Einstellung einzunehmen und die Opposition der Gesellschaft normaler Menschen zu unterstützen. Dies provoziert im Gegenzug die von diesem Phänomen befallene Bewegung zu einem immer intoleranteren Verhalten gegenüber der Religion. Eine solche Situation stellt jede Religion einer Gesellschaft vor das Schreckgespenst der Vernichtung.
Wann immer eine Pathokratie in einem autonomen Prozess entsteht, bedeutet dies, dass die im betroffenen Land vorherrschende religiösen System nicht in der Lage waren, die Pathokratie zeitgerecht zu verhindern.
Es ist eine Gesetzmäßigkeit, dass die religiösen Organisationen jedes beliebigen Landes ausreichend Einfluss auf die Gesellschaft besitzen, um dem aufkeimenden Bösen die Stirn bieten zu können, wenn sie mit Mut und Vernunft agieren. Wenn sie dies nicht tun können, so ist dies das Resultat von entweder Zersplitterung und Streit zwischen den unterschiedlichen Konfessionen, oder von innerem Verfall der religiösen Systeme. Als Resultat davon haben religiöse Organisationen die Entwicklung von Pathokratien lange toleriert und sie sogar unkritisch inspiriert. Diese Schwäche wird später zur Ursache für religiöses Unheil.
Im Falle einer künstlich infizierten Pathokratie ist die Mitschuld religiöser Systeme geringer, obgleich sie trotzdem vorhanden ist. Es ist gerechtfertigt, die religiösen Systeme eines Landes von einer Schuld am Zustand eines Landes freizusprechen, wenn die Pathokratie durch Gewalt aufgezwungen wurde. In dieser Situation entstehen besondere Umstände: die religiösen Organisationen besitzen die moralisch stärkere Verteidigungsposition, können materielle Verluste ertragen und auch ihren eigenen Erholungsprozess durchlaufen.
Pathokraten mögen zu primitiven und brutalen Mitteln greifen, um eine Religion zu bekämpfen, doch es ist für sie sehr schwierig, die Essenz religiöser Überzeugungen anzugreifen. Ihre Propaganda erweist sich als allzu primitiv und erzeugt das bekannte Phänomen der Immunisierung oder der Widerstandsfähigkeit normaler Menschen. Das Endresultat erweist sich als das Gegenteil der beabsichtigten moralischen Reaktionen. Pathokraten können nur brutale Gewalt anwenden, um eine Religion zu zerstören, wenn sie deren Schwächen ausmachen. Wenn es verschiedene Glaubensrichtungen mit langer historischer Feindseligkeit gibt, kann das Prinzip „teilen und beherrschen“ angewandt werden. Die Auswirkungen solcher Massnahmen werden jedoch im Allgemeinen nur kurzlebig sein und können zu einer Vereinigung unter den Konfessionen führen.
Das besondere praktische Wissen, dass von der Gesellschaft normaler Menschen unter pathokratischer Herrschaft angesammelt wird, beginnt gemeinsam mit dem Phänomen der psychologischen Immunisierung ihre eigene charakteristische Wirkung auf die Struktur religiöser Glaubensrichtungen zu auszuüben. Wenn eine Religion irgendwann in ihrer Geschichte ponerogenisch infiziert wurde, überleben die Auswirkungen und chronischen Überreste davon im Inneren des Systems Jahrhunderte lang. Hier mittels philosophischen und moralischen Betrachtungen entgegenzuwirken stößt auf besondere psychologische Schwierigkeiten. Doch unter pathokratischer Herrschaft und trotz des Missbrauchs, unter dem eine solche religiöse Organisation leidet, werden spezielle Antikörper in den Organismus übertragen, die die ponerogenischen Überreste heilen.
Dieser spezifische Prozess zielt auf eine Säuberung der religiösen Strukturen von jenen Deformationen ab, die Auswirkungen der uns bekannten seinerzeit aktiven pathologischen Faktoren sind. Da das Auftreten von Pathokratien in den verschiedensten Ausformungen während der gesamten menschlichen Geschichte immer ein Resultat menschlicher Irrtümer war, die dem pathologischen Phänomen den Weg ebneten, müssen wir auch die Kehrseite der Medaille betrachten. Wir sollten dies im Lichte jenes unterschätzten Gesetzes verstehen, das besagt, dass die Auswirkungen einer bestimmten ursächlichen Struktur eine eigene theologische Bedeutung besitzen. Für den rekuperativen Prozess wäre es jedoch von großem Vorteil, wäre er von einer größeren Erkenntnis über das Wesen des Phänomens begleitet. Dies würde gleichzeitig auch die Entwicklung psychologischer Immunität und die Heilung menschlicher Persönlichkeiten unterstützen. Diese Erkenntnis könnte auch dazu beitragen, sicherere und effektivere Vorgehensweisen zu entwickeln.
Wenn einzelne gottgläubige Menschen und Gruppen in der Lage sind, ein → objektives Verständnis von makrosozialen pathologischen Phänomenen - besonders von diesem gefährlichsten Phänomens - zu akzeptieren, wird die natürliche Folge daraus eine gewisse Trennung von religiösen und politischen Problemen sein, die qualitativ unterschiedliche Ebenen der Realität betreffen. Die Aufmerksamkeit der Kirchen kann sich dann wieder jenen Fragen widmen, die sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Gott befassen - in diesem Gebiet sind Religionen berufen. Andererseits sollte der Widerstand gegen ponerologische Phänomene und deren weltweite Verbreitung von wissenschaftlichen und politischen Institutionen, die auf Basis eines naturalistischen Verständnisses des Wesens und der Entstehung des Bösen agieren, auf breiter Basis angenommen werden. Diese Aufgabenteilung kann niemals widerspruchsfrei sein, da bei der Entstehung des Bösen menschliche Fehler beteiligt sind. Diese Fehler auf Basis religiöser Voraussetzungen zu überwinden lag seit jeher in der Verantwortung religiöser Gemeinschaften.
Manche dem pathokratischen Gesetz unterworfene Religionen und Glaubensgemeinschaften werden durch solche Umstände dazu gedrängt, sich allzu sehr mit Angelegenheiten zu befassen, die normalerweise der Politik oder sogar der Wirtschaft zuzurechnen sind. Dies ist aus zweierlei Gründen notwendig: Zum Einen, um die Existenz der religiösen Organisation selbst zu schützen und zum Anderen, um Gläubigen oder anderen unter dem Missbrauch leidenden Menschen zu helfen. Es ist jedoch wichtig zu vermeiden, einen solchen Stand der Dinge permanent in Gewohnheiten und Traditionen zu verankern, da es dies zu einem späteren Zeitpunkt sehr schwierig macht zu einer normalen menschlichen Regierung zurückzukehren.
Trotz bestehender Differenzen bei Überzeugungen und Traditionen sollte die Basis der Bemühungen zu Kooperation seitens der Menschen mit gutem Willen diese charakteristische Konvergenz der Schlussfolgerungen beinhalten, die wir zwischen christlichen (und anderen monotheistischen) Regeln und einer ponerologischen Sichtweise über die Entstehung des Bösen ableiten können. Die Gläubigen der verschiedenen Religionen und Konfessionen glauben in Wirklichkeit an denselben Gott und sind sie heutzutage von demselben makrosozialen pathologischen Phänomen bedroht. Diese Tatsache erzeugt ausreichende Daten, um eine Suche nach Kooperationen zu ermöglichen, deren Errungenschaften so augenscheinlich wertvoll sind.
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