POLITISCHE PONEROLOGIE

Kapitel 4

Ponerologie

Übersetzung: Rostam | Bearbeitung: Joerg

Seit Urzeiten haben Philosophen und religiöse Denker auf vielfältige Weise in den verschiedenen Kulturen nach der Wahrheit moralischer Werte, nach Kriterien für die Richtigkeit und Bewertung eines guten Ratschlags gesucht. Sie beschrieben ausführlich die Vorzüge des menschlichen Charakters und stellten diese Werte als zu erreichendes Ziel dar. Sie hinterließen ein Erbe aus Jahrhunderten von Erfahrungen und Einsichten. Trotz der offensichtlichen Unterschiede in den Kulturen und Verhaltensweisen und obwohl sie in völlig unterschiedlichen Zeiten und an weit voneinander entfernten Plätzen gewirkt haben, ist die Ähnlichkeit - oder die sich gegenseitig ergänzende Natur - der Schlussfolgerungen bekannter antiker Philosophen beeindruckend. Das zeigt, dass alles Wertvolle von den Gesetzen der Natur in ihren Wirkungsweisen auf die Persönlichkeiten von sowohl einzelnen Menschen als auch ganzen Gesellschaften abhängt und verursacht wird.

Gleichermaßen stimmt es nachdenklich zu sehen, wie vergleichsweise wenig über die Kehrseite der Medaille gesagt wurde: Die Natur, die Ursachen und die Entstehung des Bösen. Diese Dinge werden üblicherweise hinter den oben verallgemeinerten Schlussfolgerungen verborgen, und das mit einem gewissen Maß an Heimlichtuerei. Dieser Umstand kann zum Teil auf die sozialen Gegebenheiten und die historischen Verhältnisse zurückgeführt werden, in denen diese Denker lebten. Ihr Modus Operandi kann zumindest auch von ihrem jeweiligen persönlichen Schicksal, ererbten Traditionen oder sogar durch Intoleranz bestimmt worden sein. Schlussendlich sind Gerechtigkeit und Tugend das Gegenteil von Macht und Widernatürlichkeit; dasselbe gilt für Aufrichtigkeit und Verlogenheit, gleich wie Gesundheit das Gegenteil von Krankheit ist. Es ist auch möglich, dass ihre Gedanken und Worte über die eigentliche Natur des Bösen zu einem späteren Zeitpunkt von genau den Kräften, die sie versuchten zu entlarven, ausgemerzt und versteckt wurden.

Der Charakter und die Genesis des Bösen verblieben deshalb in einem verschwiegenen Schleier verborgen. Nur in der Literatur wurde das Thema höchst ausdrucksvoll behandelt. Doch so ausdrucksvoll die literarische Sprache auch sein mag, sie kam niemals in die Nähe der eigentlichen Ursachen des Phänomens. Es verblieb immer ein gewisser kognitiver Raum, wie ein unerforschtes Dickicht moralischer Fragen, der sich einem Verständnis und auch philosophischen Verallgemeinerungen entzog.

Heutzutage versuchen Philosophen, die im Begriff sind eine Meta-Ethik zu entwickeln, sich entlang dieses elastischen Raums zu bewegen, was zu einer Analyse der ethischen Sprache führt und dabei Stück für Stück zur Ausräumung der Mängel und Gewohnheiten der natürlichen Konzeptsprache beiträgt. Zum Kern dieser ewig mysteriösen Frage vorzudringen, ist für einen Wissenschafter höchst verlockend.

Gleichzeitig sind die aktiven Kenner des sozialen Lebens und auch normale Menschen, die sich auf der Suche nach ihrem Weg befinden, ganz bedeutend von ihrem Vertrauen in bestimmte Autoritäten konditioniert. Andauernde Versuchungen, wie eine Trivialisierung ungenügend bewiesener moralischer Werte oder ein treuloses Ausnützen naiver Menschen zum Selbstzweck, finden innerhalb eines rationalen Verständnisses der Realität kein adäquates Gegengewicht.

Wenn sich Mediziner wie Ethiker verhalten würden, d.h. wenn sie nur den Schatten ihrer persönlichen Erfahrungen bei relativ unästhetischen Krankheitsphänomenen in ihre Überlegungen miteinschließen würden, weil sie hauptsächlich am Studium von Fragen physischer und mentaler Hygiene interessiert wären, dann gäbe es beispielsweise keine moderne Medizin. Sogar die Anfänge dieser gesundheitserhaltenden Wissenschaft wären unter ähnlichen Schatten verborgen. Trotz der Tatsache, dass seit dem urzeitlichen Anbeginn die Theorie der Hygiene mit der Medizin verbunden wurde, hatten die Mediziner Recht, vor allem die Krankheiten zu studieren. Um die Ursachen und die biologischen Eigenschaften von Krankheiten zu entdecken, riskierten sie ihre eigene Gesundheit und nahmen viele Opfer auf sich, um danach das pathologische Kräftespiel im Verlauf dieser Krankheiten verstehen zu können. Das Verständnis der Natur einer Krankheit und deren Verlauf ermöglicht schließlich die Entwicklung wirkungsvoller Heilmittel.

Während des Studiums der Fähigkeiten eines Organismus bei der Krankheitsbekämpfung, entwickelten Wissenschafter Impfungen, die einem Organismus erlauben, gegenüber einer Krankheit resistent zu werden, ohne dabei die vollen Krankheitssymptome ausleben zu müssen. Dank dieser Vorgehensweise kann die Medizin Phänomene überwinden und verhindern, die aus der Perspektive ihrer Krankheitsverläufe als eine Art des Bösen angesehen werden können.

Somit stellt sich die Frage: Könnte nicht irgendein ähnlicher Modus Operandi angewandt werden, um die Ursache und die Entstehung andere Ausdrucksweisen von bösen, geißelnden, menschlichen Individuen, Familien und ganzen Gesellschaften zu studieren, und das trotz der Tatsache, dass sie offenbar unsere moralischen Gefühle weit mehr verletzen, als es Krankheiten tun? Die Erfahrung hat den Autor gelehrt, dass das Böse in seiner Natur Krankheiten ähnelt, obgleich es möglicherweise komplexer und schwieriger zu erfassen ist. Seine Entstehung enthüllt viele Faktoren pathologischen und insbesondere psychopathologischen Charakters, deren Essenzen von der Medizin und der Psychologie bereits untersucht wurden, oder deren Verständnis eine nähere Betrachtung dieser Bereiche erfordert.

Parallel zur traditionellen Herangehensweise können Probleme, die im Allgemeinen als moralisch betrachtet werden, auch auf Basis der Fakten behandelt werden, die von der Biologie, der Medizin und der Psychologie geliefert werden, da solche Faktoren gleichzeitig in der Fragestellung als Ganzes eine Rolle spielen. Die Erfahrung zeigt uns, dass ein Verständnis der Essenz und der Entstehung des Bösen im Allgemeinen auf Daten aus diesen Bereichen zurückgreift. Eine philosophische Betrachtung allein reicht nicht aus. Die Philosophie mag all die wissenschaftlichen Disziplinen hervorgebracht haben, doch die wissenschaftlichen Disziplinen reiften erst, als sie unabhängig waren und auf genauen Daten und einer Verbindung zu anderen Disziplinen, die ebenfalls Informationen beisteuerten, beruhten.

Ermutigt durch oft „zufällige“ Entdeckungen dieser lebensnahen Aspekte des Bösen, hat der Autor die Methodologie der Medizin imitiert; als klinischer Psychologe und Kollege von Medizinern hatte er diese Tendenz ohnehin. Wie es bei Ärzten und Krankheiten der Fall ist, nahm er das Risiko des engen Kontakts mit dem Bösen auf sich und litt unter den Konsequenzen. Sein Ziel war es, die Möglichkeiten eines Verständnisses der Natur des Bösen und seine ursächlichen Faktoren zu erforschen, sowie seine Pathodynamiken zu verfolgen.

Die Entwicklungen in der Biologie, der Medizin und der Psychologie öffneten so viele Wege, dass sich eine solche Vorgehensweise nicht nur als zulässig herausstellte, sondern auch als außerordentlich ergiebig. Persönliche Erfahrungen und verfeinerte Methoden in der klinischen Psychologie erlaubten es, dass immer mehr akkurate Schlussfolgerungen gezogen werden konnten.

Ein große Schwierigkeit gab es jedoch: unzureichende Daten, besonders im Bereich der Wissenschaft der Psychopathie. Dieses Problem musste gelöst werden. Ich musste es auf Basis meiner eigenen Nachforschungen lösen. Diese Unzulänglichkeit war durch die Nachlässigkeit in diesen Bereichen verursacht, durch theoretische Schwierigkeiten, mit denen die Forscher konfrontiert waren und durch die unpopuläre Natur dieser Probleme. Diese Arbeit, und ganz besonders dieses Kapitel, enthalten Hinweise auf Forschungsergebnisse, die der Autor entweder nicht veröffentlichen konnte oder aus Gründen der persönlichen Sicherheit bislang nicht veröffentlichen wollte. Traurigerweise sind die Originale verloren gegangen und mein Alter lässt eine Rekonstruktion nicht mehr zu. Ich hoffe, dass meine Beschreibungen, Beobachtungen und Erfahrungen, die ich hier aus meinem Gedächtnis zusammenfasse, die Basis für neue Bemühungen bilden werden, dass die Daten, die benötigt werden, aufs Neue bestätigen können was damals schon bestätigt wurde.

Nichtsdestotrotz entstand aus meiner und der Arbeit anderer in diesen vergangenen tragischen Zeiten eine neue Disziplin, die zu unserem Leuchtturm wurde: Zwei griechische Philologen/Mönche tauften sie Ponerologie, aus dem griechischen poneros, ‚das Böse‘. Der Prozess der Entstehung des Bösen wurde entsprechend „Ponerogenese“ benannt. Ich habe die Hoffnung, dass diese bescheidenen Anfänge wachsen werden, damit wir in die Lage kommen, das Böse mittels eines Verständnisses seiner Natur, seiner Ursachen und seiner Entwicklung zu überwinden.


Aus 5000 psychotischen, neurotischen und gesunden Patienten wählte der Autor 384 Erwachsene aus, die sich auf eine Weise verhalten hatten, die andere Menschen ernsthaft verletzten. Sie stammten aus allen Gesellschaftsschichten Polens, doch hauptsächlich aus einem großen Industriezentrum, das durch schlechte Arbeitsbedingungen und eine beträchtliche Luftverschmutzung gekennzeichnet war. Die ausgewählten Menschen hatten die verschiedensten moralischen, sozialen und politischen Einstellungen. Ungefähr 30 von ihnen waren Strafmaßnahmen ausgesetzt, die oft übertrieben hart waren. Nachdem sie aus dem Gefängnis oder anderen Sanktionen freigekommen waren, versuchten diese Menschen, sich wieder in das soziale Leben einzugliedern, was sie im Gespräch mit mir — dem Psychologen — zur Ehrlichkeit neigen ließ. Andere wiederum sind ihrer Bestrafung entkommen; und wieder andere haben ihre Freunde auf eine Weise verletzt, die für eine legale Strafverfolgung — theoretisch und praktisch — nicht ausgereicht hat. Manche waren von einem politischen System geschützt, das bereits in sich selbst ein ponerogenisches Derivat war. Der Autor hatte auch noch den Vorteil, dass er mit Personen sprechen konnte, deren Neurosen durch so manchen Missbrauch, der ihnen widerfahren ist, verursacht wurde.

Alle genannten Personen wurden psychologischen Tests unterzogen und es wurde eine genaue Anamnese1 erstellt, um ihre allgemeinen mentalen Fähigkeiten zu bestimmen und dabei entweder die Möglichkeit von Verletzungen des Hirngewebes auszuschließen oder zu entdecken, wie auch diese Punkte zueinander in Beziehung zu bringen sind.2 Auch wurden in Abstimmung mit den Bedürfnissen der Patienten andere Methoden angewandt, um ein ausreichend korrektes Bild des psychologischen Zustandes zeichnen zu können. In den meisten Fällen konnte der Autor auf die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen und der Labortests, die in medizinischen Einrichtungen durchgeführt wurden, zugreifen.

Ein Psychologe kann viele wertvolle Beobachtungen machen, wie sie in dieser Arbeit angewandt werden, wenn er selbst einem Missbrauch ausgesetzt ist, so lange sein Interesse an Erkenntnis seine natürlichen menschlichen emotionalen Reaktionen bezwingt. Wenn das nicht der Fall ist, muss er seine professionellen Fähigkeiten nutzen, um sich zuerst selbst zu retten. Der Autor hatte niemals einen Mangel an solchen Möglichkeiten, da sein unglückliches Land vollgepfropft von Beispielen menschlicher Ungerechtigkeit ist, denen er selbst in zahlreichen Fällen ausgesetzt war.

Die Analyse der Persönlichkeiten und der Entstehung der Verhaltensweisen zeigte, dass nur 14 bis 16 Prozent der 384 Personen, die andere Menschen verletzen, keine psychopathologischen Faktoren aufwiesen, die ihr Verhalten beeinflussen hätten können. In Bezug auf diese Statistik sollte deutlich gemacht werden, dass eine psychologische Nicht-Erkennung solcher Faktoren nicht bedeutet, dass es sie nicht gibt. Bei einem beträchtlichen Teil der Fälle war der Mangel an Beweisen eher ein Resultat ungenügender Interviewbedingungen, mangelhafter Testmethoden und nicht ausreichender Fähigkeiten seitens der Tester. Aus diesem Grunde erschien die natürliche Realität prinzipiell von den alltäglichen Verhaltensweisen, die das Böse auf moralisierende Weise interpretieren, und auch von den juristischen Praktiken, die nur in einem kleinen Teil der Fälle ein Gerichtsurteil ausjudizieren konnten unterschiedlich, indem sie die pathologische Charakteristik des Kriminellen in Betracht zog.

Wir können unsere Schlussfolgerungen häufig aus ausschließenden Hypothesen ziehen, indem wir zum Beispiel darüber nachsinnen, was geschehen würde, wenn ein bestimmtes Fehlverhalten keine pathologische Komponente enthalten würde. Wir kommen dann üblicherweise zum Schluss, dass die Tat nicht geschehen wäre, da der pathologische Faktor entweder das Geschehen besiegelt hat, oder zu einer unabdingbaren Komponente bei deren Entstehung geworden ist.

In dieser Hypothese liegt deshalb auch, dass solche Faktoren überall bei der Entstehung des Bösen am Werk sind. Die Schlussfolgerung, dass pathologische Faktoren im Allgemeinen bei ponerogenischen Prozessen ihren Anteil haben scheint noch wahrscheinlicher, wenn wir die ethischen Überzeugungen vieler Gelehrten in Betracht ziehen, dass das Böse eine Art Netz, oder ein Kontinuum wechselseitiger Konditionierung ist. Innerhalb dieser ineinander greifenden Struktur nährt die eine Art des Bösen andere Formen und öffnet ihnen das Tor, unabhängig jeglicher individueller oder überzeugungsberuhender Motivationen. Das Böse respektiert keine individuellen Grenzen, keine sozialen Gruppen und keine Nationen. Da innerhalb der Synthese in den meisten Fällen des Bösen pathologische Faktoren vorhanden sind, sind diese ebenfalls in diesem Kontinuum vorhanden.

In weiteren Betrachtungen der angestellten Beobachtungen wurde nur ein Teil der oben erwähnten vielfältigen Fälle unter die Lupe genommen, besonders jene Fälle, in denen keine inneren Zweifel über eine Unvereinbarkeit mit natürlichen moralischen Einstellungen aufgekommen sind, und jene Fälle, bei welchen keine praktischen Probleme bei einer tieferen Untersuchung zu erwarten waren (wie zum Beispiel ein Fernbleiben des Patienten). Der statistische Zugang lieferte nur allgemeine Richtlinien. Ein intuitives Eindringen in jedes individuelle Problem und eine ähnlich gelagerte Vorgehensweise bei dem Thema als Ganzes, stellte sich als die produktivste Methode in diesem Gebiet heraus.

Die Rolle der pathologischen Faktoren in einem Entstehungsprozess des Bösen kann von jedem bekannten oder noch nicht ausreichend erforschten psychopathologischen Phänomen, wie auch von manchen pathologischen Erscheinungen, die die medizinische Praxis nicht in die Psychopathologie miteinschließt, übernommen werden. Ihre Aktivität in einem ponerogenischen Prozess hängt jedoch von anderen Eigenschaften ab, als der Offensichtlichkeit oder der Intensität des Befindens. Im Gegenteil, die größte ponerogenische Aktivität wird durch pathologische Faktoren erreicht, und das mit einer Intensität, die es im Allgemeinen erlaubt, sie mittels klinischer Methoden auszumachen, obwohl sie in der Meinung des sozialen Umfeldes noch nicht als pathologisch angesehen werden. Solch ein Faktor kann daraufhin im Verborgenen die Fähigkeiten des Trägers einschränken, sein Verhalten zu kontrollieren, oder er kann Auswirkungen auf andere Menschen haben, indem er ihre Psyche traumatisiert, sie fasziniert und verursacht, dass sich die Persönlichkeiten der Menschen falsch entwickeln oder rachsüchtige Emotionen oder eine Lust zu Strafen entstehen lässt. Bei solchen Dingen und ihren Folgeerscheinungen eine moralisierende Interpretation vorzunehmen bedeutet, gegen die Fähigkeit der Menschheit zu agieren, die Ursachen des Bösen zu erkennen und den gesunden Menschenverstand zu nutzen, um das Böse zu bekämpfen. Aus diesem Grund können eine Identifikation solcher pathologischer Faktoren und die Offenlegung ihrer Aktivitäten sehr oft ihre ponerogenischen Funktionen ersticken.

Im Prozess der Entstehung des Bösen können pathologische Faktoren aus dem Inneren eines Menschen wirken, der eine schädigende Tat begangen hat. Solch eine Tat wird in der öffentlichen Meinung und von der Judikatur relativ leicht erkannt. Weit weniger häufig wird dabei betrachtet, wie sich äußere Einflüsse, die über ihre Träger ausgestrahlt werden, auf einzelne Menschen oder Gruppen auswirken. Solche Einflüsse spielen jedoch in der allgemeinen Entstehung des Bösen eine substantielle Rolle. Damit solche Einflüsse aktiv werden können, muss die betreffende pathologische Charakteristik auf moralische Weise interpretiert werden, also unterschiedlich von seiner wahren Natur. Für solche Aktivitäten gibt es viele Möglichkeiten. Betrachten wir vorerst die schädlichste Aktivität.

Jeder Mensch assimiliert im Laufe seines Lebens, und besonders während seiner Kindheit, psychologisches Material von anderen Menschen. Dies geschieht durch mentale Resonanz, Identifikation, Imitation und andere Formen der Kommunikation, woraufhin sich die eigene Persönlichkeit und Weltsicht bildet. Wenn das betreffende Material von pathologischen Faktoren und Missbildungen kontaminiert ist, wird sich die Persönlichkeit ebenfalls missgebildet entwickeln. Das Ergebnis ist eine Person, die unfähig ist, weder sich selbst noch andere Menschen zu verstehen, die keine normalen menschlichen Beziehungen führen kann und keine Moral besitzt; dieser Mensch entwickelt eine Persönlichkeit, die böse Taten mit einem nur sehr geringen Schuldgefühl begeht. Ist dieser Mensch wirklich schuldig?

Die uralten, bekannten moralischen Schwächen des Menschen, Unzulänglichkeiten in der Intelligenz, korrekte Schlussfolgerungen und Wissen verknüpfen sich mit der Wirkungsweise verschiedener pathologischer Faktoren und schaffen so ein komplexes Netzwerk von Ursachen, das häufig aus Feedback-Beziehungen oder geschlossenen kausalen Strukturen besteht. Praktisch bedeutet das, dass Ursache und Wirkung zeitlich oft weit auseinander liegen, was ein Nachspüren der Verbindungen sehr schwierig macht. Wenn unsere Perspektive der Beobachtung weit genug ist, erinnern uns die ponerogenischen Prozesse an komplexe chemische Vorgänge, wobei die Modifizierung eines einzelnen Faktors eine Veränderung des gesamten Prozesses hervorrufen kann. Botaniker kennen das Gesetz vom Minimum, bei dem das Wachstum einer Pflanze von den Inhaltsstoffen jener Komponente eingeschränkt wird, die in der Erde nur mangelhaft vorhanden ist. Gleichermaßen sollte ein Ausschalten (oder zumindest eine Einschränkung) der Wirkungsweise einer der erwähnten Faktoren oder Mängel eine entsprechende Abschwächung des gesamten Prozesses der Genese des Bösen zur Folge haben.

Moralisten haben uns seit Jahrhunderten angewiesen, Ethik und menschliche Werte zu entwickeln; sie waren auf der Suche nach korrekten intellektuellen Kriterien. Auch achteten sie die Korrektheit der Vernunft, dessen Wert in diesem Bereich außer Frage steht. Doch trotz all ihrer Bemühungen waren sie nicht in der Lage, die vielen Arten des Bösen zu überwinden, die die Menschheit seit Jahrhunderten geißeln und die gegenwärtig ungeahnte Proportionen annehmen.

Ein Ponerologe wünscht keinesfalls die Rolle der moralischen Werte in diesem Bereich zu schmälern — ganz im Gegenteil, er möchte sie mit bislang unterbewertetem wissenschaftlichen Wissen stärken, um das Szenario als Ganzes abzurunden, es besser auf die Realität abzustimmen und dabei effektivere Handlungen in der moralischen, psychologischen, sozialen und politischen Praxis zu ermöglichen.

Diese neue Disziplin ist deshalb hauptsächlich an der Rolle der pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen interessiert. Dies besonders deshalb, weil eine bewusste Kontrolle und eine Beobachtung dieser Faktoren auf wissenschaftlicher, sozialer und individueller Ebene solche Prozesse effizient vermeiden oder entschärfen könnte. Was seit Jahrhunderten unmöglich war, wird nun in der Praxis durchführbar, Dank der Fortschritte in lebensnahen Erkenntnissen. Methodologische Verfeinerungen hängen von der weiteren Entwicklung detaillierter Daten und der Überzeugung ab, dass solch eine Vorgehensweise nützlich ist.

Im Zuge der Psychotherapie können wir zum Beispiel einen Patienten darüber informieren, dass wir bei der Untersuchung der Entstehung seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens, Einflüsse eines oder mehrerer Menschen mit psychopathologischen Charakteristika feststellen können. Wir begehen damit einen Eingriff, der für den Patienten schmerzhaft ist und der verlangt, dass wir in der weiteren Folge taktvoll und professionell damit umgehen. Als Resultat dieses Eingriffes entwickelt der Patient jedoch eine Art Selbstanalyse, die ihn von den Ergebnissen besagter Einflüsse befreit und ihm ermöglicht, beim Umgang mit ähnlich gelagerten Faktoren eine kritische Distanz einzunehmen. Seine Rehabilitation wird davon abhängen, ob er seine Fähigkeiten, sich selbst und andere zu verstehen, verbessern kann. Dank dieser Einsicht kann er seine inneren und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten leichter überwinden und Fehler vermeiden, die ihm und seinem unmittelbaren Umfeld Schmerzen bereiten.

Pathologische Faktoren

Versuchen wir nun eine präzise Beschreibung von einigen Beispielen solcher pathologischer Faktoren, die sich in ponerogenischen Prozessen als die Aktivsten herausgestellt haben. Die Auswahl der Beispiele erfolgte aufgrund der eigenen Erfahrung des Autors und nicht auf Basis vollständiger statistischer Daten — deshalb können sie sich von der Beurteilung anderer Spezialisten unterscheiden. Vieles hängt von der jeweiligen Situation ab. Ein paar statistische Daten wurden aus anderen Arbeiten hergeleitet oder stammen aus ähnlichen Einschätzungen, die unter Zuständen erarbeitet wurden, die es nicht erlaubten, den gesamten Themenkomplex ausreichend zu erforschen. Der geneigte Leser möge sich nochmals die Umstände in Erinnerung rufen, unter denen der Autor gearbeitet hatte, wie auch die Zeit und den Ort.

Auch sollen einige historische Persönlichkeiten erwähnt werden, Menschen, deren pathologische Charakteristik zur Genese des Bösen auf breiter sozialer Basis beigetragen hatte und die dem Schicksal der Nationen ihren Stempel aufgedrückt haben. Es ist keine leichte Aufgabe eine Diagnose für Menschen zu erstellen, deren psychologische Anomalien und Krankheiten mit ihnen gestorben sind. Die Resultate solch klinischer Analysen sind sogar für eine Infragestellung von Leuten offen, die auf diesem Gebiet kein Wissen und keine Erfahrung besitzen, da sich das reine Bemerken solcher Geisteszustände mit ihren historischen oder literarischen Denkweisen nicht in Einklang bringen lässt. Während solche Annahmen auf Basis des Vermächtnisses der natürlichen und häufig moralisierenden Sprache geschehen, kann ich nur nochmals versichern, dass ich meine Entdeckungen immer auf vergleichende Daten bezogen habe, welche die zahlreichen Beobachtungen zum Ergebnis hatten, die ich mithilfe der objektiven Methode der zeitgenössischen klinischen Psychologie im Studium vieler ähnlich gelagerter Fälle durchgeführt habe. Ich habe mich diesem Thema so weit wie möglich kritisch angenähert. Die Meinungen von Spezialisten, die auf ähnliche Weise vorgegangen sind, verbleiben trotzdem wertvoll.

Anerzogene Abweichungen

Das Gehirn hat nur sehr geringe regenerative Fähigkeiten. Wenn ein Teil des Gehirns verletzt wurde und daraufhin zu heilen beginnt, kann ein Rehabilitationsprozess stattfinden, worin die angrenzenden, gesunden Bereiche im Gehirn die Funktionen des beschädigten Teils übernehmen. Dieser Ersatz ist jedoch niemals perfekt; aus diesem Grund können in allen Fällen — sogar bei sehr kleinen Verletzungen — Mängel in den Fähigkeiten und korrekten psychologischen Prozessen festgestellt werden. Mittels entsprechender Tests kann dies erkannt werden. Fachleute sind sich der vielfältigen Ursachen für die Entstehung solcher Mängel bewusst. Auch Trauma und Infektionen spielen hier eine Rolle. Wir sollten hier betonen, dass die psychologischen Resultate solcher Veränderungen — wie wir viele Jahre später beobachten können — in ihrer Schwere vom Ort der Verletzung in der Gehirnmasse abhängen, ob sie sich an der Oberfläche oder mitten im Gehirn befinden, und nicht von der Ursache, warum sie entstanden sind. Die Qualität der Konsequenzen ist auch davon abhängig, wann sie — im Leben eines Menschen — aufgetreten sind.

In Bezug auf die pathologischen Faktoren des ponerogenischen Prozesses zeigen Schäden, die um den Zeitpunkt der Geburt herum oder in der frühen Kindheit entstanden sind, aktivere Ergebnisse als Verletzungen, die später im Leben geschehen sind.

In Gesellschaften mit einer hoch entwickelten medizinischen Versorgung finden wir in den ersten Klassen der Grundschulen (sobald Test durchgeführt werden können), dass 5 bis 7 Prozent der Kinder unter Gehirnläsionen leiden, die gewisse akademische Schwierigkeiten oder Verhaltensstörungen verursachen. Dieser Prozentsatz steigt mit zunehmendem Alter. Die moderne medizinische Versorgung hat hier zu einer Abnahme solcher Phänomene beigetragen, in relativ unzivilisierten Ländern und in der Vergangenheit waren und sind jedoch Anzeichen von Schwierigkeiten, die durch solche Veränderungen im Gehirn verursacht werden, öfter anzutreffen.

Epilepsie und ihre vielen Ausformungen sind das älteste bekannte Resultat solcher Läsionen; sie kann jedoch nur in einer relativ kleinen Gruppe von Menschen beobachtet werden. Hier sind sich die Forscher ziemlich einig, dass Julius Cäsar und später Napoleon Bonaparte unter epileptischen Anfällen gelitten haben. Dies waren wahrscheinlich Fälle von vegetativer Epilepsie, die durch Läsionen verursacht wurden, die tief im Gehirn nahe den vegetativen Zentren lagen. Diese Art von Epilepsie hat keine Demenz zur Folge. Das Ausmaß, bis zu dem diese versteckten Leiden ihre Charaktere und ihre historischen Entscheidungen negativ beeinflussten, oder ob sie eine ponerogenische Rolle einnahmen, kann in einer anderen Arbeit untersucht werden. Es wäre von größtem Interesse. In den meisten Fällen jedoch ist Epilepsie eine offenkundige Krankheit, die deren Rolle als ponerogenischer Faktor einschränkt.

Ein weitaus größerer Bereich bei Trägern von Gehirnverletzungen wächst im Laufe der Zeit — die negative Deformation ihrer Charaktere. Dies nimmt die unterschiedlichsten mentalen Formen an, jeweils abhängig von den Eigenschaften und der Lokalisation der Veränderungen im Gehirn, dem Zeitpunkts ihres Entstehens und auch von den jeweiligen Lebensumständen nach der Verletzung. Wir wollen solche Charakterstörungen als Charakteropathien bezeichnen. Manche Charakteropathien sind im Prozess der Entstehung des Bösen in ihrer Funktion als pathologische Agenten ausschlaggebend. Wir wollen nun die aktivsten unter ihnen beschreiben.

Charakteropathien weisen bestimme ähnliche Merkmale auf, wenn das klinische Bild nicht durch das zusätzliche Vorhandensein weiterer mentaler Anomalien (die üblicherweise vererbt sind) getrübt ist, was in der Praxis zeitweilig vorkommt. Gesundes Gehirngewebe enthält die natürlichen psychologischen Eigenschaften unserer Art. Dies zeigt sich besonders bei instinktiven und affektiven Reaktionen, die zwar natürlich, aber häufig nicht ausreichend kontrolliert sind. Inmitten der normalen menschlichen Welt, zu der sie von Natur aus zugehörig sind, leben Menschen mit solchen Anomalien. Auf diese Weise finden ihre unterschiedliche Art zu denken, ihre emotionale Gewalttätigkeit und ihr Egotismus relativ leicht Eintritt in die Psyche anderer Menschen, wo sie in Kategorien der alltäglichen Welt wahrgenommen werden. Verhalten sich Menschen mit Charakterstörungen solcherart, dann werden die Psyche und die Gefühle der normalen Menschen traumatisiert und schrittweise verschwindet ihre Fähigkeit, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen. Trotz ihres Widerstandes gewöhnen sich Opfer von Charakteropathen an die rigiden Verhaltensweisen einer pathologischen Denkweise und deren Praxis. Wenn es sich um junge Opfer handelt, leidet die Persönlichkeit unter einer abnormalen Entwicklung, die zu einer Fehlbildung der Persönlichkeit an sich führt. Deshalb stellen Charakteropathen und deren Opfer pathologische, ponerogenische Faktoren dar, durch deren verborgene Aktivitäten mit Leichtigkeit neue Phasen in der ewigen Entstehung des Bösen erzeugt werden und die Tür für eine spätere Aktivierung weiterer Faktoren geöffnet wird, die dann die Hauptrolle übernehmen.

Ein relativ gut dokumentiertes Beispiel solch eines Einflusses einer charakteropathischen Persönlichkeit auf makrosozialer Ebene ist der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II.3 Während seiner Geburt erlitt er ein Hirntrauma. Während und nach seiner Regentschaft wurde seine körperliche und psychische Behinderung vor der Öffentlichkeit verborgen. Die motorischen Fähigkeiten seines linken Armes waren beeinträchtigt. Er lernte als Kind nur sehr schwer Grammatik, Geometrie und Zeichnen, jene drei akademischen Schwierigkeiten, die bei kleineren Hirnverletzungen typischerweise auftreten. Er entwickelte eine Persönlichkeit mit kindlichen Merkmalen und unzureichender Kontrolle über seine Emotionen, wie auch mit einer auf eine Weise paranoiden Denkweise, mit der er mit Leichtigkeit den Kern einiger schwerwiegender Angelegenheiten umging, um so Problemen auszuweichen.

Militärische Posen und eine Generalsuniform überkompensierten seine Minderwertigkeitsgefühle und verdeckten effektiv seine Unzulänglichkeiten. Politisch hatte er keine Kontrolle über seine Gefühle und es wurden auch Facetten persönlichen Hasses sichtbar. Bismarck musste gehen, der alte, eiserne Reichskanzler, der abgefeimte und unnachgiebige Politiker, der loyal zur Monarchie stand und der für die preußische Macht verantwortlich war. Letztendlich wusste er zuviel über die Behinderungen des Prinzen und er war auch gegen seine Krönung. Offen kritischen Menschen widerfuhr ein ähnliches Schicksal, sie wurden durch Leute ersetzt, die weniger klug und weniger subversiv waren, und die — zum Teil — auch leichte psychologische Abweichungen aufwiesen. Es gab ein negatives Auswahlverfahren.

Da die normalen Menschen dazu geneigt waren, sich mit dem Kaiser zu identifizieren, konnte dieser mittels seines Regierungssystems charakteropathische Entscheidungen hervorbringen, die zum Ergebnis hatten, dass viele Deutsche schrittweise ihre Fähigkeit zur Nutzung ihres gesunden Menschenverstandes verloren. Eine ganze Generation wuchs mit psychologischen Missbildungen in Bezug auf ihre Gefühle und ihr moralisches, psychologisches, soziales und politisches Verständnis der Realitäten auf. Es ist außerordentlich typisch, dass es in vielen deutschen Familien ein Mitglied gab, das psychologisch nicht normal war. Es war sogar eine Ehrensache (sogar ruchloses Benehmen wurde entschuldigt), diese Tatsache nicht offen zu zeigen und dies sogar vor nahen Freunden und Verwandten zu verbergen. Dieses psychopathologische Material wurde gemeinsam mit einer unrealistischen Denkweise von großen Bereichen der deutschen Gesellschaft aufgenommen, worin Sprüchen und Schlagwörtern die Macht von Argumenten übertragen wird und reale Fakten einer unterbewussten Selektion ausgesetzt sind.

Dies geschah zu einer Zeit, als in ganz Europa eine Welle der Hysterie immer stärker anwuchs, was eine Tendenz der Herrschaft von Emotionen über das menschliche Verhalten mit einschließt, wie auch darin enthaltene Elemente theatralischen Gebarens. Wie ein individuell besonnener Gedanke von einem solcherart gefärbten Verhalten terrorisiert werden kann, zeigte sich besonders bei Frauen. Dies verbreitete sich sukzessive über drei Kaiserreiche und auch über andere Länder auf dem Kontinent.

Wie hat nun Wilhelm II, gemeinsam mit zwei weiteren Kaisern, die ebenfalls nicht in der Lage waren, die historischen Fakten zu verstehen und die auch nicht regieren konnten, zu diesem Umstand beigetragen? Bis zu welchem Ausmaß waren sie selbst von der verstärkten Hysterie während ihrer Regentschaften beeinflusst? Dies wäre ein interessanter Diskussionspunkt unter Historikern und Ponerologen.

Die internationalen Spannungen wurden intensiver. Erzherzog Ferdinand wurde in Sarajevo ermordet. Unglücklicherweise waren weder der Kaiser noch irgendeine andere Regierungsautorität in seinem Land im Vollbesitz ihrer Vernunft. Die darauf folgenden Sequenzen wurden von Wilhelms emotionaler Verhaltensweise und den Stereotypen von Gedanken und Handlung, die aus der Vergangenheit übernommen wurden, dominiert. Der Krieg brach aus. Die vorhandenen Kriegspläne, die in früheren Zeiten vorbereitet worden waren, verloren angesichts der neuen Umstände ihre Bedeutung und gestalteten sich eher wie militärische Manöver. Sogar jene Historiker, die mit der Entstehung und dem Charakter des preußischen Reiches vertraut sind - also auch der ideologischen Unterwerfung der Menschen unter der Autorität von König und Kaiser und seiner Tradition eines blutigen Expansionismus — sind der Auffassung, dass in diesen Situationen ein unverständliches Verhängnis lag, das nach einer Analyse der historischen Ursachen verlangt.4

Es wird immer dieselbe besorgte Frage von vielen bedachten Menschen gestellt: Wie konnte es geschehen, dass die deutsche Nation als Führer einen clownesken Psychopathen gewählt hatte, der aus seinen pathologischen Visionen einer Herrschaft der Herrenrasse kein Hehl machte? Unter seiner Führung brach Deutschland einen zweiten kriminellen und politisch absurden Krieg vom Zaun. Während der zweiten Hälfte dieses Krieges führten hochqualifizierte Wehrmachtsoffiziere unmenschliche Befehle aus, die sowohl aus politischer wie auch militärischer Sicht völlig sinnlos waren, ausgegeben von einem Mann, dessen psychologischer Zustand den allgemeinen Kriterien entsprach, die bei einem Durchschnittsbürger für eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt gereichen.

Jeder Versuch, die Geschehnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mittels allgemein akzeptierter historischer Anschauung zu erklären, hinterlässt ein quälendes Gefühl der Unzulänglichkeit. Nur eine ponerologische Annäherung kann diesen Mangel in unserem Verständnis kompensieren, so wie sie auch der Rolle der verschiedenen pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen auf jeder sozialen Ebene ihren Platz einräumt.

Die deutsche Nation, seit einer Generation mit psychologisch veränderten Materialien genährt, fiel in einen Zustand, der mit dem Zustand bestimmter Menschen vergleichbar ist, die von Menschen großgezogen wurden, die sowohl charakteropathische als auch hysterische Züge aufweisen. Psychologen wissen aus Erfahrung, wie häufig solche Menschen sich gestatten Dinge zu tun, die andere Menschen ernsthaft verletzen. Ein Psychotherapeut benötigt ein gutes Stück ausdauernde Arbeit, Talent und Besonnenheit, um einem solchen Menschen zu ermöglichen, seine Fähigkeit wiederzuerlangen, psychologische Probleme mit einem natürlicheren Realismus zu verstehen und seine gesunde Kritikfähigkeit in Bezug auf sein eigenes Verhalten zu benutzen.

Die Deutschen verschuldeten im ersten Weltkrieg enormen Schaden und Leid, und sie litten auch selbst darunter. Sie fühlten sich deshalb nicht als Hauptschuldige. Sie waren sogar der Meinung, dass sie diejenigen waren, denen Urecht angetan wurde. Dies ist nicht überraschend, da sie sich ja im Einklang mit ihrem angewöhnten Verhalten befanden, ohne sich dabei der pathologischen Ursachen bewusst zu sein. Die Notwendigkeit, diesen pathologischen Zustand nach einem Krieg in heroischer Verkleidung zu verbergen, um einen schmerzlichen Zerfall zu vermeiden, verbreitete sich allzu sehr. Es entstand ein mysteriöses Verlangen, als ob der soziale Organismus nach einer Droge süchtig wäre. Das Verlangen nach noch mehr pathologisch verändertem psychologischem Material, ein Phänomen, das aus der psychotherapeutischen Praxis bekannt ist. Dieser Hunger konnte nur durch eine ähnlich pathologische Persönlichkeit gestillt werden, und durch ein ähnliches Regierungssystem. Der Weg des Führers, ein Psychopath, wurde durch eine charakteropathische Persönlichkeit geebnet. Wir werden etwas später bei unseren Ausführungen auf diese psychopathische Persönlichkeitsfolge zurückkommen, da dies offenbar eine allgemeine Regelmäßigkeit bei ponerogenischen Prozessen ist.

Eine ponerologische Annäherung erleichtert unser Verständnis über einen Menschen, der dem Einfluss einer charakteropathischen Persönlichkeit unterliegt, wie auch das Verständnis eines makrosozialen Phänomens, das durch die Wirkung solcher Faktoren verursacht wird. Unglücklicherweise kann nur relativ wenigen dieser Menschen durch eine angemessene Psychotherapie geholfen werden. Solche Verhaltensweisen können nicht Nationen zugeschrieben werden, die stolz ihre Souveränität ohne extreme Reaktionen verteidigen. Wir können jedoch eine Lösung solcher Probleme mittels des richtigen Wissens als Vision für die Zukunft betrachten.


Paranoide Charakterstörungen: Bei Menschen mit paranoidem Verhalten ist es charakteristisch, dass sie fähig sind, relativ korrekte Schlussfolgerungen zu ziehen und an Diskussionen teilnehmen zu können, solange es sich um nur kleinere Meinungsverschiedenheiten handelt. Dies hört abrupt auf, wenn die Argumente des Gegenübers beginnen, ihre überbewerteten Vorstellungen zu untergraben, die lange gehegten Stereotypen ihrer Schlussfolgerungen zerschlagen oder sie zwingen, eine Feststellung einzunehmen, die sie bereits unterbewusst abgewiesen haben. Solch eine Stimulans lässt auf das Gegenüber eine Tirade von pseudo-logischen, weitestgehend paramoralistischen und häufig beleidigenden Äußerungen niederprasseln, die immer auch ein gewisses Maß an Suggestion enthalten.

Äußerungen solcher Art erzeugen Aversionen unter kultivierten und logischen Menschen, die in der Folge dazu tendieren, paranoide Menschen zu meiden. Die Macht des Paranoiden liegt jedoch in der Tatsache, dass sie leicht weniger kritische Geister versklaven können, d.h. Menschen mit anderen psychologischen Mängeln, die bereits Opfer von egotistischen Einflüssen durch Menschen mit Charakterstörungen waren, und ganz besonders ein großer Teil der Jugend.

Ein Proletarier mag diese Macht zur Versklavung als eine Art Sieg über höherrangige Menschen einschätzen und sich aus diesem Grund auf die Seite des Paranoiden stellen. Dies ist jedoch nicht die übliche Reaktion der normalen Menschen, deren Wahrnehmung der psychologischen Realität nicht unter jener von Intellektuellen liegt.

Im Gesamten ist demnach die Reaktion einer Akzeptanz paranoider Argumentation qualitativ häufiger in umgekehrter Proportion zur Zivilisationsstufe der betreffenden Gesellschaft, obgleich sie niemals die Mehrheit erreicht. Nichtsdestotrotz sind sich paranoide Menschen ihres versklavenden Einflusses bewusst, durch Erfahrung und durch ihre Versuche, daraus auf pathologisch egotistische Weise einen Vorteil zu ziehen.

Wir wissen heute, dass der psychologische Mechanismus des paranoiden Phänomens ein zweifacher ist: Zum einen wird er durch Schäden im Gehirngewebe verursacht, zum anderen ist er funktional oder liegt im Verhalten. Innerhalb des zuvor erwähnten Prozesses der Wiederherstellung verursacht jegliche Hirnverletzung ein gewisses Maß an Abschwächung akkuraten Denkens und in der Folge eine Schwächung der Persönlichkeitsstruktur. Besonders typisch sind Fälle, die durch eine Aggression im Diencephalon (Zwischenhirn)5 durch verschiedenste pathologische Faktoren entstehen und eine permanente Einschränkung tonaler Fähigkeiten zur Folge haben, wie auch gleichermaßen der Tonizität der Inhibition im Kortex. Besonders während schlafloser Nächte lassen unkontrollierte Gedanken eine paranoide Veränderung der Sichtweise auf die menschliche Realität entstehen, wie auch Ideen, die entweder leicht naiv oder stark revolutionär sein können. Wir wollen diese Ausformung als paranoide Charakteropathie bezeichnen.

Bei Menschen, die frei von Gehirnläsionen sind, entstehen solche Phänomene häufig als Resultat einer Erziehung durch paranoide Charakteropathen, gemeinsam mit dem psychologischen Schrecken ihrer Kindheit. Eine solche psychologische Basis wird dann assimiliert und schafft so die rigiden Stereotypen abnormaler Erfahrungen. Dies macht es für das Denken und die Weltsicht schwierig, sich normal zu entwickeln, und vom Schrecken blockierte Inhalte werden zu permanenten, funktionalen und kongestiven Zentren transformiert.

Iwan Pawlow verstand alle Arten von paranoiden Zuständen auf eine Weise, die ähnlich seinem Funktionsmodell war, ohne sich jedoch dieser grundlegenden und primären Ursache bewusst gewesen zu sein. Er konnte trotzdem eine lebendige Beschreibung paranoider Charaktere liefern, wie auch der oben erwähnten Leichtigkeit, mit der sich paranoide Menschen plötzlich von Sachlichkeit und korrekten Gedankengängen verabschieden. Jene Leser seiner Arbeit über dieses Thema, die über die Zustände in der ehemaligen Sowjetunion ausreichend informiert sind, können eine weitere historische Bedeutung aus seinem kleinen Buch ableiten. Seine Absicht war offenkundig. Pawlow widmete seine Arbeit, natürlich ohne jeglichen Hinweis, der Leitfigur paranoider Persönlichkeiten: Dem revolutionären Führer Lenin, mit dem der Wissenschafter gut bekannt war. Als guter Psychologe konnte Pawlow vorhersehen, dass er nicht zum Gegenstand seiner Rache werden würde, da der paranoide Geist egozentrische Assoziationen in diesem Fall nicht zulassen würde. So war er in der Lage, eines natürlichen Todes sterben zu können.

Nichtsdestotrotz sollte Lenin zur ersten und charakteristischsten Art paranoider Persönlichkeiten hinzugezählt werden, höchstwahrscheinlich aufgrund eines Schadens im Diencephalon. Wassili Grossman6 beschreibt Lenin wie folgt:

Beispiele: Symptom:
Lenin war immer taktvoll, vornehm und freundlich, doch gleichzeitig durch einen außerordentlich scharfen, rücksichtslosen und brutalen Umgang mit seinen politischen Gegnern charakterisiert. Asthenisation. *) Fixierung und Stereotypie.
Er gestattete es niemals, dass diese bei irgendeiner Frage zumindest ein wenig recht hatten, oder dass er sich möglicherweise auch nur im Geringsten geirrt haben könnte. Pathologischer Egotismus.
Er bezeichnete seine Gegner oft als Krämer, Lakaien, Dienstboten, Söldner, Agenten oder Judase, die sich um 30 Silberlinge bestechen lassen. Paramoralismus.
Er versuchte niemals, seine Gegner während eines Disputs zu überreden. Er kommunizierte nicht mit ihnen, sondern mir denjenigen, die den Streit beobachteten, um seine Widersacher lächerlich zu machen und sie bloßzustellen. Manchmal waren diese Beobachter nur ein paar Leute, manchmal waren es tausende Delegierte bei einem Kongress und manchmal waren es Millionen von Menschen, die in Massen die Zeitungen lasen. Ein fesselnder Redner, der sich seiner Auswirkungen bewusst ist. Mangel an Selbstkritik.

*) Asthenisation7

Frontale Charakteropathie: Die vorderen Bereiche des zerebralen Kortex (10A und B nach Brodmann) sind so gut wie in keinem Geschöpf vorhanden, außer im Menschen. Sie bestehen aus dem phylogenetisch jüngsten Nervengewebe. Ihre Zytoarchitektur ist ähnlich den weit älteren Bereichen der visuellen Projektion auf der gegenüberliegenden Seite des Gehirns. Dies lässt eine ähnliche Funktionsweise vermuten. Der Autor hat einen relativ leichten Weg gefunden, diese psychologische Funktion zu testen, die uns ermöglicht, eine bestimmte Anzahl erdachter Elemente in unserem Bewusstseinsfeld zu erfassen, und diese einer inneren Betrachtung zu unterziehen. Die Kapazität dieser Innenschau unterscheidet sich von Mensch zu Mensch sehr stark und stellt so eine statistische Wechselbeziehung mit ähnlichen Vielfältigkeiten in der anatomischen Ausdehnung solcher Bereiche dar. Die Korrelation zwischen diesem Vermögen und der allgemeinen Intelligenz liegt weit niedriger. Wie Wissenschafter (Luria et al.) es beschrieben haben, scheinen die Funktionen dieser Bereiche in der Beschleunigung von Denkprozessen und der Koordination dieser Basisfunktion zu resultieren.

Eine Schädigung dieses Bereichs tritt eher häufig auf: Bei der Geburt, kurz davor oder kurz danach, besonders bei Frühgeburten, und auch später im Leben, durch verschiedene Gründe verursacht. Die Anzahl solch perinataler Hirnverletzungen konnte mittels einer verbesserten medizinischen Versorgung schwangerer Frauen und Neugeborener beträchtlich gesenkt werden. Die spektakuläre ponerogenische Rolle, die aus Charakterstörungen resultiert, die durch diesen Umstand verursacht wurden, kann als charakteristisch für vergangene Generationen und primitive Kulturen angesehen werden.

Wenn der Kortex in diesen Bereichen geschädigt ist, vermindert dies selektiv die oben erwähnten Funktionen, ohne dabei das Gedächtnis und die assoziativen Fähigkeiten zu beeinträchtigen. Im Besonderen werden dabei auch nicht solch instinktbasierende Gefühle und Funktionen wie zum Beispiel die Fähigkeit, eine psychologische Situation intuitiv einzuschätzen, eingeschränkt. Die allgemeine Intelligenz eines Menschen ist somit kaum betroffen. Kinder, die einen solchen Defekt aufweisen, sind fast normale Schüler. Schwierigkeiten entstehen plötzlich in höheren Schulstufen; sie betreffen prinzipiell jene Bereiche im Lehrplan, welche die erwähnten Funktionen beanspruchen.

Der pathologische Charakter solcher Menschen, der üblicherweise eine hysterische Komponente enthält, entwickelt sich über die Jahre. Die nicht beeinträchtigten psychologischen Funktionen werden als Kompensation überentwickelt, was bedeutet, dass instinktive und affektive Reaktionen vorherrschen. Relativ vitale Menschen werden angriffslustig, risikofreudig und brutal, sowohl in Worten als auch in Taten.

Menschen mit einem angeborenen Talent psychologische Situationen intuitiv einzuschätzen, neigen dazu, aus dieser Gabe auf egotistische und rücksichtslose Weise Vorteile zu ziehen. Im Denkprozess solcher Leute entwickelt sich eine Abkürzung, die die eingeschränkte Funktion umgeht und so von den Assoziationen direkt zu Worten, Taten und Entscheidungen führt, die keiner kritischen Betrachtung unterzogen werden. Diese Menschen interpretieren ihr Talent, Situationen intuitiv einschätzen und in Sekundenschnelle übervereinfachte Entscheidungen treffen zu können, als Überlegenheit gegenüber normalen Menschen, die lange nachdenken müssen und Selbstzweifel sowie zwiespältige Motivationen erfahren. Das Schicksal solcher Geschöpfe verdient es nicht, lange betrachtet zu werden.

Solche „stalinistischen Charaktere“ traumatisieren und fesseln aktiv andere Menschen und sie haben es durch ihre Beeinflussung außergewöhnlich leicht, der Kontrolle des gesunden Menschenverstandes zu entkommen. Ein großer Teil der Menschen neigt dazu, solchen Leuten mit besonderen Fähigkeiten zu vertrauen. Dadurch erliegen sie ihren egotistischen Glaubenssätzen. Wenn ein Elternteil einen solchen Defekt aufweist, dann weisen alle Kinder in der Familie, wie klein dieser Mangel auch sein mag, eine entsprechende Anomalie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auf.

Der Autor studierte eine ganze Familiengeneration von älteren, gebildeten Menschen, bei der dieser Einfluss von der ältesten Schwester ausging, die unter einer vorgeburtlichen Störung in den frontalen Hirnzentren litt. Ihre vier Brüder waren der Schwester seit frühester Kindheit ausgesetzt und nahmen so pathologisch verändertes Material auf, einschließlich der immer stärker werdenden Komponente ihrer Hysterie. Sie hielten bis ins Alter an den Persönlichkeitsverformungen und der deformierten Weltsicht, wie auch an den dadurch verursachten hysterischen Eigenschaften fest, deren Intensität je nach Altersunterschied abnahm.

Durch die unterbewusste Auswahl von Informationen war es für die Brüder unmöglich, jeglichen kritischen Kommentar über den Charakter ihrer Schwester zu verstehen. Darüber hinaus nahmen sie jede Bemerkung solcher Art als Angriff auf die Familienehre wahr.

Die Brüder akzeptierten die pathologischen Wahnvorstellungen der Schwester als real, wie auch die Klagen über ihren „bösen“ Ehemann (obwohl dieser in Wirklichkeit ein anständiger Mann war) und ihren Sohn, der für sie ein Sündenbock war, an dem sie sich für ihr Versagen rächen konnte. Sie nahmen somit an einer Welt von rachsüchtigen Emotionen teil und betrachteten ihre Schwester als völlig normal, die sie, auch wenn die Schwester Anzeichen von Abnormität zeigte, wenn es nötig war auch mit widerwärtigsten Methoden verteidigen mussten. Sie waren der Meinung, dass normale Frauen geistlos und naiv und nur für eine sexuelle Eroberung gut seien. Keiner der Brüder gründete je eine gesunde Familie oder entwickelte eine seinem Alter angemessene Lebensweisheit.

Die Charakterentwicklung dieser Familie beinhaltete auch viele weitere Faktoren, die von der Zeit und vom Ort abhängig waren, wo sie großgezogen wurden: die Jahrhundertwende (19. auf 20. Jh.), ein patriotischer polnischer Vater und eine deutsche Mutter, die die Regeln der damaligen Zeit befolgte, indem sie formal die Nationalität ihres Mannes akzeptierte, jedoch weiterhin eine Fürsprecherin des Militarismus und der allgemeinen Akzeptanz der intensivierten Hysterie war, die damals Europa überzogen hatte. Es war das Europa der drei Kaiser: Die Pracht dreier Menschen mit eingeschränkter Intelligenz, von denen zwei pathologische Züge aufwiesen. Das Konzept der „Ehre“ heiligte den Triumph. Jemandem zu lange ins Gesicht zu schauen konnte schon ausreichen, zu einem Duell aufgefordert zu werden. Die Brüder wurden also zu tapferen Duellanten mit Säbelnarben erzogen; die Schläge, die sie ihren Gegnern zugefügt haben, waren jedoch häufiger und weit schlimmer.

Wenn Menschen mit einer humanistischen Bildung die Persönlichkeiten dieser Familie betrachten, schließen sie daraus, dass die Gründe für die Bildung solcher Merkmale in der damaligen Zeit und deren Gebräuchen zu suchen seien. Wenn jedoch die Schwester nicht unter einer Schädigung ihres Gehirns gelitten hätte und dieser pathologische Faktor nicht vorhanden gewesen wäre (eine ausschließende Hypothese), hätten sich ihre Persönlichkeiten sogar während der damaligen Zeit auf normalere Weisen entwickelt. Sie wären zu kritischeren und den Werten gesunder Vernunft und des Humanismus zugänglicheren Menschen geworden. Sie hätten bessere Familien gegründet und sensiblere Ratschläge von klüger ausgewählten Ehefrauen erhalten. Und das Böse, das sie in ihren Leben zu freizügig gesät haben, wäre entweder gar nicht vorhanden, oder wäre zumindest auf ein solch kleines Maß reduziert, das von entfernteren pathologischen Faktoren konditioniert worden wäre.

Vergleichende Betrachtungen führten den Autor auch zum Ergebnis, dass Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili, auch als Stalin bekannt, in die Liste dieser speziellen ponerogenischen Charakteropathie aufgenommen werden sollte. Die ponerogenische Charakteropathie entwickelte sich im Hintergrund einer perinatalen Verletzung seiner präfrontalen Hirnrinde. Literatur und Nachrichten über ihn strotzen nur so von Indikationen: brutal, charismatisch, betörend; treffen von unabänderlichen Entscheidungen; unmenschlich rücksichtslos, pathologische Rachsucht, die auf jeden gerichtet war, der sich ihm in den Weg stellte; ein egotistischer Glaube an sein eigenes Genie, obwohl sein Geist tatsächlich nur durchschnittlich ausgeprägt war. Dieser Zustand erklärt sehr gut seine psychologische Abhängigkeit von einem Psychopathen wie Beria8. Einige Fotos zeigen eindeutig eine typische Deformation seiner Stirn, die bei Menschen vorkommt, die unter einer wie oben erwähnten frühen Schädigung leiden. Seine typischen unabänderlichen Entscheidungen beschrieb seine Tochter wie folgt:


Hatte Vater jemanden, der ihm gut bekannt war, fallengelassen, ihn aus seinem Herzen gestoßen und in seiner Seele bereits in die Kategorie der „Feinde“ eingereiht, dann war es unmöglich, die Rede auf diesen Menschen zu bringen. Eine „Kehrtwendung“ zu machen, den Betreffenden aus der Kategorie der Feinde, das heißt, der angeblichen Feinde, zurückzuholen, dazu war er nicht imstande, und er geriet bei solchen Versuchen nur in Wut. Weder Redens noch Onkel Pawluscha oder A.S. Swanidse vermochten da irgendetwas auszurichten. Das einzige, was sie erreichten, war der Abbruch des eigenen Kontakts mit dem Vater, der Verlust seines Vertrauens. Er trennte sich von jedem von ihnen und betrachtete sie, nachdem er sie zum letzten Mal gesehen hatte, als potentielle persönliche Gegner, das heißt als Feinde…9


Wir kennen die Auswirkungen, wenn er jemanden „aus seinem Herzen gestoßen hat“, wie es in der Geschichte der damaligen Zeit dokumentiert ist.

Wenn wir über die Bandbreite des Bösen nachdenken, das mit Hilfe Stalins geschaffen wurde, dann sollten wir immer auch diese höchst ponerogenische Charakteropathie in Betracht ziehen und ihr das korrekte Maß an Verantwortung dafür beimessen. Unglücklicherweise ist dieser Bereich noch nicht ausreichend erforscht. Wir müssen dabei viele andere pathologische Abweichungen beachten, da diese bei diesem makrosozialen Phänomen eine entscheidende Rolle spielen. Ungeachtet der pathologischen Aspekte dieser Vorkommen öffnet deren eingeschränkte Interpretation durch historische und moralische Betrachtungen das Tor zu weiteren ponerogenischen Faktoren. Solche Schlussfolgerungen sollten demnach als nicht nur wissenschaftlich ungenügend, sondern auch als unmoralisch angesehen werden.


Von Medikamenten bedingte Charakteropathien: Während der letzten Jahrzehnte begann die Medizin eine Reihe von Medikamenten hervorzubringen, die ernsthafte Nebenwirkungen haben. Sie greifen das Nervensystem an und richten bleibenden Schäden an. Diese Beeinträchtigungen wirken üblicherweise im Hintergrund und lassen manchmal Persönlichkeitsveränderungen entstehen, die gesellschaftlich oft schwere Folgen haben. Streptomycin10 zum Beispiel ist eine sehr gefährliche Droge. Als Resultat dieser Erkenntnis haben manche Länder seine Anwendung eingeschränkt, wohingegen andere Länder es von der Liste der erlaubten Substanzen gestrichen haben.

Zytostatika11, die zur Behandlung neoplastischer12 Krankheiten verwendet werden, greifen oft die phylogenetisch älteste Gehirnstruktur an, den Hauptträger unseres instinktiven Substrats und unserer grundlegenden Gefühle.13 Menschen, die mit solchen Medikamenten behandelt werden, neigen fortschreitend zu einem Verlust ihrer emotionalen Färbung und ihrer Fähigkeit, eine psychologische Situation intuitiv einschätzen zu können. Ihre intellektuellen Funktionen bleiben erhalten, doch sie werden zu lobheischenden Egozentrikern, die mit Leichtigkeit von Leuten dirigiert werden können, die wissen, wie man aus ihnen einen Vorteil ziehen kann. Sie werden gegenüber den Gefühlen anderer Menschen und dem Leid, das sie ihnen antun, gleichgültig. Jede Kritik an ihrer Person oder ihrem Verhalten wird mit Rache vergolten. Eine solche Veränderung des Charakters eines Menschen, der bis vor kurzem von seiner Umgebung oder seinem Freundeskreis respektiert wurde, was im menschlichen Geist beharrlich verankert bleibt, wird so zu einem pathologischen Phänomen, das oft tragische Folgen hat.

Könnte dies im Fall des Schah von Persien ein Faktor gewesen sein? Auch hier ist eine Diagnose bereits verstorbener Menschen problematisch, auch hat der Autor nicht genügend Daten darüber zur Verfügung. Dies sollte jedoch als wahrscheinliche Möglichkeit akzeptiert werden. Die Entstehung der gegenwärtigen Tragödie in diesem Land enthält jedenfalls zweifellos pathologische Faktoren, deren aktive ponerologische Rolle eindeutig ist.14

Resultate, die diesem psychologischen Bild ähneln, können durch endogene Toxine15 oder Viren hervorgerufen werden. Wenn gelegentlich Mumps mit einer Gehirnreaktion einhergeht, dann hinterlässt es als Folge ein eigenartiges Gefühl von Flauheit oder Dumpfheit und eine leichte Abnahme der mentalen Leistungsfähigkeit. Ähnliches kommt auch bei schweren Diphtherieerkrankungen vor. Schließlich greift auch Kinderlähmung das Gehirn an, aber häufiger jedoch die höheren Bereiche des Vorderhorns (Rückenmark), die dadurch ebenfalls beeinträchtigt werden. Menschen mit einer Beinparese weisen solche Symptome selten auf, Menschen mit einer Genick- und/oder Schulterparese müssen sich jedoch glücklich schätzen, wenn bei ihnen solche Symptome nicht auftreten. Zusätzlich zu dieser affektiven Flauheit manifestieren diese Symptome üblicherweise auch Naivität und die Unfähigkeit, den Kern einer Sache zu verstehen.

Wir bezweifeln, dass Präsident F.D. Roosevelt solche Symptome hatte, da das Poliovirus, das ihn mit vierzig Jahren attackierte, eine Parese seiner Beine verursachte. Nachdem er dies überwunden hatte, folgten Jahre kreativer Aktivitäten. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass sein naives Verhalten gegenüber der sowjetischen Vorgehensweise gegen Ende seiner Amtsperiode eine pathologische Komponente enthielt, die mit seiner sich verschlechternden Gesundheit im Zusammenhang stand.

Charakteranomalien, die sich als Resultat von Verletzungen des Gehirngewebes entwickeln, sind heimtückische ponerogenische Faktoren. Als Ergebnis der zuvor beschriebenen Eigenschaften, besonders der erwähnten Naivität und der Unfähigkeit, den Kern einer Sache verstehen zu können, verankert sich ihr Einfluss leicht im menschlichen Geist, traumatisiert unsere Psyche, schwächt und deformiert unsere Gedanken und Gefühle und schränkt die Fähigkeiten eines Menschen und einer Gesellschaft ein, ihren gesunden Menschenverstand einzusetzen, wie auch eine psychologische oder moralische Situation richtig einzuschätzen. Dies öffnet dem Einfluss weiterer ponerogenische Faktoren Tür und Tor, die meist in vererbten psychologischen Abweichungen liegen. Diese drängen dann die charakteropathischen Menschen in den Schatten und führen auf diese Weise ihre ponerogenischen Aktivitäten weiter. Aus diesem Grund nehmen die verschiedenen Arten der Charakteropathie an den Anfängen der Entstehung des Bösen teil, sowohl auf makrosozialer Basis wie auch in den individuellen Bereichen menschlicher Familien.

Ein zukünftig verbessertes soziales System sollte deshalb Menschen und Gesellschaften schützen, indem es Personen, die Symptome der oben angesprochenen Abweichungen oder bestimmte Charakteristika, die wir noch behandeln werden, aufweisen, daran hindert, an irgendwelchen gesellschaftlichen Funktionen teilzunehmen, bei denen das Schicksal anderer Menschen vom Verhalten der Ausübenden abhängt. Dies betrifft natürlich in erster Linie wichtige Regierungspositionen. Solche Fragen sollten von einer entsprechenden Institution abgehandelt werden, die sich aus Menschen zusammensetzt, die ihrem Ruf als Weise gerecht wurden und die eine entsprechende medizinische und psychologische Ausbildung vorweisen können.

Die Auswirkungen von Schädigungen des Hirngewebes und die daraus resultierenden Charakterstörungen sind weitaus leichter zu identifizieren als ererbte Anomalien. Deshalb ist das Ersticken ponerogenischer Prozesse durch ein Entfernen solcher Faktoren aus dem Prozess der Synthese des Bösen während der frühen Phasen seiner Entstehung wirksam und in der Praxis viel leichter durchzuführen.

Vererbte Abweichungen

Die Wissenschaft schützt bereits jetzt schon die Gesellschaften vor den Ergebnissen mancher physiologischer Anomalien, die mit bestimmten psychologischen Schwächen einhergehen. Die tragische Rolle der vererbten Bluterkrankheit (Hämophilie) unter europäischen Adelshäusern ist allgemein bekannt. In Ländern, wo Monarchien bis heute überlebt haben, sind die verantwortlichen Personen darum bemüht, dass kein Träger solcher Gene König oder Königin wird. Jede Gesellschaft, die sich um die unzureichende Blutgerinnung oder sonstige lebensbedrohende Krankheiten einzelner Menschen solche Sorgen macht, wird protestieren, wenn jemand mit solch einem Mangel behaftet eine hochgestellte, verantwortungsvolle Position übernimmt. Dieses Verhaltensmodell sollte auch auf andere Krankheiten, wie zum Beispiel vererbte psychologische Anomalien ausgedehnt werden.

Daltonisten, Menschen mit einer rot-grün Farbenblindheit, dürfen mittlerweile keine Berufe ausüben, bei denen diese Beeinträchtigung zu einer Katastrophe führen könnte. Es ist ebenfalls bekannt, dass diese Abweichung häufig von einer Minderung des ästhetischen Empfindens, der Emotionen und einem Gefühl der Verbundenheit mit Menschen, die Farben normal sehen können, begleitet wird. Psychologen in der Industrie sind deshalb davor gewarnt, solchen Menschen einen Arbeitsbereich zuzutrauen, der einen autonomen Sinn für Verantwortlichkeit verlangt, wie beispielsweise die Arbeit im Bereich der Sicherheit von Arbeitern.

Vor langer Zeit wurde entdeckt, dass diese beiden genannten Anomalien — Hämophilie und Farbenblindheit — durch ein Gen vererbt werden, das im X-Chromosom liegt und dem leicht über viele Generationen hindurch nachgespürt werden kann. Genetiker studierten gleichermaßen das Erbgut vieler anderer Eigenschaften des menschlichen Organismus, doch sie spendeten den Anomalien, die uns hier interessieren, kaum Aufmerksamkeit. Viele Eigenschaften des menschlichen Charakters haben eine ererbte Basis in Genen, die im selben X-Chromosom liegen, obgleich dies nicht Gesetz ist. Ein ähnlicher Zugang könnte auch auf die Mehrzahl der psychologischen Anomalien zutreffen, die wir nun ansprechen werden.

Vor einiger Zeit machte man beträchtliche Fortschritte bei der Erkennung einer Reihe von chromosomalen Anomalien, die aus einer fehlerhaften Teilung der reproduktiven Zellen und ihrer phänotypischen psychologischen Symptome resultieren. Diese Situation ermöglicht uns, Studien über deren ponerogenetische Rolle anzustellen und zu Schlussfolgerungen zu gelangen, die theoretisch wertvoll sind, etwas, das eigentlich bereits getan wird. In der Praxis jedoch wird die Mehrzahl der chromosomalen Anomalien nicht auf die nächste Generation übertragen. Darüber hinaus machen ihre Träger nur einen kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung aus und ihre allgemeine Intelligenz ist geringer als der soziale Durchschnitt. Somit ist ihre ponerologische Bedeutung noch geringer als ihr statistischer Wert. Die meisten Probleme werden durch den XYY-Karotypus16 verursacht, der Menschen hervorbringt, die groß, stark, emotional gewalttätig sind und eine Tendenz besitzen, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Diese Tatsache führte zu Tests und Diskussionen, doch ihr Anteil am hier untersuchten Themenkomplex ist auch sehr gering.

Viel zahlreicher sind jene psychologischen Abweichungen, die eine entsprechend größere Rolle als pathologische Faktoren im ponerogenischen Prozess spielen. Sie werden höchstwahrscheinlich über die normale Erbfolge übertragen. Doch besonders in diesem Komplex der Genetik bestehen mannigfaltige biologische und psychologische Schwierigkeiten, die bis zum Erkennen dieser Phänomene reichen. Menschen, die Psychopathologie studieren, benötigen Kriterien zur biologischen Abgrenzung ihrer Ergebnisse. Biologen hingegen benötigen eine klare psychologische Unterscheidung solcher Phänomene, was eine Untersuchung der Erbmechanismen und auch anderer Eigenschaften erlauben würde.

Zur der Zeit, in den späten 1960er Jahren, als die meisten Beobachtungen gemacht wurden, auf welchen dieses Buch beruht, waren die Arbeiten vieler Wissenschafter, die seitdem Licht auf viele Aspekte der hier besprochenen Thematik geworfen haben, entweder noch nicht vorhanden oder für uns nicht verfügbar. Die Wissenschafter, die die im Folgenden beschriebenen Phänomene erforschten, bahnten sich ihren Weg durch ein Dickicht von Symptomen, auf Basis früherer Arbeiten und ihrer eigenen Bemühungen. Ein Verständnis der Essenz einiger dieser vererbbaren Anomalien und ihrer ponerogenischen Rolle erwies sich als eine unabdingbare Voraussetzung für das Erreichen des primären Ziels. Man erreichte Ergebnisse, die als Grundlage für weitere Schlussfolgerungen dienten. Um des gesamten Bildes willen, und auch weil die Art und Weise der Ausarbeitung gewisse theoretische Werte mit einbringt, entschied ich mich, die Methodologie der Beschreibungen solcher Anomalien, die aus meiner eigenen Arbeit und der Arbeit anderer zu jener Zeit entstanden ist, beizubehalten.

Während jener fruchtbaren Zeit konnten zahlreiche Wissenschafter, wie auch manche ihrer Nachfolger, ein plastischeres Bild der Thematik zeichnen. (Wissenschafter wie R. Jenkins, H. Cleckley, S. K. Ehrlich, H. C. Hutchison, K. C. Kraupl, Taylor und andere). Dies waren Kliniker, die ihre Aufmerksamkeit auf die anschaulicheren Fälle lenkten, die im Prozess der Entstehung des Bösen eine weniger wichtigere Rolle spielen, entsprechend der oben erwähnten allgemeinen Regel der Ponerologie. Wir müssen aus diesem Grund jene analogen Zustände einer Unterscheidung unterziehen, die weniger intensiv sind oder weniger psychologische Defizite enthalten. Gleichermaßen sind Recherchen über die Natur des zur Diskussion stehenden Phänomens wertvoll, die eine Unterscheidung ihrer Essenzen und eine Analyse ihrer Anteile als pathologische Faktoren in der Entstehung des Bösen erleichtern.


Schizoidität: Schizoidität, oder schizoide Psychopathie, wurde von den ersten berühmten Schöpfern der modernen Psychiatrie17 definiert. Seit den Anfängen wurde sie als eine leichtere Form desselben vererbten Makels angesehen, der die Ursache für eine Schizophrenieanfälligkeit ist. Solch eine Diagnose sollte jedoch nicht ohne Mithilfe von statistischen Analysen gefällt oder in Abrede gestellt werden. Man fand auch keine biologischen Testmöglichkeiten, die dieses Dilemma lösen hätten können. Aus praktischen Gründen werden wir demnach Schizoidität ohne weitere Hinweise auf ihre traditionellen Verbindungen betrachten.

Die Literatur ist voll von Beschreibungen verschiedener Arten dieser Anomalie, deren Existenz entweder auf Veränderungen im Erbgut oder auf nicht pathologische Unterschiede in anderen individuellen Eigenschaften zurückzuführen ist. Wir wollen deshalb die gemeinsamen Eigenschaften dieser Unterarten skizzieren.

Die Träger einer solchen Anomalie sind überempfindlich und misstrauisch, während sie gleichzeitig den Gefühlen anderer Menschen nur sehr wenig Aufmerksamkeit schenken. Sie neigen dazu, extreme Positionen einzunehmen und sind eifrig darauf bedacht, sich auch für nur kleine Angriffe zu rächen. Zeitweilig sind sie exzentrisch und skurril. Ihre schlechte Einschätzung von psychologischen Situationen und der Realität führt sie zu irrigen, abwertenden Interpretationen über die Intentionen anderer Menschen. Sie verwickeln sich leicht in Aktivitäten, die auf den ersten Blick moralisch in Ordnung sind, jedoch in Wirklichkeit ihnen selbst und auch anderen Menschen Schäden zufügen. Ihre verarmte psychologische Weltsicht macht sie gegenüber der menschlichen Natur zu typischen Pessimisten. Wir finden in ihren Aussagen und Zeilen häufig Ausdrücke ihrer charakteristischen Gesinnung: „Der Mensch ist so schlecht, dass die Ordnung in der Gesellschaft nur über eine starke Hand aufrechterhalten werden kann, die aus höchst qualifizierten Menschen im Namen einer höheren Idee besteht.“ Bezeichnen wir diese typische Aussage als „schizoide Deklaration“.

Die menschliche Natur neigt wirklich dazu, unartig zu sein, besonders wenn schizoide Menschen das Leben anderer Leute verbittern. Wenn solche Menschen jedoch in wirklichen Stress geraten, kollabieren sie aufgrund ihrer Schwächen sehr leicht. Ihre Fähigkeit zu denken wird daraufhin charakteristisch unterdrückt und häufig fällt der Schizoide in einen reaktiven psychotischen Zustand, ähnlich der Schizophrenie, woraus eine fehlerhafte Diagnose abgeleitet werden könnte.

Die vielen Arten dieser Anomalie haben als Gemeinsamkeit eine dumpfe Blässe an Emotionen und das Fehlen eines Gefühls für psychologische Realitäten, was für die Grundintelligenz ein essentieller Bestandteil ist. Dies kann einer unvollständigen Qualität des instinktiven Substrats zugeschrieben werden, das so arbeitet, als ob sein Fundament auf Treibsand gebaut worden wäre. Der geringe emotionale Druck erlaubt ihnen, korrektes spekulatives Denken zu entwickeln, was bei Tätigkeiten nützlich ist, die nichts mit Menschen zu tun haben. Aufgrund ihrer Einseitigkeit neigen sie jedoch dazu, sich selbst den anderen, „gewöhnlichen“ Menschen gegenüber als intellektuell überlegen einzuschätzen.

Die Häufigkeit des Auftretens einer solchen Anomalie ist von Rasse und Nation abhängig: bei Schwarzen tritt sie selten auf, bei Juden am meisten. Man nimmt an, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung eines Landes von einer vernachlässigbaren Größe bis hin zu 3% reicht. In Polen wird der Anteil auf 0,7% geschätzt. Meine eigenen Beobachtungen zeigen an, dass diese Anomalie autosomal vererbbar18 ist.

Die ponerologische Aktivität eines schizoiden Menschen sollte aus zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Im Kleinen verursachen solche Menschen für ihre Familien Schwierigkeiten, sie können von cleveren und skrupellosen Zeitgenossen sehr leicht zu Werkzeugen von Intrige und Täuschung manipuliert werden, und sie erziehen im Allgemeinen ihre Kinder schlecht. Ihre Neigung, die menschliche Realität auf schulmeisterliche und simplifizierende Weisen zu betrachten, die sie als „richtig“ — d.h. „schwarz oder weiß“ — ansehen, transformiert ihre oft guten Absichten in schlechte Ergebnisse. Ihre ponerogenische Rolle kann jedoch auch makrosoziale Implikationen haben, wenn ihr Verhalten gegenüber der menschlichen Realität und ihre Tendenz, große Lehrsätze zu erfinden, zu Papier gebracht und in großen Auflagen vervielfältigt werden.

Trotz ihrer typischen Mängel oder sogar einer offenen schizoiden Deklaration erkennen ihre Leser nicht, wie der Charakter des Urhebers wirklich ist. Indem sie dem wahren Zustand des Autors ignorant gegenüber stehen, neigen solch uninformierte Leser dazu, solche Werke auf eine ihrer eigenen Natur entsprechende Weise zu interpretieren. Der Verstand normaler Menschen tendiert in Richtung einer korrektiven Interpretation, da ihre eigene, reichere psychologische Weltsicht daran teilnimmt.

Andererseits weisen viele andere Leser ein solches Werk kritisch und mit moralischem Abscheu von sich, ohne sich jedoch der eigentlichen Ursache dafür bewusst zu sein.

Eine Analyse der Rolle der Arbeiten von Karl Marx zeigt deutlich alle oben erwähnten Arten der Wahrnehmung und die sozialen Reaktionen, die eine Feindseligkeit zwischen großen Menschengruppen hervorrufen.

Wenn wir irgendwelche solcher verstörend entzweienden Arbeiten lesen, sollten wir sie sorgfältig nach den angesprochenen charakteristischen Mängeln oder sogar nach einer offen formulierten schizoiden Deklaration untersuchen. Diese Herangehensweise ermöglicht uns eine korrekte kritische Distanz von den Inhalten und erleichtert uns, die potentiell wertvollen Elemente von doktrinären Materialien zu unterscheiden. Wenn dieser Zugang von zwei oder mehreren Leuten gewählt wird, deren Interpretationen stark voneinander abweichen, werden ihre Methoden der Wahrnehmung nahe aneinander rücken und die Gründe für Meinungsverschiedenheiten werden verschwinden. Solch ein Projekt könnte der Versuch eines psychologischen Experimentes für eine korrekte mentale Hygiene sein.


Essentielle Psychopathie: Lassen sie mich nun im Rahmen der oben angestellten Annahmen eine weitere durch Vererbung übertragene Anomalie charakterisieren, deren Rolle in ponerogenischen Prozessen auf jeder sozialen Ebene außerordentlich groß ist. Wir sollten auch betonen, dass die Notwendigkeit einer Abgrenzung und einer detaillierten Untersuchung dieses Phänomens allen Wissenschaftern, — einschließlich des Autors — die an der Entstehung des Bösen auf makrosozialer Basis interessiert waren, schnell und tiefgreifend klar wurde, da sie es direkt am eigenen Leib erfuhren. Ich muss Kazimierz Dabrowski19 Recht geben, indem ich diese Anomalie als „essentielle Psychopathie“ bezeichne.

Biologisch gesehen ist das Phänomen ähnlich der Farbenblindheit, außer dass es, anders als Farbenblindheit, beide Geschlechter betrifft und es ungefähr zehn Mal seltener auftritt (etwas über 0,5%)20. Seine Intensität variiert auf einer Bandbreite von für einen erfahrenen Beobachter kaum wahrnehmbar, bis hin zu einem offensichtlichen pathologischen Defizit.

Wie die Farbenblindheit scheint diese Anomalie einen Mangel in der Umwandlung einer Stimulanz darzustellen, obwohl sie nicht auf der sensorischen, sondern auf der instinktiven Ebene auftritt.21 Psychiater der alten Schule bezeichneten solche Menschen gewöhnlich als „Leute, die menschlichen Gefühlen und sozio-moralischen Werten gegenüber farbenblind sind.“

Das psychologische Bild zeigt ein eindeutiges Defizit nur bei Männern; bei Frauen ist dies im Normalfall durch die Wirkung eines zweiten Allels etwas abgeschwächt. Dies deutet an, dass diese Anomalie auch über das X-Chromosom vererbt wird, jedoch über ein teildominantes Gen. Der Autor war allerdings nicht in der Lage dies zu bestätigen, indem er eine Vererbung vom Vater zum Sohn ausschloss.

Eine Analyse der verschiedenen experimentellen Verhaltensweisen, die von solchen Menschen ausgelebt wurde, ließ uns zur Schlussfolgerung kommen, dass ihr instinktives Substrat ebenfalls defekt ist, bestimmte Lücken aufweist und natürliche, abgestimmte Reaktionen vermissen lässt, die im Normalfall bei Mitgliedern der Spezies Homo Sapiens22 nachgewiesen werden können. Der Instinkt ist unser erster Lehrer; er bleibt unser ganzes Leben lang bei uns. Auf diesem defektiven instinktiven Substrat entwickeln sich, korrespondierend zu den Lücken, die Mängel an höheren Gefühlen, wie auch die Verformungen und Verarmungen der psychologischen, moralischen und sozialen Konzepte.

Unsere natürliche Konzeptwelt — basierend auf dem Instinkt unserer Art, wie in einem früheren Kapitel beschrieben — trifft den Psychopathen wie eine nahezu unverständliche Abmachung, die in seiner psychologischen Erfahrung keinerlei Rechtfertigung hat. Er denkt, dass Gewohnheiten und Prinzipien von Anstand eine fremde Übereinkunft sind, die dumm, lästig und manchmal auch lächerlich sind und von irgendjemandem („wahrscheinlich von Priestern“) erfunden und aufgenötigt werden. Gleichzeitig nimmt er jedoch mit Leichtigkeit die Mängel und Schwächen unserer natürlichen Sprache der psychologischen und moralischen Konzepte auf eine Weise wahr, die ein wenig an das Verhalten eines Psychologen erinnert — Karikaturen ausgenommen.

Die durchschnittliche Intelligenz des Psychopathen, besonders wenn sie mittels gemeinhin akzeptierter Tests gemessen wird, ist etwas niedriger als die normaler Menschen, obgleich sie ähnlich variiert. Trotz der breiten Variationen der Intelligenzen und Interessen finden sich unter dieser Gruppe keine Beispiele höchster Intelligenz, und auch keine technischen oder handwerklichen Talente. Die begabtesten Mitglieder dieser Gruppe können aus diesem Grund Fähigkeiten in jenen Wissenschaften erreichen, die keine korrekte humanistische Weltsicht oder praktisches Können erfordern. (Akademischer Anstand ist wiederum eine andere Sache.) Wann immer wir spezielle Tests zu konstruieren versuchen, um unsere „Lebensweisheit“ oder „sozio-moralische Vorstellungskraft“ zu messen, weisen Menschen dieses Typus, auch wenn dabei die Schwierigkeiten psychometrischer Evaluation beachtet werden, ein Defizit auf, dass ihrem Intelligenzquotienten gegenüber überproportional ausgeprägt ist.

Trotz ihrer Mängel an normalem und psychologischem Wissen entwickeln sie ein ihnen eigenes Wissen, das sie danach zu ihrer Verfügung haben, etwas, das Menschen mit einer natürlichen Weltsicht nicht besitzen. Sie lernen bereits in der Kindheit, sich gegenseitig in einer Menschenmenge zu erkennen und sie entwickeln ein Bewusstsein von der Existenz ähnlich gelagerter Menschen. Sie sind sich auch darüber im Klaren, dass sie anders als die Menschen rund um sie herum sind. Sie betrachten uns aus einer gewissen Distanz, wie eine para-spezifische Eigentümlichkeit. Natürliche menschliche Reaktionen — die oft nicht das Interesse normaler Menschen erwecken, da sie ihnen naheliegend erscheinen — kommen dem Psychopathen seltsam, interessant und sogar komisch vor. Aus diesem Grund beobachten sie uns, ziehen aus uns ihre Schlüsse und bilden ihre unterschiedlichen Konzeptwelten. Sie werden zu Experten unserer Schwächen und sind manchmal für herzlose Experimente verantwortlich. Das Leid und die Ungerechtigkeit, die von ihnen verursacht werden, lassen in ihnen kein Gefühl von Schuld entstehen, da solche Reaktionen bei anderen Menschen einfach als Ergebnis ihrer Andersartigkeit angesehen werden und nur zu „jenen anderen Menschen“ passen, die sie als nicht wirklich zu ihnen gehörig betrachten. Weder ein normaler Mensch noch unsere natürliche Weltsicht kann das Vorhandensein dieser Welt aus völlig unterschiedlichen Konzepten zur Gänze verstehen, und auch nicht richtig einschätzen.

Wenn sich jemand intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt, kann er durch Langzeitstudien der Persönlichkeit dieser Leute die andersartige Kenntnis des Psychopathen erahnen und sie mit einigen Schwierigkeiten nutzen, wie eine fremde Sprache. Wie wir in der Folge sehen werden, sind solche praktischen Fähigkeiten in Ländern weit verbreitet, die unter diesem makrosozialen pathologischen Phänomen leiden, bei dem diese Anomalie den Anstoß gibt.

Ein normaler Mensch kann lernen, durchaus kompetent ihre Konzeptsprache zu sprechen, doch der Psychopath ist niemals in der Lage die Weltsicht eines normalen Menschen aufzunehmen, obwohl er es oft sein ganzes Leben lang versucht. Das Ergebnis seiner Bemühung ist nur ein Schauspiel und eine Maske, hinter welchen er seine abweichende Realität verbirgt.

Ein weiterer Mythos und eine Rolle, die sie häufig ausleben ist der brillante Verstand oder das psychologische Genie des Psychopathen, obgleich dies ein Quäntchen Wahrheit in Bezug auf das „spezielle psychologische Wissen“ beinhaltet, das der Psychopath über die normalen Menschen erlangt. Manche von ihnen glauben wirklich daran und versuchen diesen Glauben anderen einzuflüstern.

Wenn wir über diese Maske aus psychologischer Normalität reden, die von solchen Menschen getragen wird (und in geringerem Ausmaß von ähnlichen Abweichungen), dann sollten wir das Buch The Mask of Sanity von Hervey Cleckley erwähnen, der genau dieses Phänomen ins Zentrum seiner Betrachtungen stellte. Ein Auszug:

Vergessen wir nicht, dass dieses typische Verhalten das verdrängt, was seine eigenen Ziele zu sein scheinen. Es ist nicht der Psychopath, der durch seine offenkundige Normalität tief getäuscht wird. Obwohl er vorsätzlich andere Menschen täuscht und sich seiner Lügen sehr bewusst ist, scheint er unfähig zu sein, zwischen seinen eigenen Pseudoabsichten, Pseudoschuldgefühlen und seiner Pseudoliebe usw., und den echten Reaktionen normaler Menschen unterscheiden zu können. Das absolute Fehlen von Einsicht zeigt an, wie wenig der Psychopath die Natur seiner Störung anerkennt. Wenn andere nicht sofort sein „Ehrenwort als Gentleman“ akzeptieren, so ist seine Aufregung — wie ich denke — häufig echt. Seine subjektive Erfahrung ist so von tiefen Emotionen getrübt, dass er dem Sinn des Lebens anderer Menschen unüberwindlich ignorant gegenüber steht.

Seine Bewusstheit über das Gegenteil von Heuchelei ist so unwirklich theoretisch, dass es bedenklich wird, wenn wir das, was wir als Heuchelei verstehen, einem Psychopathen zuschreiben. Nachdem er selbst keine wirklichen Werte besitzt, kann man ihm dann wirklich ein angemessenes Realisieren der Natur und Qualität der Schandtaten zuschreiben, die sein Verhalten unter anderen Menschen erzeugen? Einem kleinen Kind, das keine eingeprägte Erinnerung an starke Schmerzen hat, wird von seiner Mutter erzählt, dass es falsch ist, einem Hund den Schwanz abzuschneiden. Im Wissen, dass das falsch ist, macht es trotzdem weiter. Wir müssen es nicht völlig von seiner Verantwortung freisprechen, auch wenn wir annehmen, dass es im Vergleich zu einem Erwachsenen mit einem klaren Verständnis von körperlicher Pein weniger verstanden hat, was es getan hat. Kann ein Mensch die tieferen Ebenen von Leid erfahren, ohne dabei zu wissen, was Glück bedeutet? Kann er mit vollem Bewusstsein eine böse Tat begehen, wenn er sich nicht des Gegenteils des Bösen wirklich bewusst ist? Auf diese Frage kann ich keine lösende Antwort geben.23

Alle Forscher der Psychopathie betonen drei Qualitäten, die hauptsächlich im Zusammenhang mit dieser typischsten aller Ausformungen stehen: Das Fehlen von Schuldbewusstsein für asoziale Handlungen, die Unfähigkeit wirklich zu lieben und eine Neigung zu Geschwätzigkeit auf eine Weise, die leicht von der Wirklichkeit ablenkt.24

Ein neurotischer Patient ist im Allgemeinen schweigsam und hat Schwierigkeiten zu erklären, was ihn am meisten schmerzt. Ein Psychologe muss diese Schwierigkeiten mithilfe schmerzfreier Eingriffe überwinden. Neurotiker neigen zu starken Schuldgefühlen wegen Handlungen, die von den Betroffenen im Allgemeinen sofort vergeben werden. Solche Patienten sind zu ehrlicher und dauerhafter Liebe fähig, obwohl sie Probleme haben dies zu zeigen oder ihre Träume zu verwirklichen. Das Verhalten eines Psychopathen stellt das genaue Gegenteil dieser Ausformungen und Schwierigkeiten dar.

Unser erster Kontakt mit dem Psychopathen ist durch einen Redefluss gekennzeichnet, der mit Leichtigkeit fließt und wirklich wichtige Themen mit derselben Leichtigkeit nicht berührt, wenn diese für ihn unangenehm sind. Seine Gedankengänge vermeiden auch die abstrakte Angelegenheit der menschlichen Gefühle und Werte, die in seiner psychopathischen Weltsicht fehlen, außer natürlich er ist vorsätzlich täuschend. In diesem Fall wird er viele „Gefühlsworte“ benutzen, die einem sorgfältig prüfenden Blick entlarven, dass er die benutzten Worte nicht so versteht wie ein normaler Mensch. Wir spüren, dass wir es mit einer Imitation von Gedankenmustern normaler Menschen zu tun haben, bei der in Wirklichkeit etwas anderes „normal“ ist. Aus logischen Überlegungen heraus ist der Gedankenfluss vorgeblich korrekt, wenn er sich auch unter Umständen außerhalb allgemein akzeptierter Argumentationen bewegt. Eine genauere formale Analyse beweist uns jedoch, dass dabei viele suggestive Paralogismen verwendet werden.25

Menschen mit einer solchen essentiellen Psychopathie sind die dauerhaften Gefühle der Liebe zu anderen Personen, besonders zum Ehepartner, praktisch unbekannt. Sie reimen sich aus dieser „anderen menschlichen Welt“ ein Märchen zusammen. Liebe ist für den Psychopathen eine flüchtige Erscheinung, die auf sexuelle Abenteuer abzielt. Viele psychopathische Don Juans spielen die Rolle des Liebenden für ihre Partner so gut, dass diese ihnen dies blauäugig abnehmen. Nach der Hochzeit werden Gefühle, die in Wahrheit nie existierten, durch Egoismus26, Egotismus27 und Hedonismus28 ersetzt. Eine Religion, die Nächstenliebe lehrt, berührt sie wie ein gleichartiges Märchen, dass nur für Kinder und eben diese „Anderen“ gut ist.

Man könnte erwarten, dass sie sich als Konsequenz ihrer vielen antisozialen Handlungen schuldig fühlen, ihr Fehlen an Schuld ist jedoch das Resultat all ihrer Defizite, die wir hier besprochen haben.29 Die Welt der normalen Menschen, die sie verletzen, ist für sie unverständlich und feindlich. Das Leben des Psychopathen besteht aus dem Streben nach unmittelbaren Reizen, nach Momenten der Freude und nach vorübergehenden Machtgefühlen. Auf ihrem Weg müssen sie oft Niederlagen einstecken und sind auch mit dem Druck und der moralischen Verurteilung der Gesellschaft jener anderen unverständlichen Menschen konfrontiert.

In ihrem Buch Psychopathy and Delinquency (Psychopathie und Kriminalität) schreiben W. und J. Cord über den Psychopathen folgendes:

Der Psychopath fühlt, wenn überhaupt, nur wenig Schuld. Er kann die entsetzlichsten Dinge tun und sie trotzdem ohne Reue betrachten. Der Psychopath besitzt eine verzerrte Wahrnehmung von Liebe. Seine emotionalen Beziehungen, so sie bestehen, sind spärlich, flüchtig und so gestaltet, dass sie seine eigenen Sehnsüchte befriedigen. Diese letzten beiden Charaktereigenschaften — Schuldlosigkeit und Lieblosigkeit — kennzeichnen den Psychopathen deutlich als von den anderen Menschen unterschiedlich.30

Das Problem der moralischen und rechtlichen Verantwortung eines Psychopathen kann deshalb nicht gelöst werden und ist so verschiedenen Lösungsansätzen ausgesetzt, die häufig verallgemeinernd und emotional, wie auch abhängig von Land und Umstand unterschiedlich sind. Es bleibt ein Diskussionsthema und eine Lösung innerhalb der derzeit akzeptierten Prinzipien der Rechtssicht erscheint unmöglich.


Andere Psychopathien: Die Fälle von essentieller Psychopathie sind einander ähnlich genug, sodass wir sie als qualitativ homogen bezeichnen können. Wir müssen jedoch auch eine unbestimmte Anzahl von Anomalien mit einem erblichen Substrat in die psychopathischen Kategorien miteinbeziehen, deren Symptome nahe der typischsten Kategorie liegen.

Wir begegnen auch Menschen, die die Tendenz aufweisen sich auf eine Weise zu verhalten, die anderen Menschen Schaden zufügt, Menschen, die bei Tests keine Hirnanomalien aufweisen und deren Anamnese keinen Missbrauch in der Kindheit aufzeigt, der ihren Zustand erklären könnte. Das Faktum, dass solche Fälle wiederholt innerhalb einzelner Familien auftreten, könnte anzeigen, dass es eine erbliche Vorbelastung gibt. Wir müssen jedoch ebenfalls die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass in solchen Fällen die schädigenden Einflüsse bereits auf den Fötus wirken. Dies ist ein Bereich in Medizin und Psychologie, der ein tieferes Studium verlangt, da wir hier noch viel zu wenig wissen.

Solche Menschen sind auch bemüht, ihre unterschiedliche Erfahrungswelt vor anderen Menschen zu verbergen und ihre Rolle als normale Menschen in verschiedenstem Ausmaß zu spielen, obgleich diese Form der „Maskierung“ nicht mehr als die charakteristische „Maske“ bezeichnet werden kann, wie sie Cleckley beschreibt. Manche von ihnen werden aufgrund ihrer Fremdartigkeit geschätzt. Diese Leute sind an der Entstehung des Bösen auf sehr verschiedene Weisen beteiligt, ob sie nun für alle sichtbar ihren Part übernehmen, oder ob sie, was seltener ist, ihren Anteil leisten wenn sie ihren richtigen Lebensstil eingerichtet haben. Solch psychopathische und ähnliche Erscheinungen können, quantitativ gesprochen, mit der zwei bis dreifachen Menge im Vergleich zu Fällen essentieller Psychopathie angenommen werden. In der Summe sind es also weniger als zwei Prozent der Bevölkerung.

Diese Art Mensch hat es leichter, sich ins soziale Leben einzugliedern. In selteneren Fällen passen sich diese Leute speziell an die Anforderungen der Gesellschaft der normalen Menschen an und ziehen ihre Vorteile aus dem gesellschaftlichen Kunstverständnis oder anderen Feldern mit ähnlicher Tradition. Ihre literarische Kreativität ist oft verstörend, wenn sie rein aus ideellen Gesichtspunkten betrachtet wird. Sie geben ihren Lesern zu verstehen, dass ihre Konzept- und Erfahrungswelt selbstverständlich ist. Ihre Arbeiten enthalten ebenfalls charakteristische Deformationen.31

Die häufigste und am längsten bekannte Ausformung ist der asthenische Psychopath. Sie kommt in jeder möglichen Intensität vor, von kaum wahrnehmbar bis hin zu einem offensichtlichen pathologischen Defizit.

Diese asthenischen und überempfindlichen Menschen weisen nicht das gleiche eklatante Defizit in moralischen Gefühlen und ihrer Fähigkeit auf, eine psychologische Situation einzuschätzen, wie es bei essentiellen Psychopathen der Fall ist. Solche Menschen sind auf eine Weise idealistisch und neigen als Resultat ihres defekten Verhaltens zu oberflächlichen Gewissensbissen.

Sie weisen im Durchschnitt eine geringere Intelligenz als normale Menschen auf und ihr Verstand vermeidet konsequente und präzise Schlussfolgerungen. Ihre psychologische Weltsicht ist eindeutig verfälscht und deshalb kann ihren Meinungen über andere Menschen niemals vertraut werden. Eine Art Maske verhüllt die Welt ihrer persönlichen Hoffnungen, die anders gelagert sind als das, wozu sie in Wirklichkeit in der Lage sind. Sie verhalten sich gegenüber Menschen, die ihre Defizite nicht entdecken, höflich, wenn nicht sogar freundlich. Dieselben Menschen entwickeln jedoch gegenüber psychologisch talentierten Menschen oder Kennern, die sie durchschauen, eine präventive Feindseligkeit und Aggressionen.

Der asthenische Psychopath führt ein relativ ruhiges Sexualleben und ist deshalb auch dem Zölibat zugänglich. Aus diesem Grund weisen häufig katholische Mönche und Priester geringere oder kleine Ausformungen dieser Anomalie auf. Solche Menschen haben sehr wahrscheinlich die anti-psychologische Tradition in der kirchlichen Denkweise inspiriert.

Je schwerer die Fälle werden, desto brutaler antipsychologisch und verachtender werden sie in ihrem Verhalten gegenüber normalen Menschen. Sie neigen dann zu einer aktiven Beteiligung an den Prozessen der Entstehung des Bösen auf größerer Basis. Ihre Träume bestehen aus einem bestimmten Idealismus, ähnlich den Gedanken normaler Menschen. Sie würden die Welt gerne nach ihren Vorlieben reformieren, doch sie sind unfähig, weiter reichende Implikationen und Resultate abzusehen. Ihre Visionen, gewürzt mit Abweichungen, können naive Rebellen oder Leute, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist, beeinflussen. Eine vorhandene soziale Ungerechtigkeit kann wie eine Rechtfertigung einer radikalen Weltsicht und der Berechtigung einer Einverleibung solcher Visionen aussehen.

Im Folgenden ist ein Beispiel für das Gedankenmuster eines Menschen dargestellt, der einen typischen und schweren Fall von asthenischer Psychopathie aufweist:

Beispiel: Symptome:
"Wenn ich nochmals von vorne beginnen müsste, würde ich genau dasselbe tun: Das ist eine biologische Notwendigkeit und kein Diktat von Pflicht. Es gibt in mir einen Antrieb, der mich weitermachen lässt und mir Gelassenheit gibt, auch wenn alles so traurig ist: den unerschütterlichen Glauben an die Menschen. Die Umstände werden sich verändern, die Vorherrschaft des Bösen wird vergehen und die Menschen werden wie Brüder zueinander sein, nicht wie Wölfe, wie es heute der Fall ist. Meine Nachsichtigkeit stammt nicht aus meiner Einbildung, sondern sie kommt aus einer klaren Vision der Ursache allen Bösens." Ein Gefühl, anders zu sein. Die oberflächliche, nostalgische Charakteristik dieser Psychopathie. Vision einer neuen Welt. Anderes psychologisches Wissen.

Diese Zeile hat Felix Dserschinskij, ein Nachfahre polnischer Landadeliger, am 15. Dezember 1913 im Gefängnis geschrieben. Er gründete in der Sowjetunion bald darauf die Tscherewitschaja, die “Tscheka32, und wurde zum größten Idealisten all dieser berühmten Mörder. Psychopathen gibt es in allen Ländern.33

Falls jemals die Zeit kommt, in der sich die „Umstände verändern werden“ und „die Vorherrschaft des Bösen vergehen wird“, dann nur weil im Studium pathologischer Phänomene und ihrer ponerogenischen Rolle Fortschritte erzielt werden, die es den Gesellschaften ermöglichen könnten, ruhig die Existenz solcher Phänomene zu akzeptieren und sie als natürliche Kategorien zu verstehen. Die Vision einer neuen, einfachen Gesellschaftsstruktur kann dann innerhalb dieses Rahmens und unter der Kontrolle normaler Menschen verwirklicht werden. Nachdem wir uns mit der Tatsache vertraut gemacht haben, dass solche Menschen anders sind und dass sie ein eingeschränktes soziales Anpassungsvermögen besitzen, sollten wir ein System einrichten, dass diesen Leuten innerhalb des Verständnisses von Vernunft und korrekter Schlussfolgerung permanenten Schutz gewährt, ein System, dass ihnen die Verwirklichung ihrer Träume teilweise ermöglicht.

Zu diesem Zweck sollten wir unsere Aufmerksamkeit auch auf Menschen mit abweichenden Charakterzügen lenken. Diese wurden vor relativ langer Zeit von Edward Brzezicki34 erkannt und von Ernst Kretschmer35 als besonders für Osteuropa charakteristisch akzeptiert. Skirtoide36 sind vitale, egotistische Menschen mit einer dicken Haut, die aufgrund ihrer Ausdauer und ihres psychologischen Widerstandes gute Soldaten abgeben. In Zeiten des Friedens sind sie jedoch unfähig, die subtilen Angelegenheiten des Lebens zu verstehen oder ihre Kinder umsichtig zu erziehen. Sie fühlen sich in primitiver Umgebung wohl, ein angenehmes Umfeld erzeugt in ihnen leicht Hysterie. Sie sind in ihrer Einstellung stark konservativ und unterstützen Regierungen, die mit starker Hand regieren.

Kretschmer war der Meinung, dass diese Anomalie eine biodynamische Erscheinung sei, die durch die Kreuzung von zwei völlig verschiedenen ethnischen Gruppen entstand, was in dieser Region Europas häufig der Fall war. Wenn dem so ist, müsste Nordamerika von Skirtoiden bevölkert sein, eine Hypothese die eine genauere Betrachtung verdient. Wir können annehmen, dass Skirtoidismus auf normalem Weg vererbt wird; nicht geschlechtsbezogen. Wenn wir die Geschichte Russlands, wie auch in geringerem Ausmaß die Geschichte Polens, betrachten wollen, sollten wir diese Anomalie in unsere Überlegungen mit einbeziehen.

Die nächste interessante Frage stellt sich von selbst: Welche Art Menschen sind die sogenannten „Schakale“, die als professionelle und gnadenlose Killer von unterschiedlichsten Gruppen angeheuert werden und die schnell und ohne zu überlegen Waffen als politisches Mittel in die Hand nehmen? Sie bieten sich als Spezialisten an, die jede Arbeit akzeptieren. Ihre inferioren Pläne werden nicht durch menschliche Gefühle gestört. Sie sind mit größter Sicherheit keine normalen Menschen, doch keine der bislang beschriebenen Abweichungen treffen auf sie zu. Es ist Gesetz, dass essentielle Psychopathen redselig sind und unfähig, solch sorgfältig geplante Aktivitäten durchzuführen.

Vielleicht sollten wir annehmen, dass diese Art ein Produkt einer Kreuzung zwischen geringeren Ausformungen der verschiedenen Abweichungen ist. Auch wenn wir die statistische Wahrscheinlichkeit des Auftauchens solcher Hybride akzeptieren und die quantitativen Daten in Betracht ziehen, so ist es doch ein extrem seltenes Phänomen. Die Psychologie der Partnerwahl schafft jedoch Paarungen, die bilateral die verschiedenen Abweichungen darstellen. Deshalb müssten Menschen mit zwei oder sogar drei kleineren abweichenden Faktoren häufiger anzutreffen sein. Man könnte sich sodann einen Schakal als einen Träger schizoider Charakterzüge in Kombination mit anderen psychopathischen Formen — z.B. essentielle Psychopathie oder Skirtoidismus — vorstellen. Häufigere Vorkommen solcher Hybride machen einen großen Teil des gesellschaftlichen Pools an vererbten pathologischen ponerogenischen Faktoren aus.


Die obigen Charakterisierungen sind ausgewählte Beispiele von pathologischen Faktoren, die an ponerogenischen Prozessen beteiligt sind. Die immer anwachsende Literatur in diesem Themenbereich stattet den interessierten Leser mit einem größeren Umfang an Informationen aus und manchmal auch mit farbig geschilderten Beschreibungen solcher Phänomene. Der derzeitige Wissensstand in diesem Feld ist jedoch trotzdem unzureichend, um praktische Lösungen für die vielen Probleme zu schaffen, mit denen die Menschen konfrontiert sind, besonders für jene Probleme, die im familiären und im individuellen Bereich liegen. Deshalb sind hier weitere Studien über die biologische Natur dieser Erscheinungen vonnöten.

Ich möchte jenen Lesern eine Warnung aussprechen, die nicht über das Wissen und die Erfahrung in diesem Themenbereich verfügen, nicht dem Eindruck anheim zu fallen, dass die Welt, die sie umgibt, von Menschen mit pathologischen Abweichungen beherrscht wird, ob diese hier nun beschreiben werden oder nicht. Es ist nicht so. Die folgende Grafik zeigt annähernd das Verhältnis des Zustandes einer Gesellschaft.

Psychopathien

Pathologische Phänomene im annähernden Verhältnis zu ihrem Auftreten:

PSP: Psychopathien

CHP: Charakteropathien

EP: essentielle Psychopathie

SHZ: Schizoidität

XYY: Karyotypen

Es sollte umso mehr die Tatsache betont werden, dass abweichende Menschen die Minderheit darstellen, da Theorien über die außergewöhnlich kreative Rolle abnormer Personen bestehen, ja sogar eine Gleichsetzung menschlicher Genies mit der Psychologie des Abnormalen. Durch die Einseitigkeit dieser Theorien scheinen diese jedoch von Menschen abgeleitet worden zu sein, die mittels einer solchen Weltsicht nach einer Bestätigung ihrer eigenen Persönlichkeit suchten. Es gab auch unglaubliche Denker, Entdecker und Künstler, die, qualitativ gesprochen, in ihrer Psychologie völlig normal waren.

Schließlich bilden psychologische normale Menschen sowohl die statistische Mehrheit als auch die eigentliche Basis des gesellschaftlichen Lebens jeder Gemeinschaft. Nach dem Gesetz der Natur sollten sie demnach diejenigen sein, die das Tempo bestimmen; aus ihrer Natur entstammt die Moral. Die Macht sollte deshalb in den Händen normaler Menschen liegen. Ein Ponerologe verlangt von solchen Autoritäten nur ein angemessenes Verständnis über die weniger normalen Menschen und auch, dass die geltenden Gesetze auf der Grundlage eines solchen Verständnisses verabschiedet werden.

Die quantitative und qualitative Zusammensetzung dieser biopsychologisch unzulänglichen Fraktion der Bevölkerung variiert auf unserem Planeten je nach Zeit und Ort. Dies kann sich in manchen Ländern durch einen einstelligen Prozentsatz, in manchen Nationen bis zu 19 Prozent darstellen. Diese angesprochene quantitative und qualitative Struktur beeinflusst das gesamte psychologische und moralische Klima des betreffenden Landes. Aus diesem Grund sollte dieses Problem einer bewussten Betrachtung unterzogen werden. Es sollte jedoch ebenfalls in Betracht gezogen werden, dass die Machtträume, die nachweisbar in solchen Kreisläufen sehr stark vorhanden sind, sich nicht immer und nicht notwendigerweise in allen Ländern manifestieren, in denen dieser Prozentsatz sehr hoch ist. Hier sind auch weitere historische Umstände entscheidende Faktoren.

In jeder Gesellschaft dieser Welt schaffen psychopathische Individuen und auch manche der anderweitig abweichenden Menschen ein ponerogenisch aktives Netzwerk allgemeiner Absprachen, das teilweise der Gemeinschaft normaler Menschen entfremdet ist. In diesem → Netzwerk spielt die essentielle Psychopathie eine inspirierende Rolle; dies scheint ein übliches Phänomen zu sein. Die essentiellen Psychopathen sind sich ihrer Verschiedenartigkeit bewusst, während sie ihre Lebenserfahrungen machen und mit den verschiedenen Möglichkeiten um ihr Ziel zu kämpfen vertraut werden. Ihre Welt ist für alle Zeiten in „Wir“ und „Sie“ geteilt; in ihre kleine Welt, die ihre eigenen Gesetze und Gebräuche hat und in die fremde Welt normaler Menschen, die sie als voll von überheblichen Ideen und Gewohnheiten betrachten, durch die sie moralisch abgeurteilt werden. Ihre Wahrnehmung von Ehre lädt sie dazu ein, diese andere menschliche Welt und deren Werte bei jeder Gelegenheit zu betrügen und zu verschmähen. Im Gegensatz zu den Gewohnheiten der normalen Menschen haben sie das Gefühl, dass ein Versprechen zu brechen ein angemessenes Verhalten ist.

Ganz besonders verstörend für einen normalen Menschen, etwas, womit er bei Psychopathen umzugehen hat, ist das Faktum, dass Psychopathen sehr früh lernen, wie ihre Persönlichkeiten traumatisierende Auswirkungen auf die Persönlichkeiten normaler Menschen haben können und wie sie aus dieser Ursache des Schreckens für das Erreichen ihrer Ziele ihre Vorteile ziehen können. Diese Dichotomie der Welten ist immer vorhanden und verschwindet auch nicht, wenn sie bei der Umsetzung ihrer Jugendträume von Macht über die Gesellschaft der normalen Menschen erfolgreich sind. Dies legt uns eine biologische Konditionierung dieser Trennung sehr nahe.

Im Psychopathen entsteht der Traum von einer Utopie einer „glücklichen“ Welt und von einem sozialen System, das ihn nicht zurückweist oder ihn den Gesetzen und Gebräuchen unterwirft, deren Sinn ihm völlig unverständlich ist. Er träumt von einer Welt, in der sein einfacher und radikaler Weg die Realität zu erfahren und wahrzunehmen vorherrscht37; einer Welt, die ihm natürlich auch Sicherheit und Wohlstand sichert. In diesem utopischen Traum stellt er sich diese „Anderen“ zwar anders, aber technisch begabter als er selbst vor, und so sollten diese Anderen dafür arbeiten, dass die Psychopathen und ihresgleichen ihre Ziele erreichen. „Wir“, so sagen die Psychopathen, „werden schlussendlich ein neues Regierungssystem, ein gerechtes Regierungssystem, schaffen.“38 Sie sind darauf vorbereitet zu kämpfen und zum Wohl dieser schönen neuen Welt zu leiden. Und natürlich auch darauf, anderen Menschen dieses Leid zuzufügen. Solche eine Vision rechtfertigt das Töten von Menschen, deren Leid ihnen kein Mitgefühl entlockt, da „diese“ nicht von ihrer Art sind. Sie realisieren nicht, dass sie dadurch folglich auf Widerstand stoßen werden, der Generationen überdauern kann.39

Einen normalen Menschen einem psychologisch abnormen Individuum unterzuordnen hat ernsthafte und schädigende Auswirkungen auf seine oder ihre Persönlichkeit — es erzeugt Traumas und Neurosen. Dies wird auf eine Weise erreicht, die sich im Allgemeinen der bewussten Kontrolle entzieht. In solch einer Situation wird der Mensch seiner natürlichen Rechte beraubt: seine eigene mentale Hygiene zu leben, eine ausreichend autonome Persönlichkeit zu entwickeln und seinen gesunden Menschenverstand zu benutzen. Im Lichte der Gesetze der Natur ist dies ein Verbrechen — eines, das auf jeder sozialen Ebene und in jedem Kontext vorkommen kann — obgleich dies nicht in irgendeinem Gesetzestext festgehalten ist.

Wir haben bereits die Natur einiger pathologischer Persönlichkeiten besprochen, wie beispielsweise die frontale Charakteropathie, und wie diese die Persönlichkeiten jener Menschen deformieren kann, die mit ihr zusammentreffen. Solcherart hat die essentielle Psychopathie eine ganz besonders starke Auswirkung. In einen Menschen, der einem Psychopathen ausgeliefert ist, frisst sich etwas Mysteriöses hinein, das dann wie ein Dämon bekämpft wird. Seine Emotionen kühlen sich ab, sein Sinn für die psychologische Realität wird unterdrückt. Dies führt zu einer bezugslosen Denkweise und einem Gefühl der Hilflosigkeit, was in depressiven Reaktionen kulminiert, die so stark sein können, dass sie von Psychiatern manchmal als manisch-depressive Psychose fehldiagnostiziert werden. Viele Menschen rebellieren gegen eine Herrschaft der Psychopathen schon weit vor solch einer Krise und beginnen nach Auswegen zu suchen, wie sie sich von solch einem Einfluss befreien können.

Viele Lebenssituationen enthalten weitaus geringer rätselhafte Ergebnisse, die aufgrund der Wirkung anderer psychologischer Anomalien auf normale Menschen (die in jedem Fall unangenehm und destruktiv sind) und des skrupellosen Antriebs ihrer Träger andere Menschen zu beherrschen und auszunutzen entstehen. Deshalb haben Gesellschaften, beherrscht von unangenehmen Erfahrungen und Gefühlen, wie auch von natürlichem Egoismus, gute Gründe solche Menschen abzuweisen und sie in unwichtige Positionen des sozialen Lebens abzuschieben, was Armut und Kriminalität mit einschließt.

Unglücklicherweise ist es fast die Norm, dass solch ein Verhalten in den Kategorien unserer natürlichen Weltsicht zu einer moralisierenden Rechtfertigung führt. Die meisten Mitglieder einer Gesellschaft fühlen sich berechtigt, ihre eigene Person und ihren Besitz zu schützen. Zu diesem Zweck nutzen sie das bestehende Rechtssystem. Da die Gesetze auf der natürlichen Wahrnehmung von Erscheinungen und auf emotionalen Motivationen beruhen, anstatt auf einem objektiven Verständnis der Probleme, dienen sie in keiner Weise dem Schutz der Ordnung und der Sicherheit, wie wir sie gerne hätten. Psychopathen und andere abweichende Charaktere nehmen diese Gesetze nur als einen Zwang wahr, der bekämpft werden muss.

Für Menschen mit verschiedenen psychologischen Abweichungen erscheint die von normalen Menschen beherrschte Struktur und deren konzeptuelle Welt als „System des Zwangs und der Unterdrückung“. Eine solche Wahrnehmung ist bei Psychopathen die Regel. Wenn gleichzeitig in einer Gesellschaft ein gerüttelt Maß an Ungerechtigkeit besteht, können die pathologischen Gefühle von Ungerechtigkeit und suggestive Aussagen, die von abweichenden Charakteren ausgehen, bei denjenigen auf fruchtbaren Boden fallen, die tatsächlich unfair behandelt wurden. Sodann können revolutionäre Doktrinen mit Leichtigkeit unter beiden Gruppen verbreitet werden, obwohl jede der beiden Gruppen völlig unterschiedliche Gründe für eine Befürwortung solcher Ideen hat.


Das Vorhandensein von pathogenischen Bakterien in unserer Umgebung ist ein verbreitetes Phänomen. Es ist jedoch nicht der alleinige entscheidende Faktor der bestimmt, ob ein Mensch oder eine Gesellschaft krank wird, da hier ebenso die natürliche und künstliche Immunität, wie auch medizinische Unterstützung eine Rolle spielen können. Auf ähnliche Weise entscheiden nicht psychopathologische Faktoren alleine über die Verbreitung des Bösen. Auch andere Faktoren haben hier eine gleichgestellte Wichtigkeit: sozioökonomische Faktoren, wie auch moralische und intellektuelle Defizite.

Menschen und Nationen, die im Namen moralischer Werte Ungerechtigkeiten ertragen können, finden leichter ihren Weg aus solchen Schwierigkeiten heraus, ohne dabei zu gewalttätigen Mitteln greifen zu müssen. In diesem Zusammenhang beinhaltet eine reichhaltige moralische Tradition die Erfahrungen und Betrachtungen von Jahrhunderten. Dieses Buch beschreibt die Rolle dieser zusätzlichen Faktoren bei der Entstehung des Bösen, die seit Jahrhunderten unzureichend verstanden werden. Eine diesbezügliche Erklärung ist für eine Vervollständigung des Gesamtbildes entscheidend und sie erlaubt es uns, effektivere praktische Maßnahmen zu treffen.

Aus diesem Grund reduziert die Rolle der pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen nicht die Verantwortung von sozialem und moralischem Versagen und intellektuellen Defiziten als Beitrag zu dieser Situation. Wirkliche moralische Defizite, wie auch eine im Großen und Ganzen inadäquate Konzeption der menschlichen Realität und psychologischer und moralischer Situationen werden häufig durch weiter zurückliegende, aber auch durch aktuelle Aktivitäten der pathologischen Faktoren verursacht.

Wir müssen jedoch auch die konstante, biologisch bestimmte Präsenz dieser kleinen Minderheit von Leuten in jeder menschlichen Gesellschaft bemerken, welche diese qualitativ unterschiedlichen, doch ponerologisch aktiven, pathologischen Faktoren in sich tragen. Jegliche Diskussion, was im Prozess der Entstehung des Bösen zuerst da war, moralisches Versagen oder die Aktivitäten der pathologischen Faktoren, muss daher als akademische Spekulation angesehen werden. Andererseits ist es ein nutzbringendes Unterfangen, die Bibel mit den Augen eines Ponerologen nochmals zu lesen.

Eine detaillierte Analyse der Persönlichkeit eines durchschnittlichen, normalen Menschen zeigt fast bei nahezu jeder Persönlichkeit Umstände und Schwierigkeiten, die durch die Wirkung der einen oder anderen Art von pathologischen Faktoren auf den Menschen verursacht wurden. Wenn eine solche Aktivität schon vor langer Zeit gestoppt wurde, der Ort dieser Aktivität weit entfernt liegt oder der Faktor selbst relativ offensichtlich ist, ist der gesunde Menschenverstand im Allgemeinen ausreichend, um die Auswirkungen zu korrigieren. Wenn der pathologische Faktor jedoch unergründlich bleibt, hat die betreffende Person Schwierigkeiten die Ursache ihrer Probleme zu verstehen. Dieser Mensch scheint dann manchmal ein lebenslanger Sklave der Vorstellungen und Verhaltensmuster zu sein, die unter dem Einfluss pathologischer Individuen entstanden sind. So etwas geschah in der bereits angesprochenen Familie, wobei die älteste Schwester, die eine perinatale Schädigung der präfrontalen Hirnlappen aufwies, der Ursprung der pathologischen Induktion war. Auch wenn sie ganz offensichtlich ihr jüngstes Kind missbrauchte, versuchten ihre Brüder dies auf eine paramoralistische Weise zu interpretieren; ein Opfer im Namen der „Familienehre“.

Solche Dinge sollten allen Menschen gelehrt werden, um eine autopädagogische Selbstbetrachtung zu erleichtern. Mit der Zeit wurden gewisse herausragende Psychopathologen davon überzeugt, dass die Theorie korrekt ist, dass eine Entwicklung einer gesunden, funktionsfähigen Sichtweise der menschlichen Realität ohne die Anerkennung der psychopathologischen Erkenntnisse unmöglich ist. Dies ist eine Schlussfolgerung, die nur schwer von Menschen akzeptiert werden kann, die davon überzeugt sind, eine reife Weltsicht ohne solch mühsame Studien erreicht zu haben. Die alten egotistischen Verteidiger der natürlichen Weltsicht haben die Tradition, Belletristik und sogar die Philosophie auf ihrer Seite. Sie realisieren nicht, dass ihre Art und Weise des Verständnisses der Fragen des Lebens in der heutigen Zeit den Kampf gegen das Böse noch problematischer werden lässt. Die jüngeren Generationen sind jedoch mit Biologie und Psychologie vertrauter und deshalb leichter einem objektiven Verständnis zur Rolle der pathologischen Phänomene im Prozess der Entstehung des Bösen zugänglich.

Zwischen der menschlichen und der sozialen Realität entsteht häufig eine Parallaxe40, oft sogar eine große Kluft, die in ihrer Natur biologisch ist und oft durch die oben erwähnte Ablehnung der Faktoren bei psychopathologischen Elementen beeinflusst wird, wie auch durch die traditionellen Wahrnehmungen der Realität, wie sie von Philosophie, Ethik und weltlichem und kirchlichem Recht gelehrt werden. Diese Kluft kann leicht von Menschen erkannt werden, deren psychologische Weltsicht sich auf eine andere Weise als die natürliche Entwicklung eines normalen Menschen gebildet hat. Viele dieser Menschen nutzen diese Schwäche bewusst und unterbewusst aus, um sich mit ihren kurzsichtig-verbissenen Aktivitäten, gekennzeichnet durch egotistische Konzepte aus Eigennutz, in diese Kluft hineinzudrängen. Dennoch finden Menschen, ob sie nun pathologisch gleichgültig gegenüber den Schmerzen anderer Menschen oder Nationen sind, oder ob ihnen das Wissen über Menschlichkeit und Anstand fehlt, über Randgruppen der Gesellschaft offene Tore, durch die sie mit ihrer unterschiedlichen Lebensweise durchwalzen.

Werden wir jemals in der Lage sein, dieses uralte Problem der Menschheit zu lösen? Irgendwann in unbestimmter Zukunft, mithilfe der biologischen und psychologischen Wissenschaften, die im Studium der verschiedenen pathologischen Faktoren, die an ponerogenischen Prozessen beteiligt sind Fortschritte gemacht haben? Dies wird von der Unterstützung der betreffenden Gesellschaften abhängen. Eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Erkenntnis der Rolle, die von den erwähnten Faktoren bei der Genese des Bösen gespielt wird, würde der öffentlichen Meinung helfen, eine entsprechende Position dem Bösen gegenüber einzunehmen, wodurch seine mysteriöse Faszination ein Ende finden würde. Wenn die Gesetze auf Basis eines Verständnisses der Natur der Phänomene korrekt adaptiert werden, werden sie auch prophylaktische Maßnahmen gegen den Ursprung des Bösen erlauben.

Im Laufe der Jahrhunderte war jede Gesellschaft natürlichen eugenischen Prozessen ausgesetzt, die Individuen mit Defiziten, einschließlich jener mit oben erwähnten Eigenschaften, aus dem Fortpflanzungswettbewerb ausschlossen oder ihre Geburtsrate senkten. Diese Prozesse werden selten als solche erkannt, da sie oft durch das sie begleitende Böse gefiltert werden oder durch andere Umstände ganz offenbar in den Hintergrund gedrängt werden. Ein bewusstes Verständnis dieser Sache, basierend auf richtigem Wissen und annähernd moralischen Kriterien, könnte diese Prozesse weniger stürmisch und sie nicht so voll von bitteren Erfahrungen erscheinen lassen. Wenn menschliches Bewusstsein und Gewissen korrekt ausgeprägt sind und ein guter Rat in dieser Angelegenheit beherzigt wird, dann könnte das Gleichgewicht dieser Prozesse einen merklichen Ausschlag in die positive Richtung erfahren. Nach einer Vielzahl von Generationen würde die gesellschaftliche Last der vererbten pathologischen Faktoren unter ein bestimmtes kritisches Maß reduziert werden und ihr Anteil an ponerogenischen Prozessen würde beginnen abzuklingen.41

Ponerogenische Phänomene und Prozesse

Ein Nachverfolgen der qualitativ komplexen kausalen Verbindungen des realen Raum-Zeit → Netzwerks, wie sie in ponerogenischen Prozessen auftreten, verlangt nach der richtigen Annäherung und nach Erfahrung. Das Faktum, dass Psychologen täglich mit mannigfaltigen Fällen konfrontiert sind, die solche abweichenden Menschen oder ihre Opfer im Fokus haben, bedeutet, dass sie im Verständnis und im Beschreiben der vielen Komponenten psychologischer Kausalität schrittweise immer qualifizierter werden. Sie beobachten das Feedback auf geschlossene ursächliche Strukturen. Diese Fähigkeiten erweisen sich jedoch manchmal als unzureichend, um unsere menschliche Tendenz zu überwinden, uns auf ein paar Fakten zu konzentrieren, während wir andere ignorieren und so das unangenehmes Gefühl provozieren, dass die Kapazität unseres Verständnisses der uns umgebenden Realität ineffizient ist. Dies erklärt die Versuchung, die natürliche Weltsicht zu benutzen, um die Komplexität und ihre Verzweigungen zu simplifizieren — ein Phänomen, das so verbreitet ist wie die „alten Weisen“ in der indischen philosophischen Psychologie. Solche eine allzu starke Vereinfachung des kausativen Bildes in Bezug auf die Entstehung des Bösen — oft auf einen einfach zu verstehenden einzelnen Grund oder einen Schuldigen reduziert — wird selbst zu einer Ursache in dieser Genese.

Mit großem Respekt vor den Schwächen unserer menschlichen Vernunft wollen wir nun vorsätzlich den Mittelweg wählen und uns den Vorgang der Abstraktion zunutze machen. Zuerst wollen wir ausgewählte Phänomene beschreiben und dann die Charakteristik der kausativen Verbindungsketten ponerogenischer Prozesse untersuchen. Solche Ketten können wir daraufhin mit komplexeren Strukturen verbinden, um immer mehr das gesamte Bild des realen ursächlichen Netzwerks zu verstehen. Zu Beginn werden die Löcher in diesem Netz so groß sein, dass ein Schwarm Heringe unbemerkt hindurch schwimmen könnte, obgleich große Fische sofort gefangen werden könnten. Das Böse in dieser Welt stellt jedoch eine Art Kontinuum dar, in dem geringfügige Ausformungen des menschlichen Bösen effektiv zur Entstehung des großen Bösen beitragen. Dieses Netz enger und dichter zu machen und die Details des gesamten Bildes einzufügen erscheint nun leichter, da die ponerogenischen Gesetze immer auf dieselbe Weise ablaufen, unabhängig von ihren Erscheinungsformen. Unserem gesunden Menschenverstand unterlaufen kleinere Irrtümer auf der Ebene kleinerer Angelegenheiten.

Im Versuch einer näheren Betrachtung dieser psychologischen Prozesse und Phänomene, die einen Menschen oder einen Staat dazu bringen, einen anderen zu verletzen, wollen wir Phänomene auswählen, die so charakteristisch wie möglich sind. Wir werden sehen, dass die Teilnahme der verschiedenen pathologischen Faktoren in diesen Prozessen die Norm ist. Eine Situation, in der eine solche Teilnahme nicht erkennbar ist, ist die Ausnahme.


Im zweiten Kapitel haben wir die Rolle des menschlichen instinktiven Substrats bei der Entwicklung unserer Persönlichkeit umrissen, die Bildung der natürlichen Weltsicht und die gesellschaftlichen Verbindungen und Strukturen. Wir haben auch aufgezeigt, dass unsere sozialen, psychologischen und moralischen Konzepte, wie auch unsere natürlichen Reaktionsformen nicht in jeder Situation passend sind, die uns in unserem Leben begegnen. Üblicherweise endet eine Situation, die scheinbar unseren Vorstellungen entspricht, es aber in Wirklichkeit nicht tut, damit - wenn wir nach unseren natürlichen Konzepten und reaktiven Archetypen handeln — dass wir jemanden verletzen. Es ist Gesetz, dass solch unterschiedliche Situationen para-adäquate Reaktionen hervorrufen, weil einige nur schwer zu verstehende pathologische Faktoren ins Spiel gekommen sind. Aus diesem Grund endet der praktische Wert unserer natürlichen Weltsicht im Allgemeinen dort, wo die Psychopathologie beginnt.

Die Vertrautheit mit dieser verbreiteten Schwäche der menschlichen Natur und der „Naivität“ der normalen Menschen gehört zu dem besonderen Wissen, das wir bei vielen Psychopathen finden, wie auch bei Charakteropathen. Redekünstler verschiedener Schulen haben immer versucht, im Namen ihrer speziellen Ziele oder ihrer vorherrschenden Ideologie solch para-adäquate Reaktionen bei anderen Menschen hervorzurufen. Dieser schwer zu verstehende pathologische Faktor befindet sich in dem faszinierenden Redner selbst.


Egotismus: Wir bezeichnen mit Egotismus eine unterbewusst als Norm konditionierte Einstellung, bei der wir unseren instinktiven Reflexen, unseren früh erlangten Vorstellungen und Gewohnheiten, wie auch unserer individuellen Weltsicht eine überhöhte Wertigkeit zuschreiben. Egotismus behindert die normale Entwicklung einer Persönlichkeit, weil sie die Vorherrschaft des unterbewussten Lebens unterstützt und eine Akzeptanz desintegrativer Zustände erschwert, die für Wachstum und Entwicklung sehr hilfreich sein können. Dieser Egotismus und die Zurückweisung von Desintegration42 begünstigen im Gegenzug das Aufkommen para-adäquater Reaktionen, wie wir sie bereits behandelt haben. Ein Egotist misst andere Menschen nach seinem eigenen Maß und betrachtet seine Konzepte und seine Erfahrungswelten als objektive Kriterien. Er würde andere Menschen gerne dazu bringen, genauso wie er selbst zu denken und zu fühlen. Egotistische Nationen haben das unterbewusste Ziel, andere Staaten zu lehren oder sie zu drängen, in ihren Kategorien zu denken, was sie unfähig macht, andere Menschen und Nationen zu verstehen oder mit den Werten ihrer Kulturen vertraut zu werden.

Eine richtige Erziehung und Selbsterziehung zielt daher immer auf eine De-Egotisierung eines jungen Menschen oder eines Erwachsenen ab und öffnet auf diese Weise seinem Verstand und seinem Charakter die Tür zu Entwicklung. Praktizierende Psychologen sind nichtsdestotrotz landläufig der Meinung, dass ein bestimmtes Maß an Egotismus ein nützlicher Faktor bei der Stabilisierung der Persönlichkeit ist, sie vor einer allzu leicht auftretenden neurotischen Störung schützt und dabei ermöglicht, die Schwierigkeiten des Lebens zu überwinden. Es gibt jedoch auch eher außergewöhnliche Menschen, deren Persönlichkeiten sehr gut integriert sind, obwohl sie nahezu frei von jeglichem Egotismus sind. Dies erlaubt ihnen, andere Menschen spielend zu verstehen.

Die Ausformung des exzessiven Egotismus, der die Entwicklung menschlicher Werte behindert und zu Fehlurteilen und zur Terrorisierung anderer führt, verdient den Titel „König der menschlichen Fehler.“ Schwierigkeiten, Streitereien, schwerwiegende Probleme und neurotische Reaktionen keimen in allen Menschen auf, die sich im Umfeld eines solchen Egotisten befinden — wie Pilze nach einem Regenguss. Egotistische Nationen verschwenden Gelder und Mühen, um die Ziele zu erreichen, die sie aus ihren irrigen Schlussfolgerungen und übertriebenen emotionalen Reaktionen ableiten. Ihr Unvermögen, die Werte und Verschiedenheiten anderer Nationen anzuerkennen, die aus anderen kulturellen Traditionen stammen, führt zu Konflikten und zu Krieg.

Wir müssen zwischen dem primären und dem sekundären Egotismus unterscheiden. Primärer Egotismus entstammt einem natürlichen Prozess, nämlich dem natürlichen Egotismus eines Kindes und der Irrtümer in der Kindeserziehung, die diesen kindlichen Egotismus meist aufrechterhalten. Sekundärer Egotismus tritt dann auf, wenn eine Persönlichkeit, die den kindlichen Egotismus bereits überwunden hat, in dieses Stadium in Stresssituationen zurückfällt. Dies führt zu einer künstlichen Attitüde, die von stärkeren Aggressionen und sozialer Schädlichkeit charakterisiert ist. Exzessiver Egotismus ist eine konstante Eigenschaft einer hysterischen Persönlichkeit43, ob ihre Hysterie nun primär oder sekundär ist. Ein Anstieg des Egotismus einer Nation sollte aus diesem Grund dem bereits erklärten hysteroiden Kreislauf zugeschrieben werden, bevor andere Überlegungen angestellt werden.

Wenn wir die Entwicklung von exzessiv egotistischen Persönlichkeiten analysieren, dann finden wir häufig einige nicht-pathologische Ursachen — wie zum Beispiel eine Erziehung in einer beengten oder allzu alltäglichen Umgebung; oder eine Erziehung durch Menschen, die weniger intelligent als das Kind sind. Der Hauptgrund für die Entwicklung einer übermäßig egotistischen Persönlichkeit in einem normalen Menschen ist jedoch eine Kontaminierung — mittels psychologischer Induktion — durch exzessiv egotistische oder hysterische Personen, die ihrerseits diese Charakteristik unter dem Einfluss verschiedenster pathologischer Ursachen entwickelt haben. Die meisten der oben beschriebenen genetischen Abweichungen verursachen unter anderem die Entwicklung von pathologisch egotistischen Persönlichkeiten.

Viele Personen mit unterschiedlichen ererbten Abweichungen und anerzogenen Defiziten entwickeln einen pathologischen Egotismus. Für solche Menschen wird es zu einer inneren Notwendigkeit, zu einem beherrschenden Konzept, ihre Umgebung, ganze soziale Schichten, und wenn möglich ganze Nationen dazu zu bringen, wie sie selbst zu denken und zu fühlen. Ein Spiel, das ein normaler Mensch niemals ernst nehmen würde, kann für sie zu einem lebenslangen Ziel werden, zum Zentrum ihrer Bemühungen, Opfer und abgefeimten psychologischen Strategien.

Pathologischer Egotismus ist die Verdrängung jeglicher störender und selbstkritischer Assoziationen, die sich auf die eigene Natur oder Normalität beziehen, aus der Wahrnehmung des eigenen Bewusstseins. Dramatische Fragen, wie „Wer ist hier abnormal, ich oder die Welt der Menschen, die anders fühlen und denken?“ werden zu Ungunsten der Welt beantwortet. Diese Form des Egotismus ist immer auch mit einer verschleiernden Attitüde verbunden, mit einer „Cleckley-Maske“ über einigen pathologischen Qualitäten, die vor dem Bewusstsein verborgen werden, sowohl vor dem eigenen, als auch vor dem anderer Menschen. Die stärkste Intensität eines solchen Egotismus kann im Rahmen der präfrontalen Charakteropathie gefunden werden, wie sie bereits beschrieben wurde.

Die Bedeutung der Mitwirkung dieser Form des Egotismus bei der Entstehung des Bösen muss deshalb kaum näher ausgeführt werden. Es ist ein im Wesentlichen gesellschaftlicher Einfluss, der andere Menschen egotisiert oder traumatisiert, die ihrerseits dann wiederum weitere Schwierigkeiten verursachen. Pathologischer Egotismus ist eine konstante Komponente, bestehend aus vielfältigen Zuständen, wobei jemand, der als normal erscheint (obgleich dies in Wirklichkeit nicht so ist) von Motivationen oder Zielsetzungen getrieben ist, die ein normaler Mensch als unrealistisch oder unwahrscheinlich ansieht. Ein durchschnittlicher Mensch würde sich fragen: „Was könnte er sich davon erwarten?“ Die landläufige Meinung interpretiert solche Situationen jedoch oft im Zusammenspiel mit dem „gesunden Menschenverstand“ und ist deshalb dafür anfällig, eine „wahrscheinlichere“ Version der Situation und Ereignisse zu glauben. Solche Interpretationen enden häufig in menschlichen Tragödien. Wir sollten deshalb immer daran denken, dass das Prinzip des Gesetzes cui prodest44 immer dann zu einer Illusion wird, wenn pathologische Faktoren ins Spiel kommen.


Moralisierende Interpretationen: Die Tendenz, eine moralisierende Interpretation über essentielle pathologische Phänomene abzugeben, ist ein Aspekt der menschlichen Natur, dessen Wahrnehmungssubstrat in unserem typischen Instinkt einkodiert ist. Menschen schaffen es normalerweise nicht, zwischen moralischem und biologischem Bösen zu unterscheiden. Prinzipienreiterei kommt immer, obgleich in verschiedenem Ausmaß, in der natürlichen und moralischen Weltsicht zum Vorschein, weshalb wir diese Tendenz als permanenten Irrtum der öffentlichen Meinung betrachten sollten. Wir mögen diesen Irrtum mittels eines gesteigerten Wissens über uns selbst geringer halten, doch eine Überwindung verlangt nach besonderer Kenntnis im psychopathologischen Bereich. Junge Menschen und weniger gebildete Kreise neigen immer zu solchen Interpretationen (obwohl dies auch traditionelle Schöngeister kennzeichnet), die sich intensivieren, wann immer die natürlichen Reflexe die Kontrolle von der Vernunft übernehmen, also in hysterischen Zuständen und in direktem Verhältnis zur Intensität des Egotismus.

Immer wenn wir Fehlern und Irrtümern im menschlichen Verhalten mit einer moralisierenden Interpretation begegnen, verschließen wir einem ursächlichen Verständnis der Phänomene das Tor und öffnen es für rachsüchtige Emotionen und psychologische Irrtümer. Diese Fehler im menschlichen Verhalten stammen eigentlich von den verschiedenen Einflüssen pathologischer Faktoren, ob wir sie nun behandelt haben oder nicht, die häufig von Meinungen verworren werden, die in diesem Gebiet ungeübt sind. Damit erlauben wir diesen Faktoren, ihre ponerogenischen Aktivitäten weiterzuführen, sowohl in uns selbst, als auch in anderen. Nichts vergiftet die menschliche Seele und beraubt uns unserer Kapazität, die Realität objektiver zu verstehen, mehr, als genau diese Abhängigkeit von der alltäglichen menschlichen Tendenz, gegenüber dem Verhalten der Menschen eine moralisierende Sichtweise einzunehmen.

Praktisch gesprochen enthält jedes Verhalten, das zumindest irgendeinem anderen Menschen ernsthaften Schaden zufügt, in seiner psychologischen Entstehung den Einfluss einiger pathologischer Faktoren — natürlich neben anderen Einflüssen. Aus diesem Grund ist jegliche Interpretation der Ursachen des Bösen, die sich selbst auf moralische Kategorien einschränkt, eine unpassende Wahrnehmung der Realität. Allgemein betrachtet kann dies zu einem irrigen Verhalten führen, das unsere Fähigkeiten zu Maßnahmen gegen die Ursachen des Bösen einschränkt und die Lust auf Rache schürt. Dies entzündet häufig ein neues Feuer in den ponerogenischen Prozessen. Wir sollten deshalb eine einseitige moralische Interpretation über die Ursprünge des Bösen als falsch und zu jeder Zeit unmoralisch ansehen. Die Vorstellung, diese alltägliche menschliche Neigung und ihre Resultate zu überwinden, kann als moralisches Motiv angesehen werden, das mit der gesamten Ponerologie verflochten ist.

Wenn wir die Gründe analysieren, warum manche Menschen solch emotionsgeladenen Interpretationen oft überbeanspruchen und eine korrektere Sichtweise häufig entrüstet zurückweisen, dann werden wir mit Sicherheit pathologische Faktoren entdecken, die in diesen Menschen aktiv sind. In solchen Fällen wird eine Verstärkung dieser Tendenz durch das Verdrängen jeglicher, das eigene Verhalten und dessen innere Gründe betreffender, selbstkritischer Konzepte aus dem wahrgenommenen Bewusstsein verursacht. Der Einfluss solcher Menschen verstärkt diese Tendenz in anderen.


Paramoralismen: Die Überzeugung, dass moralische Werte bestehen und dass manche Handlungen die Gesetze der Moral verletzen ist ein so allgemeines und uraltes Phänomen, dass sie scheinbar im menschlichen Instinkt verankert ist (obwohl dies sicherlich nicht völlig für moralische Wahrheiten gilt) und somit nicht ausschließlich Jahrhunderte von Erfahrung, Kultur, Religion und Sozialisierung abbildet. Deshalb ist jede in moralischen Parolen formulierte Andeutung suggestiv, auch wenn die „moralischen“ Kriterien nur eine Formulierung aus dem Stegreif sind. Somit kann sich jede Handlung als unmoralisch herausstellen, oder als moralisch mittels solcher Paramoralismen, die als aktive Suggestion benutzt wird. Und es wird immer Menschen geben, deren Verstand solch einer Argumentation unterliegt.

Auf der Suche nach einem Beispiel für eine böse Handlung, deren negativer Wert in keiner sozialen Situation Zweifel hervorruft, erwähnen Ethiker oft Kindesmissbrauch. Psychologen treffen jedoch in der Praxis häufig auf paramoralische Bestätigungen solcher Verhaltensweisen, wie zum Beispiel beim oben erwähnten Fall der Familie der ältesten Schwester mit präfrontaler Hirnschädigung. Ihre jüngeren Brüder beharrten mit Nachdruck darauf, dass das sadistische Verhalten der Schwester gegenüber ihrem Sohn aufgrund ihrer außergewöhnlich hohen moralischen Werte zu erklären sei. Sie glaubten dies durch Autosuggestion. Paramoralismen entziehen sich auf eine schlaue Weise der Kontrolle unserer Vernunft, was manchmal dazu führt, dass ein Verhalten akzeptiert oder anerkannt wird, das ganz offensichtlich pathologisch ist.45

Die verschiedenen Ausformungen des Bösen werden so oft von paramoralistischen Aussagen und Suggestionen begleitet, dass sie nahezu als unzertrennbar erscheinen. Eine häufige Erscheinung bei Menschen, repressiven Gruppierungen, oder pathopolitischen Systemen ist unglücklicherweise das Erfinden von immer neuen moralischen Kriterien, die immer zu ihrem Vorteil erdacht werden. Solche Suggestionen berauben zum Teil oftmals Menschen ihrer moralischen Vernunft und deformieren deren Entwicklung bei Jugendlichen. Weltweit wurden paramoralische Fabriken gegründet, wobei es einem Ponerologen schwer fällt zu glauben, dass diese von psychologisch normalen Menschen geleitet werden.

Die konversiven46 Eigenschaften bei der Entstehung des Bösen scheinen zu belegen, dass sie aus der hauptsächlich unterbewussten Zurückweisung (und Verdrängung aus dem Bewusstsein) von etwas völlig anderem entstehen, das wir als die Stimme des Gewissens bezeichnen.

Ein Ponerologe kann nichtsdestotrotz viele Beobachtungen machen, die die Meinung unterstützen, dass verschiedene pathologische Faktoren an dieser Tendenz, Paramoralismen anzuwenden, beteiligt sind. Dies war in der erwähnten Familie der Fall. Wenn dies gemeinsam mit einer moralisierenden Interpretation auftritt, intensiviert sich in Egotisten und Hysterischen diese Tendenz. Die Ursachen dafür sind ähnlich. Wie alle konversiven Phänomene ist diese Neigung Paramoralismen anzuwenden psychologisch ansteckend. Das erklärt, warum wir sie bei Menschen beobachten können, die von Personen erzogen wurden, in denen sie sich neben pathologischen Faktoren entwickeln konnten.

Es ist nun passend darüber zu reflektieren, dass das wahre Gesetz der Moral unabhängig von unseren Urteilen existiert und entsteht, sogar unabhängig von unserer Fähigkeit es zu erkennen. Deshalb ist die Zugangsweise, die für ein solches Erkennen vonnöten ist, eine wissenschaftliche und keine kreative. Wir müssen unseren Verstand demütig der wahrnehmbaren Realität unterordnen, wenn wir die Wahrheit über die Menschheit erkennen, ihre Werte als auch ihre Schwächen, die uns zeigen, was in Bezug auf andere Menschen und Gesellschaften anständig und angemessen ist.


Reversive Blockade: Auf einer Sache ausdrücklich zu beharren, obwohl es das Gegenteil der Wahrheit ist, blockiert den Verstand eines durchschnittlichen Menschen vor der Wahrnehmung der Wahrheit. In Übereinstimmung mit den Geboten des gesunden Menschenverstandes, beginnt eine auf solche Weise handelnde Person den Sinn in der „goldenen Mitte“ zwischen der Wahrheit und ihrem Gegenteil zu suchen, was einigermaßen befriedigende, jedoch falsche Antworten hervorbringt. Menschen die so denken realisieren nicht, dass dieses Ergebnis exakt die Absicht jener Person war, die sie zu dieser Denkmethode gebracht hat. Wenn eine falsche Wahrheit das Gegenteil einer moralischen Wahrheit ist, dann stellt sie gleichzeitig einen extremen Paramoralismus dar und trägt dessen besondere Suggestivität.

Wir können diese Methode nur selten bei normalen Menschen erkennen, auch wenn sie von Personen großgezogen wurden, die sie missbrauchten. Sie zeigen üblicherweise nur deren Ergebnisse bei ihren charakteristischen Schwierigkeiten, die Realität richtig zu begreifen. Die Anwendung dieser Methode kann in das bereits angesprochene spezielle Wissen von Psychopathen über die Schwächen der menschlichen Natur und die Kunst, andere Menschen auf Abwege zu leiten, einbezogen werden. Dort, wo Psychopathen regieren, wird diese Methode mit Virtuosität und im Rahmen ihrer Macht benutzt.


Auswahl und Ersatz von Informationen: Die schon den Philosophiestudenten vor Freud, die sich mit dem Unterbewussten beschäftigten, bekannten psychologischen Phänomene, sind es wert, hier nochmals angeführt zu werden. Unbewusste psychologische Prozesse überlagern sowohl zeitlich als auch in ihrem Umfang eine bewusste Argumentation, was viele psychologische Phänomene ermöglicht. Miteingeschlossen sind hier jene Erscheinungen, die allgemein als konversiv beschrieben werden, wie ein unterbewusstes Ausblocken von Schlussfolgerungen, und auch die Auswahl und das Ersetzen von unangenehmen Vorgaben.

Wir sprechen von einem Ausblocken von Schlussfolgerungen, wenn der folgernde Prozess im Prinzip richtig war und kurz vor einer Schlussfolgerung und einem letztendlichen Verständnis — im Rahmen eines Vorgangs der inneren Projektion - steht, doch durch eine vorangehende Direktive aus dem Unterbewussten, die die Schlussfolgerung als unpraktisch oder beunruhigend empfinden lässt, daran gehindert wird. Dies ist ein primitiver Schutz vor einem Zerfall der Persönlichkeit, der seine Vorteile zu haben scheint. Dies verhindert jedoch auch all die Nützlichkeiten, die aus einer bewusst durchdachten Schlussfolgerung und deren Anwendung gezogen werden könnten. Ein Ergebnis, das solcherart zurückgewiesen wird, verbleibt in unserem Unterbewusstsein und verursacht auf noch unbewusstere Weise die nächste Blockade und Auswahl dieser Art. Dies kann sehr schädlich sein und einen Menschen schrittweise in die Abhängigkeit von seinem Unterbewusstsein treiben. Oft wird dieser Vorgang durch ein Gefühl von Spannung und Verbitterung begleitet.

Eine Auswahl von Vorgaben ist dann gegeben, wenn das Feedback tiefer in die folgernde Argumentation eingreift und auf diese Weise aus der „Datenbank“ nur jenen Teil der Information löscht und ins Unterbewusstsein verdrängt, der für das Ergebnis der unangenehmen Schlussfolgerung verantwortlich war. Unser Unterbewusstsein erlaubt dann weitere logische Denkvorgänge, allerdings wird deren Ergebnis in direktem Verhältnis zur eigentlichen Bedeutung der verdrängten Information falsch sein. Somit wird eine immer größere Menge solch verdrängter Informationen in unserem unterbewussten Gedächtnis gesammelt. Schließlich wird der Mensch von einem bestimmen Verhaltensmuster geprägt. Ähnliche Informationen werden auf immer gleiche Weise behandelt, auch wenn eine logische Betrachtung zu einem Ergebnis käme, das für den betreffenden Menschen durchaus von Vorteil gewesen wäre.

Der komplizierteste Prozess dieser Form ist das Ersetzen von Prämissen, die durch andere Informationen beseitigt wurden und so eine vorgeblich angenehmere Schlussfolgerung sicherstellen. Unsere Fähigkeit zur Assoziation ersetzt sehr schnell eine beseitigte Information durch neue Daten, die diesmal zu einem angenehmen Ergebnis kommen. Dieser Vorgang dauert am Längsten und es ist sehr unwahrscheinlich, dass er ausschließlich unterbewusst ist. Solche Substitutionen erfolgen mittels verbaler Kommunikation oft im Kollektiv, in bestimmen Gruppen. Aus diesem Grund verdienen diese Substitutionen am allermeisten - aus allen bereits erwähnten Prozessen - den moralisierenden Beinamen „die Scheinheiligen“.

Die angesprochenen Beispiele von konversiven Phänomenen umfassen jedoch nicht ein Problem, das in der psychoanalytischen Praxis bestens bekannt ist. Unser Unterbewusstsein mag die Basis des menschlichen Genius in sich tragen, doch seine Funktionsweise ist nicht perfekt. Manchmal erinnert es an einen dummen Computer, besonders dann, wenn wir zulassen, dass es mit ängstlich abgelehnten Informationen überhäuft wird. Das erklärt, warum eine bewusste Betrachtung, auch wenn wir dabei mutig unsere Zustände der Auflösung akzeptieren müssen, gleichfalls für unsere Natur - unser individuelles und soziales Wohl gar nicht erwähnt - so wichtig ist.

Es gibt keinen Menschen, dessen perfekte Selbsterkenntnis ihm gestattet, alle Tendenzen in Richtung konversiven Denkens zu eliminieren, doch es gibt Menschen, die diesem Zustand sehr nahe sind, während andere Sklaven dieser Prozesse sind. Jene Menschen, die zu oft zum Zweck des Findens passender Schlussfolgerungen, oder so mancher listiger paralogistischer oder paramoralischer Aussage, konversive Handlungsweisen einsetzen, beginnen möglicherweise auch, solch ein Verhalten für weit trivialere Gründe anzuwenden und verlieren dabei die Fähigkeit zur bewussten Kontrolle über alle ihre Denkprozesse. Dies führt unvermeidbar zu Verhaltensirrtümern, für die andere Menschen, wie auch sie selbst, bezahlen müssen.

Menschen, die ihre psychologische Hygiene und ihre Kapazität zu korrektem Denken entlang dieses Weges verloren haben, verlieren auch ihre natürlichen kritischen Fähigkeiten in Bezug auf die Aussagen und das Verhalten jener Menschen, deren abnorme Gedankengänge auf dem Substrat pathologischer Anomalien gebildet wurden, ganz gleich ob diese vererbt oder angeeignet wurden. Heuchler unterscheiden nicht zwischen pathologischen und normalen Menschen und verursachen auf diese Weise, dass eine „Infektion“ durch die ponerologische Funktion pathologischer Faktoren möglich wird.

Grundsätzlich enthält jede Gemeinschaft Menschen, in denen sich solche und ähnliche Denkmethoden auf breiter Basis entwickeln konnten, mit ihren verschiedenen Abweichungen im Hintergrund. Wir finden sie sowohl in charakteropathischen als auch in psychopathischen Persönlichkeiten. Einige sind sogar dazu beeinflusst, sich zunehmend an solche „Argumentationsweisen“ zu gewöhnen, da konversives Denken höchst ansteckend ist und sich über eine ganze Gesellschaft ausbreiten kann. Besonders in „glücklichen Zeiten“ intensiviert sich im Allgemeinen die Tendenz zu konversivem Denken. In einer solchen Gesellschaft ist dies von einer aufkommenden Welle von Hysterie begleitet. Jene Menschen, die versuchen ihren gesunden Menschenverstand und ihre korrekten Überlegungen aufrecht zu erhalten, werden schließlich zu einer Minderheit und fühlen sich ungerecht behandelt, da ihr Menschenrecht, ihre psychologische Hygiene zu bewahren, durch Druck von allen Seiten verletzt wird. Dann sind „schlechte Zeiten“ nicht mehr fern.

Wir sollten hervorheben, dass der hier beschriebene, irrige Gedankenprozess auch — und das ist ebenfalls die Norm — die Gesetze der Logik mittels eines charakteristischen Verrats verletzt. In der Kunst des korrekten logischen Denkens gebildete Menschen können deshalb dazu dienen, solchen Tendenzen entgegenzuwirken; das hat eine heilige, uralte Tradition, die jedoch offenbar Jahrhunderte lang nicht ausreichend effizient war. Ein Beispiel: Nach den Gesetzen der Logik gibt es auf eine Frage, die eine irrige oder unbestätigte Vermutung enthält, keine Antwort. Nichtsdestotrotz wurde unter Menschen mit konversivem Denken nicht nur das Arbeiten mit solchen Fragen epidemisch und zu einem Ursprung von Terror, wenn sie von Psychopathen beantwortet werden, sondern dies trat auch unter Menschen auf, die normal denken und sogar unter Personen, die Logik studierten.

Dieser abnehmenden Tendenz der Kapazität für korrektes Denken in einer Gesellschaft sollte entgegengewirkt werden, da dies ebenfalls die Immunität gegen ponerogenische Prozesse senkt. Ein effektives Maß wäre das Lehren von sowohl korrektem Denken als auch gekonntem Aufspüren von Gedankenirrtümern. Die Basis für eine solche Erziehung sollte breit gestreut sein und Psychologie, Psychopathologie und alle angesprochenen Wissenschaften enthalten, um Menschen zu erziehen, die jede Form von Paralogismen mit Leichtigkeit entdecken können.

Redekünstler

Um die ponerogenischen Wege im Zuge der Verseuchung zu verstehen, insbesondere wenn es in einem breiten sozialen Kontext geschieht, wollen wir die Funktionen und die Persönlichkeiten jener Menschen beobachten, die wir „Redekünstler“ nennen wollen und die trotz ihrer statistisch unerheblichen Anzahl hierbei einen höchst aktiven Part übernehmen.

Redekünstler sind generell Träger von verschiedenen pathologischen Faktoren, von denen manche Charakteropathien und manche ererbte Anomalien sind. Menschen mit Persönlichkeitsfehlbildungen haben ähnliche Funktionen, obgleich die soziale Bandbreite ihres Einflusses sehr gering ist — sie beschränkt sich auf Familie und Nachbarschaft — und bestimmte Grenzen des Anstandes nicht überschreitet.

Redekünstler sind durch einen pathologischen Egotismus gekennzeichnet. Solch eine Person ist durch einige innere Ursachen dazu gedrängt, früh eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten zu treffen: die Erste ist andere Menschen davon zu überzeugen, auf ähnliche Weise wie sie selbst zu denken und wahrzunehmen; die Zweite ist ein Gefühl von Einsamkeit und Andersartigkeit — ein pathologischer Außenseiter im sozialen Leben zu sein. Manchmal stehen sie vor der Entscheidung die Menschen zu kontrollieren oder Selbstmord zu begehen.

Eine erfolgreiche Verdrängung selbstkritischer oder unangenehmer Konzepte aus dem Bewusstsein lässt schrittweise die Phänomene des konversiven Denkens, der Paralogistik oder des Paramoralismus und der Anwendung von reversiven Blockaden entstehen. Diese fließen so reichlich aus dem Geist und dem Mund des Redekünstlers, dass sie den Verstand eines durchschnittlichen Menschen überfluten. Alles wird der überkompensierenden Überzeugung des Redekünstlers untergeordnet, dass er außergewöhnlich ist, manchmal sogar messianisch. Aus dieser Überzeugung entsteht eine Ideologie, die teilweise richtig ist und deren Werte vorgeblich erhaben sind. Wenn wir jedoch die exakten Funktionen solch einer Ideologie in der Persönlichkeit des Redekünstlers untersuchen, dann erkennen wir, dass es nichts anderes ist als ein Mittel zur Selbstgefälligkeit, das für eine Verdrängung dieser quälenden selbstkritischen Gedanken ins Unterbewusstsein sehr geeignet ist. Die bei der Beeinflussung anderer Menschen hilfreiche Rolle der Ideologie dient ebenfalls den Bedürfnissen des Redekünstlers.

Der Redekünstler glaubt, dass er immer jemanden finden wird, den er für seine Ideologie überzeugen kann, und meistens hat er damit Recht. Er ist jedoch schockiert (oder sogar paramoralisch indigniert), wenn sich herausstellt, dass sein Einfluss nur eine kleine Minderheit erreicht, wohingegen die meisten Leute seinen Aktivitäten kritisch, sorgenvoll oder verstört gegenüber stehen. Der Redekünstler steht somit vor einer Entscheidung: entweder er gibt auf und zieht sich in seine Ecke zurück, oder er stärkt seine Position, indem er die Effektivität seiner Handlungen verbessert.

Er stellt jeden, der seinem Einfluss unterliegt und seine experimentellen Methoden verkörpert, auf ein hohes moralisches Podest. Solche Menschen überschüttet er wenn möglich mit Aufmerksamkeit und Gütern. Kritikern begegnet er mit „moralischer“ Empörung. Man kann sogar behaupten, dass die fügsame Minderheit eigentlich die moralische Mehrheit ist, da diese die besten Ideologien erklärt und einen Führer ehrt, dessen Qualitäten überdurchschnittlich sind.

Solche Handlungen sind notwendigerweise immer durch die Unfähigkeit charakterisiert, ihre letztendlichen Resultate abzusehen, was aus psychologischer Sicht einleuchtend ist, da deren Substrat pathologische Phänomene enthält und sowohl das faszinierende Reden als auch die Selbstgefälligkeit es unmöglich machen, die Realität korrekt genug wahrzunehmen, um logische Resultate absehen zu können. Redekünstler sind jedoch große Optimisten und hegen Visionen zukünftiger Triumphe, ähnlich jener, über deren verkümmerte Seelen sie sich erfreuen. Auch Optimismus kann ein pathologisches Symptom sein.

In einer gesunden Gesellschaft wird den Aktivitäten der Redekünstler mit Kritik begegnet, die effektiv genug ist, um sie schnell zum Schweigen zu bringen. Wenn jedoch Zustände vorausgehen, die auf den Menschenverstand und die soziale Ordnung destruktiv wirken — wie zum Beispiel soziale Ungerechtigkeit, kulturelle Rückschrittlichkeit oder intellektuell eingeschränkte Machthaber, die zeitweilig pathologische Züge aufweisen — dann haben die Aktivitäten von Redekünstlern ganze Gesellschaften in Tragödien auf breiter menschlicher Basis geführt.

Solche Menschen fischen sich eine Umgebung oder eine Gesellschaftsschicht heraus, die für ihren Einfluss zugänglich ist und vergrößern deren psychologische Schwächen, bis sie schließlich in einer ponerogenischen Einheit zusammenwachsen. Andererseits versuchen Leute, die ihre gesunde Kritikfähigkeit aufrechterhalten konnten, auf Grundlage ihres eigenen gesunden Menschenverstandes und ihrer moralischen Kriterien, den Aktivitäten und Resultaten der Redekünstler entgegenzuwirken. In der daraus resultierenden Polarisation sozialer Verhaltensweisen rechtfertigt sich jede Seite über moralische Abgrenzungen selbst. Aus diesem Grund ist solch ein auf gesundem Menschenverstand beruhender Widerstand immer von einem Gefühl der Hilflosigkeit und einem Mangel an Argumenten begleitet.

Die Erkenntnis, dass der Redekünstler immer ein pathologisches Individuum ist, sollte uns vor den bekannten Resultaten einer moralisierenden Interpretation von pathologischen Phänomenen schützen und uns einen objektiven Beurteilungsmaßstab gewährleisten, der effektivere Gegenmaßnahmen erlaubt. Die Erklärung, welche Art von pathologischer Basis in einem beliebigen Fall von Aktivitäten eines Redekünstlers versteckt liegt, sollte uns in solchen Situationen eine moderne Lösung garantieren.

Es ist ein kennzeichnendes Phänomen, dass ein hoher Intelligenzquotient gewöhnlich einem Menschen nur eine mittelmäßig höhere Immunität gegen die Aktivitäten eines Redekünstlers verleiht. Die tatsächlichen Unterschiede bei der Bildung des menschlichen Verhaltens gegenüber dem Einfluss solcher Aktivitäten muss anderen Eigenschaften der menschlichen Natur zugeschrieben werden. Der entscheidendste Faktor bei der Bildung einer kritischen Einstellung ist eine gute Grundintelligenz, die unsere Wahrnehmung der psychologischen Realität bedingt. Wir können auch beobachten, wie die Handlungsweisen eines Redekünstlers mit erstaunlicher Regelmäßigkeit anfällige Menschen „herausschälen“.

Wir werden später auf die besonderen Verbindungen zurückkommen, die in den Persönlichkeiten der Redekünstler vorhanden sind, in den Ideologien, die sie darlegen und in den Entscheidungen der Menschen, die ihnen leicht erliegen. Eine umfassende Klärung dieses Themas benötigte eine separate Studie im Rahmen der allgemeinen Ponerologie — eine Arbeit für Spezialisten — um mehr dieser interessanten Phänomene verstehen zu können, die bis heute immer noch nicht richtig verstanden sind.

Ponerogenische Verbindungen

Wir wollen jede Gruppierung von Menschen als „ponerogenische Verbindung“ bezeichnen, die durch ponerogenische Prozesse von überdurchschnittlich sozialer Intensität gekennzeichnet ist, worin die Träger von verschiedenen pathologischen Faktoren als inspirierende Kraft, Redekünstler und Führer fungieren und eine richtige pathologische soziale Struktur entsteht. Kleinere, weniger dauerhafte Verbindungen wollen wir mit „Gruppen“ oder „Vereinigungen“ bezeichnen.

Solch eine Verbindung lässt Böses entstehen, das andere Menschen genauso verletzt, wie ihre eigenen Mitglieder. Wir können in der Tradition unserer Sprache diese Organisationen mit verschiedenen Namen benennen: Gangs, kriminelle Ansammlungen, Mafias, Cliquen und geschlossene Gesellschaften, die schlau den Konflikt mit dem Gesetz vermeiden, während sie nach ihrem eigenen Vorteil aus sind. Solche Vereinigungen streben häufig nach politischer Macht, um im Namen einer passend vorbereiteten Ideologie den Gesellschaften ihre zweckdienliche Gesetzgebung aufzuerlegen, wobei sie ihre Vorteile in Form von unverhältnismäßigem Reichtum und der Befriedigung ihres Machthungers ziehen.

Es wäre natürlich von wissenschaftlichem Wert, eine Beschreibung und Klassifizierung solcher Verbindungen samt einer Übersicht über ihre Anzahl, Ziele, öffentlich verkündete Ideologien und ihre innere Organisationsstrukturen darzustellen. Eine solche Darstellung könnte einem Ponerologen helfen, einige der Eigenschaften solcher Vereinigungen zu bestimmen, die mittels der natürlichen Konzeptsprache nicht festgelegt werden können.

Eine solche Darstellung sollte jedoch nicht das weit faktischere Phänomen und die psychologischen Abhängigkeiten verdecken, die innerhalb dieser Vereinigungen am Werk sind. Eine Missachtung dieses Ratschlages kann bei einer solchen soziologischen Beschreibung sehr leicht zu einer Darstellung von Eigenschaften führen, die von zweitrangiger Wichtigkeit sind und nur zu „Showzwecken“ erstellt wurden, um die Unwissenden zu beeindrucken. Dabei würde sie die eigentlichen Phänomene überschatten, die für die Qualität, die Funktion und das Schicksal der Vereinigung entscheidend sind. Besonders wenn eine solche Darstellung in Form von blumiger Literatur erfolgt, kann sie illusorisches oder ersetzendes Wissen hervorbringen und so eine naturalistische Wahrnehmung und ein ursächliches Verständnis komplexerer Phänomene nur umreißen.

Ein Phänomen, das allen ponerogenischen Gruppen und Verbindungen gemein ist, ist der Verlust der Fähigkeit ihrer Mitglieder, pathologische Individuen als solche wahrzunehmen und das Verhalten solcher Individuen als faszinierend, heroisch oder melodramatisch zu interpretieren. Die Meinungen, Ideen und Urteile von Menschen mit verschiedenen psychologischen Defiziten werden mit einer Wichtigkeit ausgestattet, die zumindest der Wertigkeit gleichkommt, die wirklich außergewöhnliche Menschen verdienen.

Die Verkümmerung der natürlichen kritischen Fähigkeiten in Bezug auf pathologische Menschen gereicht einer Freigabe für ihre Aktivitäten und wird gleichzeitig zu einem Merkmal für ein Erkennen einer solchen Verbindung als ponerogenisch. Wir wollen dies als das erste Kennzeichen der Ponerogenese bezeichnen.

Ein weiteres Phänomen, das alle ponerogenischen Verbindungen gemeinsam haben, ist ihre statistisch hohe Konzentration an Menschen mit verschiedenen psychologischen Anomalien. Ihre qualitative Zusammensetzung ist bei der Bildung des Charakters, der Aktivitäten, der Entwicklung oder des Endes der gesamten Vereinigung von ausschlaggebender Wichtigkeit.

Gruppen, die von den verschiedenen Formen charakteropathischer Menschen beherrscht werden, entwickeln relativ primitive Handlungsweisen, die für eine Gesellschaft normaler Personen relativ leicht zu stoppen sind. Wenn jedoch solche Vereinigungen von Psychopathen inspiriert sind, stellt sich die Sachlage völlig anders dar. Nehmen wir das folgende Beispiel - vom Autor unter aktuellen Ereignissen ausgewählt, die er untersuchte - um die Funktionen von zwei unterschiedlichen Anomalien zu illustrieren.

In verbrecherischen Gangs junger Menschen, wird von Burschen (und manchmal auch von Mädchen), die ein charakteristisches Defizit aufweisen, das manchmal von einer Entzündung der Ohrspeicheldrüse (Mumps) zurückbleibt, eine besondere Funktion ausgeübt. Diese Krankheit schließt manchmal Gehirnreaktionen mit ein und hinterlässt in manchen Fällen eine sanfte, doch permanente Indifferenz der Gefühle und eine leichte Abnahme der allgemeinen geistigen Fähigkeiten. Auch nach Diphtherie sind zeitweilig solche Reaktionen zu beobachten. Als Resultat sind solche Personen leicht für Suggestionen und Manipulationen durch cleverere Zeitgenossen anfällig.

Wenn sie in eine verbrecherische Gruppe gelangen, werden diese in ihrer Konstitution geschwächten Leute zu wenig kritischen Helfern und zu Ausführenden der Absichten ihres Anführers. Sie werden zu Werkzeugen ihrer meist betrügerischen und gewöhnlich psychopathischen Anführer. Wenn sie dann hinter Gittern landen, fügen sie sich den von ihren Anführern eingeflüsterten Anweisungen, dass das höhere (das paramoralische) Ideal ihrer Gruppe von ihnen verlangt, dass sie den Sündenbock spielen und den Großteil der Schuld auf sich nehmen müssen. Bei der Verhandlung schieben dann dieselben Anführer, die zu den Verbrechen angestiftet haben, die Schuld gnadenlos auf ihre schwächeren Kollegen. Und manchmal glaubt ein Richter diesen Ausführungen.

Es ist nur 1,0 Prozent der Gesamtbevölkerung, die unter den Nachwirkungen von Mumps und Diphtherie leiden, aber ihr Anteil bei jugendlichen Verbrechen liegt bei 25 Prozent. Das entspricht einer Inspissation47 um das 30-fache und benötigt keine weitere statistische Analyse. Wenn wir die Inhalte ponerogenischer Vereinigungen geschickt genug studieren, dann treffen wir oft eine Inspissation mit anderen psychologischen Anomalien, die ebenfalls für sich selbst sprechen.


Wir sollten zwei Formen der oben angesprochenen Vereinigungen unterscheiden: Primär ponerogenische und sekundär ponerogenische Vereinigungen. Lassen Sie uns primär ponerogenische Gruppen als Vereinigungen beschreiben, deren abnorme Mitglieder von Beginn an aktiv sind und eine Funktion als kristallisierende Katalysatoren schon von der Gründung der Gruppe an innehaben. Sekundäre ponerogenische Gruppen wollen wir als Vereinigungen beschreiben, die im Namen einer bestimmten Idee mit einer unabhängigen sozialen Bedeutung gegründet wurden, die im Allgemeinen innerhalb der Kategorien der natürlichen Weltsicht erfasst werden kann, jedoch mit der Zeit einer bestimmten moralischen Verkümmerung erlegen ist. Dies öffnete im Gegenzug das Tor für eine Infektion und eine Aktivierung der inneren pathologischen Faktoren und führte später zu einer Ponerisation der gesamten Gruppe, oder oft auch ihrer Fraktionen.

Eine primär ponerogenische Vereinigung ist von Anbeginn an im Organismus der Gesellschaft ein Fremdkörper. Ihr Charakter kollidiert mit den moralischen Werten, die von der Mehrheit geteilt oder respektiert werden. Die Aktivitäten einer solchen Gruppe erzeugen Opposition und Abscheu und werden als unmoralisch angesehen. In der Regel verbreiten sich deshalb solche Gruppen nicht besonders weit und sie teilen sich auch nicht in mehrere Vereinigungen. Letztendlich verlieren sie ihren Kampf gegen die Gesellschaft.

Um sich jedoch in große ponerogenische Vereinigungen entwickeln zu können ist es ausreichend, dass einige menschliche Organisationen, die durch soziale, politische oder ideologische Ziele mit einigem kreativen Wert gekennzeichnet sind, von einer größeren Anzahl normaler Menschen akzeptiert werden, bevor sie dem Prozess der ponerogenischen Bösartigkeit erlegen sind. Somit werden die tragende Tradition und die ideologischen Werte einer solchen Gesellschaft sein, eine Vereinigung, die dem Prozess der Ponerisation erlegen ist, für lange Zeit vor dem Bewusstsein der Gesellschaft zu schützen, was besonders für deren weniger kritischen Mitglieder gilt. Wenn der ponerogenische Prozess eine menschliche Organisation berührt, die ursprünglich im Namen politischer oder sozialer Ziele entstanden ist und gehandelt hat und deren Ursprung in der historischen und sozialen Situation lag, werden die ursprünglichen, tragenden Werte solch eine Vereinigung erhalten und beschützen. Trotz der Tatsache, dass jene tragenden Werte einer charakteristischen Degeneration unterliegen, entwickelt sich die praktische Funktion völlig unterschiedlich zur ursprünglichen Funktion, da die Namen und Symbole beibehalten werden. In einer solchen Situation kommen die Schwächen des individuellen und allgemeinen „Menschenverstandes“ zum Vorschein.48

Dies ist ein Überrest einer Situation, die Psychopathologen gut kennen: Ein Mensch, der in seinen Kreisen Vertrauen und Respekt genoss, beginnt sich lächerlich arrogant zu verhalten und anderen Menschen zu schaden, vorgeblich im Namen seiner allseits bekannten, anständigen und akzeptierten Überzeugungen, die — zwischenzeitlich — aufgrund einiger psychologischer Prozesse an Wert verloren und primitiv, jedoch emotional dynamisch wurden. Seine alten Freunde jedoch — die ihn lange Zeit als den Menschen kannten, der er war — glauben den geschädigten Parteien nicht, die sich über sein neues, oder sogar verstecktes Verhalten beschweren, und sind geneigt, diese zu verunglimpfen und sie als Lügner hinzustellen. Dies fügt zu ihrem Schaden Beleidigungen hinzu und ermutigt den Menschen, dessen Persönlichkeit einem Verfall unterliegt, weitere schädliche Handlungen durchzuführen. Es ist die Norm, dass solche Situationen so lange andauern, bis der Wahnsinn der Person offensichtlich wird.

Primäre ponerogenische Vereinigungen beschäftigen hauptsächlich die Kriminologen. Unser Hauptinteresse betrifft jedoch Vereinigungen, die dem sekundären Prozess der ponerischen Bösartigkeit erliegen. Zuerst wollen wir jedoch ein paar Eigenschaften solcher Vereinigungen festhalten, die zu diesem Prozess bereits ihren Beitrag geleistet haben.

Innerhalb jeder ponerogenischen Vereinigung wird eine psychologische Struktur geschaffen, die als Gegenpart, oder Karikatur der normalen Struktur einer normalen gesellschaftlichen Organisation angesehen werden kann. In einer normalen gesellschaftlichen Organisation ergänzen Menschen mit verschiedenen psychologischen Stärken und Schwächen gegenseitig ihre Talente und Charakteristika. Diese Struktur wird einer diachronischen49 Modifikation hinsichtlich der Veränderungen des Charakters der Vereinigung als Ganzes unterworfen. Dasselbe gilt für eine ponerogenische Verbindung. Menschen mit verschiedenen psychologischen Abweichungen ergänzen gegenseitig ihre Talente und Charakteristika.

Die frühere Phase der Aktivitäten einer ponerogenischen Union wird normalerweise von charakteropathischen und insbesondere paranoiden Menschen dominiert, die häufig eine inspirierende oder faszinierende Funktion im Ponerisationsprozess übernehmen. Erinnern wir uns an dieser Stelle daran, dass die Macht von paranoiden und charakteropathischen Lügen in der Tatsache liegt, dass sie mit Leichtigkeit weniger kritische Geister versklaven können — d.h. Menschen mit anderen Formen psychologischer Defizite, Personen, die bereits Opfer von Menschen mit Charakterschwäche waren und ganz besonders einen großen Teil der Jugendlichen.

Zu diesem Zeitpunkt stellt die Vereinigung noch bestimmte romantische Eigenschaften dar und ist noch nicht durch übertrieben brutales Verhalten50 Bald darauf jedoch werden die normaleren Mitglieder in Randfunktionen gedrängt und von den Geheimnissen der Organisation ausgeschlossen. Manche von ihnen verlassen daraufhin solch eine Vereinigung.

In der Folge übernehmen schrittweise Menschen mit ererbten Abweichungen die inspirierenden und anführerischen Positionen. Die Funktion des essentiellen Psychopathen wird stufenweise stärker, obwohl sie es lieber haben, sich im Schatten (indem sie kleine Gruppen lenken) aufzuhalten und das Tempo als éminence grise51 zu bestimmen. In ponerogenischen Vereinigungen auf größter sozialer Basis wird die Rolle des Anführers generell von einem anderen Menschen übernommen, einer leichter „verdaubaren“ und repräsentativeren Person. Solche Menschen weisen beispielsweise frontale Charakteropathien oder so manche weniger auffällige Verhaltensstörung auf.

Zuerst übernimmt ein Redekünstler auch die Rolle des Anführers einer ponerogenischen Gruppe. Später erscheint eine andere Form von „Führungstalent“, eine vitalere Person, die oft erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Organisation eingetreten ist, als diese bereits der Ponerisation erlegen ist. Der Redekünstler, indem er dadurch schwächer wird, muss sich damit abfinden, zurückgedrängt zu werden und das „Genie“ des neuen Anführers anzuerkennen, oder er muss akzeptieren, völlig versagt zu haben. Die Rollen werden neu verteilt. Der Redekünstler braucht die Unterstützung des primitiven, jedoch bestimmenden Anführers, der im Gegenzug wiederum den Redekünstler benötigt, damit die Ideologie der Vereinigung hoch gehalten wird, was für die Aufrechterhaltung der richtigen Gesinnung bei jenen Mitgliedern an der Basis von entscheidender Bedeutung ist, die eine Tendenz zu Kritik und Zweifel an der moralischen Vorgehensweise erkennen lassen.

Dem Redekünstler fällt nun die Aufgabe zu, die Ideologie angemessen neu zu verpacken und die alten Überschriften neuen Inhalten überzustülpen, damit sie weiterhin ihre Propagandafunktion unter sich immer ändernden Umständen erfüllen können. Er muss auch den geheimnisvollen Nimbus des Anführers innerhalb und außerhalb der Vereinigung hochhalten. Zwischen diesen beiden Menschen kann niemals völliges Vertrauen herrschen, da der Anführer im Geheimen den Redekünstler und seine Ideologie verachtet und der Redekünstler den Anführer deswegen gering schätzt, weil dieser solch ein derber Mensch ist. Eine entscheidende Kraftprobe ist hier immer zu erwarten, wobei der Schwächere — welcher von beiden es auch sein mag — verliert.

Die Struktur einer solchen Vereinigung unterliegt weiteren Verschiebungen und Spezialisierungen. Zwischen den auf gewisse Weise normaleren Leuten und der eingeweihten Elite, die — als Gesetzmäßigkeit — pathologischere Züge aufweist, entsteht eine Kluft. Diese eingeweihte Elite wird noch stärker von den ererbten pathologischen Faktoren dominiert und die Normaleren in der Gruppe von den Nachwirkungen verschiedener Krankheiten, die das Gehirn beeinträchtigen, von weniger typisch psychopathischen Menschen und von Leuten, deren missgebildete Persönlichkeiten durch frühe Entbehrungen oder brutale Erziehungsmethoden durch pathologische Menschen entstanden sind. Es wird bald darauf klar, dass in der Gruppierung für normale Leute immer weniger Platz ist. Die Geheimnisse und Absichten der Anführer werden vor dem Proletariat der Gruppe geheim gehalten, für sie muss die Arbeit der Redekünstler ausreichen.

Ein Beobachter, der die Aktivitäten einer solchen Vereinigung von außen mit einer natürlichen psychologischen Weltsicht betrachtet, wird immer dazu neigen, die Rolle des Anführers und seiner vorgeblich selbstherrlichen Funktion zu überschätzen. Die Maschinerien des Redekünstlers und der Propaganda werden in Gang gesetzt, um diese irrige Annahme durch Außenstehende zu erhalten. Der Anführer jedoch ist von den Interessen der Vereinigung abhängig, insbesondere von jenen der eingeweihten Elite, und das in einem größeren Ausmaß als er selbst glaubt. Er beginnt einen permanenten Kampf um die Positionen. Er ist ein Schauspieler, der unter einem Regisseur arbeitet. In makrosozialen Vereinigungen wird diese Position im Allgemeinen von einem repräsentativeren Menschen bekleidet, der nicht bestimmter kritischer Eigenschaften beraubt ist. Ihn in alle Pläne und kriminelle Kalkulationen einzuweihen, wäre kontraproduktiv. Eine Gruppe von Psychopathen, die sich im Hintergrund aufhalten, lenkt gemeinsam mit einem Teil der eingeweihten Elite den Anführer, so wie Bormann und seine Leute Hitler lenkten. Wenn der Anführer nicht seine ihm zugedachte Rolle spielt, dann ist ihm üblicherweise klar, dass die elitäre Gruppierung der Vereinigung in einer Position ist, ihn töten oder austauschen zu können.

Wir haben nun die Eigenschaften von Vereinigungen umrissen, in welchen der ponerogenische Prozess ihre ursprünglichen, wohlmeinenden Inhalte ins pathologische Gegenteil transformiert und ihre Struktur und späteren Veränderungen auf eine Weise modifiziert hat, die weitreichend genug ist, um die größtmögliche Bandbreite solcher Phänomene zu umfassen — von der kleinsten bis zur größten sozialen Ausformung. Die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, die solche Phänomene beherrschen, scheinen — zumindest sinngemäß — unabhängig von ihrem quantitativen, sozialen und historischen Ausmaß abzulaufen.

Ideologien

In einer ponerogenischen Verbindung oder Gruppe ist es ein verbreitetes Phänomen, eine eigene Ideologie zu besitzen, die deren Aktivitäten in jedem Fall rechtfertigt und einen Grund für motivierende Propaganda darstellt. Sogar ein kleiner Haufen von Ganoven hat seine eigene melodramatische Ideologie und pathologische Romantik. Die menschliche Natur verlangt, dass abscheuliche Dinge mit einer überkompensierenden Mystik überstrahlt werden, damit das Gewissen beruhigt und das Bewusstsein und die kritischen Fähigkeiten getäuscht hintergangen werden, ob es nun einen selbst betrifft, oder andere Menschen.

Wenn man einer solchen ponerogenischen Vereinigung ihre Ideologie entziehen könnte, bliebe nichts zurück außer psychologische und moralische Pathologie, nackt und hässlich. Solch eine Entblößung würde sicherlich eine „moralische Empörung“ verursachen, nicht nur unter den Mitgliedern der Vereinigung. Fakt ist, dass sogar normale Leute, die diese Art von Union und ihre Ideologie missbilligen, sich eines entsprechenden Teils ihrer eigenen Romantik beraubt und verletzt fühlen, ihrer Art und Weise, die Realität wahrzunehmen, wenn eine auf breiter Basis idealisierte Gruppe als eine Bande von Verbrechern bloßgestellt wird. Vielleicht wird sich auch so mancher Leser dieses Buches an des Autors ungezwungener Demontage des Bösen von all ihren literarischen Motiven stoßen. Solch einen „Striptease“ zu bewirken kann deshalb weit schwieriger und gefährlicher sein als angenommen.

Eine primäre ponerogenische Vereinigung entsteht gleichzeitig mit ihrer Ideologie, vielleicht sogar etwas früher. Ein normaler Mensch nimmt eine solche Ideologie als von der Welt der menschlichen Konzepte unterschiedlich wahr, als offensichtlich suggestiv und auch bis zu einem gewissen Maß als komisch primitiv.

Die Ideologie einer sekundären ponerogenischen Verbindung wird durch eine schrittweise Anpassung der Ur-Ideologie gebildet, hin zu Funktionen und Zielen, die sich von den Gründungsgedanken unterscheiden. Während des Prozesses der Ponerisation geschieht eine Art von Schichtung oder Schizophrenie der Ideologie. Die äußerste Schicht, die dem ursprünglichen Inhalt am nächsten ist, wird zum Zweck der Propaganda verwendet, besonders in der äußeren Welt, obgleich sie zum Teil auch nach innen gerichtet benutzt werden kann, wenn Mitglieder niedrigeren Rangs zu zweifeln beginnen. Die zweite Schicht wird von der Elite gebildet, die kein Problem mit dem veränderten Verständnis hat. Sie ist hermetischer und im Allgemeinen durch ein Unterschieben von anderen Bedeutungen für dieselben Bezeichnungen zusammengesetzt. Da identische Bezeichnungen unterschiedliche Inhalte bedeuten, abhängig von der jeweiligen Schicht, verlangt ein Verständnis dieser „doppelten Sprache“ ein fließendes Sprechen beider Sprachen.

Durchschnittliche Menschen erliegen den suggestiven versteckten Andeutungen der ersten Schicht lange bevor sie die zweite Schicht zu verstehen lernen. Jeder Mensch mit bestimmten psychologischen Abweichungen, besonders wenn er die Maske der Normalität trägt, die uns bereits bekannt ist, erkennt sofort die zweite Schicht als attraktiv und bedeutend. Sie wurde schließlich auch von Leuten, die wie er selbst sind, geschaffen. Das Verstehen dieser doppelten Sprache ist deshalb eine verdrießliche Aufgabe und erweckt einen verständlichen psychologischen Widerstand. Genau diese Dualität der Sprache ist jedoch ein pathognomonisches52 Symptom das anzeigt, dass die betreffende menschliche Vereinigung von ponerogenischen Prozess bereits beträchtlich betroffen ist.

Die Ideologie von Vereinigungen, die von solch einem Verfall betroffen sind, hat bestimmte konstante Faktoren, unabhängig ihrer Qualität, Quantität oder ihres Handlungsspielraums: Die Motivationen einer irregeleiteten Gruppe, das radikale Rechtfertigen des Falschen und die höheren Werte der Menschen, die der Organisation beigetreten sind. Diese Motivationen erleichtern die Vergeistigung des Gefühls ungerechter Behandlung und der Empfindung anders zu sein, was durch die eigenen psychologischen Schwächen verursacht wird und den Menschen von der Notwendigkeit zu befreien scheint, unbequeme moralische Prinzipien erdulden zu müssen.

Unsere Welt, die voll von realer Ungerechtigkeit und menschlicher Erniedrigung ist, ist für die Bildung einer Ideologie förderlich, die diese erwähnten Elemente enthält. Eine Vereinigung aus Konvertiten dieses Gedankens kann leicht der Degradation unterliegen. Wenn dies geschieht, werden jene Menschen mit der Tendenz, die bessere Version der Ideologie zu akzeptieren, dazu neigen, die Dualität solch einer Ideologie zu rechtfertigen.

Die Ideologie des Proletariats53, die eine revolutionäre Neuordnung der Welt zum Ziel hatte, war bereits von einem schizoiden Mangel im Verständnis der menschlichen Natur und im Vertrauen auf sie kontaminiert. Es wundert daher kaum, dass sie ohne Probleme einem Prozess der typischen Degeneration erlegen ist, um sich zu erhalten und um ein makrosoziales Phänomen zu verdecken, dessen Grundessenz völlig unterschiedlich ist.54

Für zukünftige Verweise wollen wir uns merken: Ideologien brauchen keine Redekünstler. Redekünstler benötigen Ideologien, um sie für ihre eigenen, abweichenden Ziele zu benutzen.

Andererseits — die Tatsache, dass so manche Ideologie, die gemeinsam mit der sozialen Bewegung, die als ihre logische Folge auftrat, verfallen und später schizophrenen und eigennützigen Zielen erlegen ist, die von den Gründern der Ideologie verabscheut worden wären, beweist nicht, dass die Ideologie von Anfang an wertlos, falsch und abwegig war. Das Gegenteil ist der Fall: es scheint eher so zu sein, dass die Ideologie einer jeglichen sozialen Bewegung nur unter bestimmten historischen Umständen, auch wenn sie eine geheiligte Wahrheit darstellt, zum Prozess der Ponerisation beiträgt.

Jede beliebige Ideologie kann ihre schwachen Punkte haben, die durch die Irrtümer menschlicher Gedanken und Emotionen entstanden sind. Sie könnte auch im Verlauf ihrer Geschichte von fremdem, primitiverem Gedankengut infiltriert worden sein, das ponerogenische Faktoren enthalten haben mag. Solche Inhalte zerstören die innere Homogenität einer Ideologie. Der Ursprung solch einer Infektion durch fremdes ideologisches Material kann im regierenden sozialen System und seinen Gesetzen und Angewohnheiten liegen, die auf einer primitiveren Tradition beruhen, oder in einem imperialistischen Herrschaftssystem. Es kann natürlich auch sein, dass der Grund einfach eine andere philosophische Bewegung ist, die häufig durch die Exzentrizität ihres Gründers kontaminiert ist, der Fakten dazu verwendet, jene als schuldig anzusehen, die nicht mit seinem dialektischen Konstrukt übereinstimmen.

Das römische Reich vergiftete auf ähnliche Weise, einschließlich ihrer Gesetzgebung und dem Mangel in ihren psychologischen Konzepten, den ursprünglich homogenen Gedanken des Christentums. Das Christentum musste akzeptieren, mit einem sozialen System zu koexistieren, in dem “dura lex sed lex55 das Schicksal eines normalen Menschen bestimmte, und nicht ein Verständnis des menschlichen Wesens. Dies führte daraufhin zu falschen Versuchen, das „Königreich Gottes“ mit römisch-imperialistischen Methoden erreichen zu wollen.

Je größer und je wahrer die ursprüngliche Ideologie ist, desto länger kann sie jenes Phänomen vor der öffentlichen Kritik verbergen und nähren, das ein Produkt bestimmter degenerativer Prozesse ist. Die Gefahr für Kleingeister liegt in einer großen und wertvollen Ideologie verborgen, denn diese können zu Faktoren einer solchen einleitenden Degeneration werden, die dann das Tor für eine Invasion durch pathologische Faktoren öffnen.

Wenn wir deshalb versuchen, den Prozess der sekundären Ponerisation zu verstehen und die Art und Weisen menschlicher Verbindungen, die ihm unterliegen, dann müssen wir größte Sorgfalt anwenden, um die ursprüngliche Ideologie von ihrem Gegenstück, oder besser, von ihrer Karikatur zu trennen, die durch den ponerogenischen Prozess entstanden ist. Jede Ideologie abstrahierend müssen wir mittels Analogien die Essenz des Prozesses selbst verstehen, die ihre eigenen ursächlichen Gründe hat, die in jeder Gesellschaft potentiell vorhanden sind, und auch die charakteristischen, sich entwickelnden Patho-Dynamiken.

Der Prozess der Ponerisation

Die Beobachtung des Prozesses der Ponerisation verschiedener menschlicher Vereinigungen während der gesamten Geschichte führt unweigerlich zum Schluss, dass der erste Schritt eine moralische Verdrehung der ideellen Inhalte einer Gruppierung ist. Bei der Analyse der Kontamination der Ideologie einer Gruppierung bemerken wir zunächst eine Infiltration durch fremde, vereinfachende und doktrinäre Konzepte, wodurch die Vereinigung jeglicher gesunden Unterstützung für das Verständnis der menschlichen Natur beraubt wird, und auch des Vertrauens in sie. Dies ebnet den Weg für die Invasion durch pathologische Faktoren und die ponerogenischen Funktionen ihrer Träger.

Das Beispiel der römischen Gesetzgebung im Gegensatz zum frühen Christentum, wie oben erwähnt, ist so ein typischer Fall. Die imperiale und gesetzgebende römische Zivilisation war übermäßig an Materie und Gesetz ausgerichtet und schuf so ein Rechtssystem, das zu unbeweglich war, um irgendwelche realen Aspekte des psychologischen und spirituellen Lebens aufnehmen zu können. Dieses fremde „irdische“ Element infiltrierte das Christentum, was zur Bildung der katholischen Kirche führte, die sich imperiale Strategien zu Eigen machte, um ihr System mit Gewalt anderen Menschen aufzudrängen.

Diese Tatsache könnte die Überzeugung der Moralisten rechtfertigen, dass die Erhaltung der ethischen Disziplin und ideellen Reinheit einer Vereinigung ausreichenden Schutz gegenüber einer Entgleisung oder eines Schlitterns in eine unzureichend verstandene Welt des Irrtums bietet. Solch eine Überzeugung trifft den Ponerologen als einseitige Übervereinfachung einer ewigen Realität, die weit komplexer ist. Schlussendlich ist das Lockern der ethnischen und intellektuellen Kontrollen zeitweilig eine Konsequenz der direkten oder indirekten allgegenwärtigen Faktoren der Existenz von abweichenden Menschen in jeder sozialen Gruppierung und einiger anderer nicht-pathologischer Schwächen.

Jeder menschliche Organismus durchläuft dann und wann in seinem Leben Phasen, in denen der physiologische und psychologische Widerstand abnimmt und dadurch eine Infektion durch Bakterien erleichtert wird. Auf ähnliche Weise durchlaufen menschliche Verbindungen oder soziale Bewegungen Krisen, in denen ihr ideeller und moralischer Zusammenhalt geschwächt wird. Dies kann durch Druck von anderen Gruppen geschehen, durch eine allgemeine spirituelle Krise im Umfeld oder durch eine Intensivierung des hysterischen Zustandes der Umgebung. So wie ein stärkeres Augenmerk auf die Gesundheit eine naheliegende medizinische Indikation bei einem geschwächten Organismus ist, so ist die Entwicklung einer bewussten Kontrolle über die Aktivitäten pathologischer Faktoren eine ponerologische Indikation. Dies ist in gesellschaftlichen Perioden moralischer Krisen ein ausschlaggebender Faktor für die Vermeidung von Tragödien.

Menschen mit verschiedenen psychologischen Anomalien haben seit Jahrhunderten die Tendenz, an den Aktivitäten menschlicher Vereinigungen teilzunehmen. Dies ist einerseits durch die Schwächen solcher Gruppierungen möglich. Andererseits vertieft es die moralischen Mängel und erstickt die Anwendung des gesunden Menschenverstandes, wie auch ein objektives Verständnis der Angelegenheiten. Trotz des daraus resultierenden Unglücks und der entstandenen Tragödien zeigte die Menschheit einen gewissen Fortschritt, besonders in der Wahrnehmung. Ein Ponerologe kann deshalb vorsichtig optimistisch sein. Letztendlich sollten wir in die Lage kommen, solchen Vorgängen früher und effektiver entgegenzuwirken, indem wir diese Aspekte des Ponerisationsprozesses, der bislang nicht verstanden wurde, in menschlichen Gruppierungen erkannt und beschrieben haben. Wiederum ist hier ein tiefes und breites Wissen über die Verschiedenheiten der menschlichen Psychologie von ausschlaggebender Bedeutung.

Jede menschliche Gruppe, die von dem hier beschriebenen Prozess betroffen ist, ist durch ihre ansteigende Rückentwicklung vom gesunden Menschenverstand und der Fähigkeit, die psychologische Realität wahrzunehmen, charakterisiert. Wenn jemand dies im Rahmen traditioneller Kategorien betrachtet, könnte er es als Beispiel für „zu Schwachköpfen werden“ ansehen, oder als eine Entwicklung von intellektuellen Mängeln und moralischen Schwächen. Eine ponerologische Analyse dieses Prozesses indiziert jedoch, dass der Druck von den in bestimmten Menschen vorhandenen pathologischen Faktoren eher auf den normalen Teil der Verbindung ausgeübt wird. Diesen Menschen wurde aufgrund des Fehlens eines ausreichenden psychologischen Wissens gestattet, an der Gruppierung teilzunehmen, anstatt sie davon auszuschließen.

Wir müssen deshalb den Schluss ziehen, dass eine solche menschliche Gruppe von einem ponerogenische Prozess befallen ist, wann immer wir beobachten, dass einigen Gruppenmitgliedern ohne kritische Distanz begegnet wird, obwohl sie zumindest eine der psychologischen Anomalien, die uns bereits bekannt sind, aufweisen, und ihre Meinungen mit den Ansichten normaler Menschen zumindest gleichgestellt werden, obwohl sie auf einer charakteristisch anderen Sichtweise der menschlichen Angelegenheiten beruhen. Weiters gelangen wir zum Ergebnis, dass wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, dieser Prozess bis zu seinem logischen Ende weitergeführt wird. Wir sollten dies in Zusammenhang mit dem oben beschriebenen ersten Kriterium der Ponerologie behandeln, das seine Gültigkeit unabhängig der qualitativen und quantitativen Eigenschaften solch einer Vereinigung behält: Die Verkümmerung der natürlichen kritischen Fähigkeiten in Bezug auf pathologische Menschen wird zu einer Öffnung für die Aktivitäten solcher Menschen und gleichzeitig zu einem Kriterium für das Erkennen der betreffenden Verbindung als ponerogenisch.

Solch ein Zustand existiert zur selben Zeit als grenzwertige (Wendepunkt) Situation, in der es immer leichter wird, dem gesunden Menschenverstand und den kritischen Fähigkeiten der Leute Schaden zuzufügen. Wenn eine Gruppe einmal eine ausreichende Dosis von pathologischen Inhalten inhaliert hat, um zur Überzeugung zu gelangen, dass diese nicht-ganz-normalen Menschen einzigartige Genies sind, dann beginnt sie auf ihre normaleren Mitglieder Druck auszuüben, der durch paralogische und paramoralische Elemente gekennzeichnet ist.

Für viele Leute nimmt dieser kollektive Meinungsdruck Formen von moralischen Kriterien an. Für andere wiederum stellt er eine Art psychologischen Terrors dar, der immer schwieriger auszuhalten ist. Das Phänomen der Gegenauswahl tritt deshalb in dieser Phase der Ponerisation auf: Menschen mit einem eher normalen Sinn für die psychologische Realität verlassen die modifizierte Gruppe, nachdem sie mit ihr in Konflikt geraten sind. Gleichzeitig treten Menschen mit verschiedenen psychologischen Anomalien der Gruppe bei und richten sich mit Leichtigkeit ihr Leben dort ein. Die Ersteren fühlen sich „in konterrevolutionäre Positionen gedrängt“ und die Zweiteren können es sich immer öfter leisten, ihre Masken der Vernunft abzulegen.

Menschen, die solcherart aus einer ponerogenischen Verbindung herausgeworfen werden, weil sie zu normal waren, leiden immens. Sie sind nicht in der Lage ihren besonderen Zustand zu verstehen. Ihr Ideal, der Grund warum sie der Gruppe beigetreten sind, das einen guten Teil ihres Lebensinhaltes ausmachte, ist zerfallen, und sie können für diesen Umstand keine rationale Basis erkennen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Sie „kämpfen gegen Dämonen“, die sie nicht identifizieren können. Tatsächlich wurden ihre Persönlichkeiten bereits in gewissem Ausmaß modifiziert, aufgrund ihrer Durchdringung mit abnormen psychologischen und ganz besonders psychopathischen Materialien. In diesen Fällen fallen die Menschen leicht ins andere Extrem, da ihre Entscheidungen durch ungesunde Emotionen beherrscht sind. Sie bräuchten reelle psychologische Informationen, um ihr Maß und ihre Vernunft wiederzufinden. Basierend auf einem ponerologischen Verständnis ihres Zustandes, könnte hier die Psychotherapie rasch positive Ergebnisse hervorbringen. Wenn jedoch die Vereinigung, die sie verlassen haben, sehr stark ponerisiert ist, dann hängt eine Bedrohung über ihren Köpfen. Sie könnten zum Ziel von Racheaktionen werden, da sie eine großartige Ideologie „verraten“ haben.56

So verläuft die stürmische Phase bei der Ponerisation einer Gruppe, der eine gewisse Stabilisierung in Bezug auf Inhalte, Struktur und Gewohnheiten folgt. Neue Mitglieder werden einer rigorosen Auswahl unterzogen, die eindeutig psychologischer Natur ist. Damit die Möglichkeit von Ablenkungen durch Abtrünnige ausgeschlossen werden kann, werden die Aspiranten beobachtet und getestet, um Menschen mit starker mentaler Unabhängigkeit oder psychologischer Normalität abzulehnen. Die neu geschaffene interne Funktion agiert wie ein „Psychologe“ und zieht aus dem oben beschriebenen psychologischen Wissen, das von Psychopathen zusammengetragen wurde, unzweifelhaft ihre Vorteile.

Es sollte bemerkt werden, dass einige dieser ausschließenden Maßnahmen, die von einer Gruppe im Prozess der Ponerisation getätigt werden, schon von Beginn an von der ideologischen Gruppe gegenüber abweichenden Menschen getätigt hätten werden sollen. Solche rigorosen selektiven Maßnahmen psychologischer Art, die von einer Gruppe durchgeführt werden, sind nicht notwendigerweise ein Anzeichen dafür, das die Gruppe ponerogenisch ist. Man sollte eher sorgfältig untersuchen, worauf die psychologische Auswahl beruht. Wenn irgendeine Gruppe versucht Ponerisation zu vermeiden, dann wird sie Menschen ausschließen wollen, die irgendwelche psychologischen Abhängigkeiten von subjektiven Glaubenssätzen, Riten, Ritualen oder Drogen aufweisen und mit Sicherheit jene Menschen, die unfähig sind, eine objektive Analyse ihrer eigenen, inneren psychologischen Inhalte treffen zu können oder die dem Prozess einer positiv verstehbaren Krise nichts abgewinnen können.

In einer im Prozess der Ponerisation befindlichen Gruppe nehmen sich die Redekünstler der „ideologischen Reinheit“ an. Die Position des Anführers ist relativ sicher. Mitglieder, die Zweifel oder Kritik anbringen, werden einer paramoralischen Verurteilung ausgesetzt. Indem sie äußerste Würde und Stil an den Tag legt, diskutiert die Führung psychologisch und moralisch pathologische Meinungen und Intentionen. Jegliche intellektuelle Verbindungen, die diese als pathologische Meinungen und Absichten bloßstellen würden, werden Dank des Ersatzes der Prämissen eliminiert, der auf Basis von zuvor konditionierten Reflexen in einem unterbewusst korrekten Prozess am Werk ist. Ein objektiver Beobachter könnte diesen Zustand mit der Übernahme einer Irrenanstalt durch ihre Insassen vergleichen. Die Verbindung gelang schließlich in einen Zustand, in dem sie sich als Ganzes die Maske vordergründiger Normalität übergezogen hat. Im nächsten Abschnitt werden wir solch einen Zustand als „dissimulative Phase“ bezeichnen, im Hinblick auf makrosoziale ponerogenische Phänomene.

Die Beobachtung des entsprechenden Zustandes, der dem ersten ponerologischen Kriterium entspricht - die Verkümmerung der natürlichen kritischen Fähigkeiten in Bezug auf pathologische Menschen — verlangt nach fachkundiger Psychologie und besonderem faktischen Wissen. Die zweite, stabilere Phase kann sowohl von einer Person mit durchschnittlichem Verstand, als auch in den meisten Gesellschaften von der öffentlichen Meinung wahrgenommen werden. Die darauf beruhende Interpretation ist jedoch einseitig moralistisch oder soziologisch und durchlebt gleichzeitig das charakteristische Gefühl der Unzulänglichkeit in Bezug auf sowohl das Verständnis des Phänomens als auch auf die Verbreitung des besagten Bösen.

In dieser Phase neigt jedoch eine Minderheit von sozialen Gruppierungen dazu, solch einen ponerogenischen Prozess innerhalb der Kategorien ihrer eigenen Weltsicht als nachvollziehbar und den äußeren Rahmen der diffusen Ideologie als akzeptable Doktrin zu betrachten. Je primitiver die betreffende Gesellschaft ist und je weiter sie von direktem Kontakt zu der Vereinigung entfernt ist, die von diesem pathologischen Zustand befallen ist, desto zahlreicher werden solche Minderheiten. Genau in diesem Zeitabschnitt, während dessen die Aktivitäten der Vereinigung etwas milder werden, geschieht gleichzeitig oft eine intensive Expansion.

Diese Periode kann lange andauern, doch nicht für immer. Intern wird die Gruppierung schrittweise immer pathologischer und zeigt schließlich ihr wahres qualitatives Gesicht, wiederum dann, wenn ihre Aktivitäten noch unbeholfener werden. An diesem Punkt kann eine Gesellschaft normaler Menschen leicht eine ponerogenische Verbindung bedrohen, sogar auf makrosozialer Ebene.

Makrosoziale Phänomene

Wenn ein ponerogenischer Prozess die gesamte herrschende Klasse einer Gesellschaft oder einer Nation umfasst, oder wenn die Opposition der normalen Menschen unterdrückt wird — als Resultat des Massencharakters des Phänomens, oder indem Sprache oder körperlicher Zwang benutzt wird, Zensur miteingeschlossen — haben wir es mit einem makrosozialem Phänomen zu tun. In solch einem Fall öffnet die Tragödie einer Gesellschaft, oft mit dem eigenen Leid des Forschers gekoppelt, ein ganzes Buch voll von ponerologischem Wissen, indem er all die Gesetze lesen kann, die solch einen Prozess beherrschen, wenn er sich nur rechtzeitig mit der naturalistischen Sprache und ihrer unterschiedlichen Grammatik vertraut machen kann.

Studien über die Entstehung des Bösen, die auf der Beobachtung kleiner Gruppen beruhen, können uns die Details dieser Gesetze mitteilen. Man könnte jedoch auch der Ansicht sein, dass solche Untersuchungen ein verzerrtes Bild darstellen, das von verschiedensten umgebungsbedingten Umständen abhängt, die wiederum von der jeweiligen historischen Zeitqualität abhängen, dem Hintergrund der beobachteten Phänomene. Trotzdem können uns solche Beobachtungen ermöglichen, eine Hypothese zu wagen, die besagt, dass die allgemeinen Gesetze der Ponerogenese zumindest ähnlich verlaufen, unabhängig der Quantität der Bandbreite des Phänomens in Raum und Zeit. Sie erlauben uns jedoch keine Verifizierung einer solchen Hypothese.

Bei der Untersuchung eines makrosozialen Phänomens können wir sowohl quantitative als auch qualitative Daten erlangen, statistische Korrelationsindizes und andere Beobachtungen, die so akkurat wie nur möglich nach dem Zustand der Kunst, der Wissenschaft, der Forschungsmethoden und der offenkundig sehr schwierigen Situation des Beobachters selbst gemacht werden können.57 Daraufhin können wir in Anwendung der klassischen Methode eine Hypothese aufstellen und danach aktiv nach Fakten suchen, die diese Hypothese falsifizieren könnten. Die weit verbreitete ursächliche Regelmäßigkeit ponerogenischer Phänomene würde dann innerhalb der Grenzen der erwähnten Möglichkeiten bestätigt werden können. Dies ist genau das, was der Autor und seine Kollegen sich vorgenommen haben. Es ist erstaunlich, wie sauber die kausative Regelmäßigkeit ponerogenischer Prozesse, die in kleinen Gruppen beobachtet werden konnte, dieses makrosoziale Phänomen beherrscht. Das auf diese Weise erreichte Verständnis dieses Phänomens kann als Basis hergenommen werden, die zukünftige Entwicklung vorherzusehen. Es wird sich somit in der Zeit verifizieren. Mittels genauer und sorgfältiger Beobachtung, und nur mit der Zeit, werden wir uns bewusst, dass der Koloss doch eine Achillesferse besitzt.

Das Studium von makrosozialen ponerogenischen Phänomenen stellt sich auch vor einleuchtende Probleme: der Zeitraum ihrer Entstehung, ihrer Dauer und ihres Zerfalls ist um einiges länger, als die Zeitspanne der wissenschaftlichen Arbeit des Forschers. Gleichzeitig verändern sich parallel dazu Geschichte, Gebräuche, Wirtschaft und Technologie. Die Schwierigkeiten, denen man bei der Abstraktion der entsprechenden Symptome begegnet, sind jedoch nicht unüberwindbar, da unsere Kriterien auf ewigen Phänomenen beruhen, die sich in der Zeit nur relativ wenig verändern.

Die traditionelle Interpretation dieser großen historischen Krankheiten lehrte die Historiker bereits, zwei Phasen zu unterscheiden. Die erste Phase wird durch eine Periode spiritueller Krisen in einer Gesellschaft58 gekennzeichnet, die die Geschichtsschreibung mit einem Verfall an ideellen, moralischen und religiösen Werten assoziiert, die bislang die betreffende Gesellschaft am Leben hielten. Der Egoismus bei einzelnen Menschen wie auch bei sozialen Gruppierungen wächst, moralische Pflichten und soziale Netzwerke lockern sich. Daraufhin dominieren unwichtige Dinge den menschlichen Geist bis zu dem Ausmaß, dass kein Platz mehr für Gedanken über öffentliche Angelegenheiten oder ein Gefühl für ein Engagement um die Zukunft vorhanden ist. Eine Folge davon ist die Atrophie der Wertehierarchie im Denken der Menschen und Gesellschaften. Dies wurde bereits in Einzelanalysen der Geschichtsschreibung wie auch in psychiatrischen Schriften beschrieben. Die Regierung eines Landes ist schließlich angesichts der Probleme, die unter anderen Umständen ohne große Schwierigkeiten gelöst werden könnten, paralysiert und hilflos. Wir wollen solche Krisenzeiten der bereits vertrauten Phase der sozialen Hysterisation zuordnen.

Die nächste Phase ist durch blutige Tragödien, Revolutionen, Kriege und dem Zerfall von Reichen gekennzeichnet. Die Überlegungen von Historikern oder Moralisten zu solchen Erscheinungen hinterlassen immer ein gewisses Gefühl von Unzulänglichkeit in Bezug auf die Möglichkeit der Wahrnehmung bestimmter psychologischer Faktoren, die sich innerhalb der Natur der Phänomene unterscheiden. Die Essenz dieser Faktoren verbleibt außerhalb der Bandbreite ihrer wissenschaftlichen Erfahrungen.

Ein Historiker, der diese großen historischen Krankheiten beobachtet, ist zuerst von ihren Ähnlichkeiten betroffen, während er leicht vergisst, dass alle Krankheiten viele Symptome gemein haben, da sie Zustände von abwesender Gesundheit sind. Ein Ponerologe, der in naturalistischen Begriffen denkt, tendiert daran zu zweifeln, dass wir es mit nur einer Art von gesellschaftlicher Krankheit zu tun haben, was zu einer gewissen Unterscheidung der Formen führt, im Kontext mit ethnologischen und historischen Umständen. Die Essenz solcher Zustände zu unterscheiden ist für unsere Denkmuster geeigneter, mit denen wir aus den Naturwissenschaften vertraut sind. Die komplexen Umstände des sozialen Lebens jedoch schließen die Anwendung der Unterscheidung aus, was der Ätiologie in der Medizin gleichkommt. Qualitativ ausgedrückt wird das Phänomen zeitlich überlagert, konditioniert sich gegenseitig und verändert sich konstant. Wir sollten deshalb eher bestimmte abstrakte Muster verwenden, ähnlich jenen, wie sie bei der Analyse von neurotischen Zuständen im Menschen angewandt werden.

Geleitet von dieser Denkweise wollen wir hier versuchen, zwei pathologische Gesellschaftszustände zu unterscheiden. Ihre Essenzen und Inhalte scheinen unterschiedlich genug zu sein, doch sie können sequenziell so agieren, dass der eine dem anderen die Tür öffnet. Der erste dieser Zustände wurde bereits im Kapitel über den hysteroiden Kreislauf umrissen; wir werden nachstehend einige weitere psychologische Details anführen. Im nächsten Kapitel werden wir uns dem zweiten pathologischen Zustand zuwenden, den ich als „Pathokratie“ bezeichnet habe.

Zustände gesellschaftlicher Hysterisation

Wenn ein Laie wissenschaftliche oder literarische Beschreibungen von hysterischen Phänomenen durchsieht, wie jenes vom letzten großen Anstieg der Hysterie in Europa, ein Viertel Jahrhundert vor dem ersten Weltkrieg, so kann er den Eindruck bekommen, dass dies in individuellen Fällen endemisch war, besonders bei Frauen. Die ansteckende Natur von hysterischen Zuständen wurde jedoch bereits von Jean-Martin59 entdeckt und beschrieben.

Es ist praktisch unmöglich, dass sich Hysterie als rein individuelles Phänomen manifestiert, da sie über psychologische Resonanz, Identifikation und Imitation ansteckend ist. Jedes menschliche Wesen ist für diese Fehlfunktion der Persönlichkeit prädisponiert, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und obwohl sie normalerweise durch Erziehung und Selbstbetrachtung zu überwinden ist, was die Zugänglichkeit zu korrektem Denken und emotionaler Selbstdisziplin fördert.

In „glücklichen Zeiten“ des Friedens lernen die Kinder der privilegierten Schichten, abhängig von der jeweiligen sozialen Ungerechtigkeit, jene unangenehmen Vorstellungen aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen, die suggerieren, dass sie und ihre Eltern von den Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Menschen profitieren. Diese jungen Menschen lernen die moralischen und mentalen Werte jedes Menschen zu disqualifizieren und herabzusetzen, dessen Arbeit sie zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Junge Gemüter nehmen auf diese Weise Gewohnheiten an, die ein unterbewusstes Auswählen und Ersetzen von Informationen zulassen, was zu einer hysterisch konversiven Ökonomie des Denkens führt. Sie wachsen auf, um auf eine Weise zu hysterischen Erwachsenen zu werden, die — mittels der oben erwähnten Wege — solche Charakteristika noch weiter und stärker entwickeln. Das hysterische Muster bei Erfahrungen und im Verhalten steigt an und verbreitet sich von den privilegierten Schichten nach unten, bis es die Grenzen des ersten Kriteriums der Ponerologie erreicht: Die Verkümmerung der natürlichen kritischen Fähigkeiten in Bezug auf pathologische Menschen.

Wenn die Angewohnheiten von unterbewusster Auswahl und Ersatz von Gedankeninformationen sich auf makrosoziale Ebene ausbreiten, tendiert eine Gesellschaft dazu, gegenüber sachlicher Kritik Verachtung zu entwickeln und jeden Menschen zu beschämen, der vor Gefahren warnt. Auch anderen Ländern wird Verachtung entgegengebracht, die für ihre Ansichten normale Gedankenmuster erhalten konnten. Diese egotistische Gedankenterrorisierung wird durch die Gesellschaft selbst erreicht, und durch ihre Prozesse des konversiven Denkens. Dies verhindert die Notwendigkeit der Zensur von Presse, Theater oder von Nachrichten, da ein pathologisch hypersensitiver Zensor in den Bürgern des Landes selbst lebt.

Wenn drei „Egos“ regieren — Egoismus60, Egotismus61, und Egozentrik62, dann verschwindet das Gefühl von sozialen Verbindungen und der Verantwortlichkeit gegenüber anderen Menschen und die betreffende Gesellschaft spaltet sich in Gruppierungen, die zueinander immer feindlicher werden. Wenn eine hysterische Umgebung aufhört, die Meinungen eingeschränkter, nicht-wirklich-normaler Menschen von den Ansichten normaler, vernünftiger Personen zu unterscheiden, ist der Aktivierung pathologischer Faktoren verschiedenster Art Tür und Tor geöffnet.

Menschen, die — wie bereits beschrieben — von einer pathologischen Sichtweise der Realität und abnormen Zielen, die durch ihre unterschiedliche Natur verursacht wurde, beherrscht werden, können unter diesen Umständen ihre Aktivitäten ausleben. Wenn eine beliebige Gesellschaft es nicht schafft, unter ihren ethnologischen und politischen Umständen den Zustand der Hysterisation zu überwinden, kann eine gewaltige, blutige Tragödie die Folge sein.

Eine Variation solch einer Tragödie kann die Pathokratie sein. Aus diesem Grund können kleinere Rückschläge politischen Versagens oder militärischer Niederlage in solch einer Situation eine Warnung bedeuten und sich als versteckter Segen herausstellen, wenn sie richtig verstanden und zu einem Faktor in der Regeneration der normalen Denkmuster und Gewohnheiten einer Gesellschaft gemacht werden können. Der wertvollste Rat, den ein Ponerologe einer Gesellschaft unter solchen Umständen erteilen kann, ist sich der Hilfe der modernen Wissenschaften zu versichern und besonders aus den vorhandenen Informationen über die letzte große Hysterie in Europa ihre Schlüsse zu ziehen.

Jene sozialen Gruppierungen, die ihr tägliches Brot durch tägliche Arbeit verdienen, wobei die praktischen Dinge des Alltags den Geist dazu drängen, nüchtern zu denken und allgemein gültige Regeln zu reflektieren, sind durch eine größere Widerstandskraft gegenüber der Hysterisation charakterisiert. Ein Beispiel: Bauern betrachten die hysterischen Angewohnheiten der gehobenen Schichten durch ihre eigene, erdgebundene Wahrnehmung der psychologischen Realität und mit ihrem Sinn für Humor. Ähnliche Gebräuche der Bourgeoisie lassen Arbeiter zu bitterer Kritik und revolutionärem Zorn hinreißen. Ob dies nun in wirtschaftlichen, ideologischen oder politischen Begriffen abgefasst ist — die Kritik und die Ansprüche dieser sozialen Gruppierungen enthalten immer eine Komponente von psychologischer, moralischer und anti-hysterischer Motivation. Aus diesem Grund ist es höchst angebracht, diese Ansprüche und die Gefühle dieser Schichten in die Überlegungen mit einzubeziehen. Andererseits können aus gedankenlosen Handlungen tragische Folgen entstehen, die den Weg für Redekünstler ebnen, gehört zu werden.

Ponerologie

Die Ponerologie benutzt den wissenschaftlichen Fortschritt der letzten Dekaden und der letzten Jahre, besonders in den Bereichen der Biologie, Psychopathologie und der klinischen Psychologie. Sie klärt unbekannte ursächliche Verbindungen und analysiert die Prozesse der Entstehung des Bösen, ohne dabei Vorgänge zu unterschätzen, die bislang unterbewertet wurden. Der Autor regt diese neue Disziplin an, da seine eigene professionelle Erfahrung in diesem Bereich und auch die Ergebnisse seiner jüngsten Untersuchungen zu diesem Schluss führen.

Ein ponerologischer Ansatz erleichtert das Verständnis einiger recht dramatischer Schwierigkeiten der Menschheit auf beiden Seiten, auf sowohl der makrosozialen als auch auf der individuellen menschlichen Bandbreite. Diese neue Disziplin wird es ermöglichen, zuerst theoretische und dann praktische Lösungen für Probleme bereitzustellen, die wir bislang nur mittels unzureichender traditioneller Ansätze zu lösen versuchten, was in einem Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber dem Wandel der Geschichte resultierte. Solch traditionelle Ansätze beruhen auf historiographischen Konzepten und übertrieben moralisierenden Gesinnungen, weshalb sie als Gegenmittel gegen das Böse überbewertet werden. Die Ponerologie kann dazu beitragen, solche Einseitigkeiten mittels einer modernen, naturalistischen Denkweise auszugleichen und unser Verständnis der Ursachen und der Entstehung des Bösen mit den notwendigen Fakten ausstatten, um eine stabilere Grundlage für die praktische Eindämmung der Prozesse der Ponerogenese zu schaffen, wie auch Maßnahmen gegen ihre Resultate zu treffen.

Eine Synergie verschiedener Maßnahmen, die auf dasselbe wertvolle Ziel ausgerichtet sind — wie beispielsweise bei der Behandlung eines kranken Menschen — erzeugt gewöhnlich eine bessere Wirkung als rein die Summe der daran beteiligten Faktoren. Gleichermaßen wird es die Ponerologie als zweites Standbein der heutigen moralischen Bemühungen ermöglichen, Resultate zu erzielen, die ebenfalls besser als die Summe ihrer nützlichen Teile sind. Indem die vertrauten moralischen Werte gestärkt werden wird es möglich, viele bislang unbeantwortbare Fragen zu beantworten und Wege zu beschreiten, die bis dato nicht gegangen wurden, vor allem auf einer größeren sozialen Ebene.

Gesellschaften haben ein Recht darauf, sich gegen jegliche böse Belästigung und Bedrohung zu verteidigen. Die Regierungen der Nationen sind verpflichtet, zu diesem Zweck effektive Mittel einzusetzen, und diese so klug wie möglich zu nutzen.63 Um diese essentielle Funktion auszuführen, nutzen die Länder offenbar die jeweils aktuell verfügbaren, sich auf die Natur und die Entstehung des Bösen beziehenden Informationen der entsprechenden Zivilisation, und auch auf alle sonstigen Maßnahmen, die ihnen einfallen. Das Überleben einer Gesellschaft muss geschützt werden, doch Machtmissbrauch und sadistischer Verfall setzt sich allzu leicht durch.

Wir hegen zwischenzeitlich rationale und moralische Zweifel über das Verständnis früherer Generationen über das Böse und die entsprechenden Gegenmaßnahmen. Eine einfache Beobachtung der Geschichte rechtfertigt diese Zweifel. Die sich entwickelnde allgemeine Einstellung in freien Gesellschaften verlangt, dass Maßnahmen, die das Böse unterdrücken, humaner und eingeschränkter sein sollen und die Grenzen so gesetzt werden, dass Missbrauch möglich ist. Dies scheint aufgrund der Tatsache zu entstehen, dass moralisch sensitive Menschen ihre Persönlichkeiten und die ihrer Kinder vor den destruktiven Einflüssen schützen wollen, die durch das Vorhandensein von drastischen Strafen, besonders von Höchststrafen, die trotzdem noch im Maß liegen, vermittelt werden.

Und so geschieht es, dass die Methoden, die dem Bösen entgegenwirken, in ihrer Strenge gemildert werden und gleichzeitig keine effektiven Methoden zum Schutz der Bevölkerung gegen das Aufkommen des Bösen und der Macht in Sicht sind. Dies erzeugt eine immer größer werdende Kluft zwischen der Notwendigkeit zu Gegenmaßnahmen und den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Als Resultat können sich viele Formen des Bösen auf jeder sozialen Ebene entwickeln. Unter solchen Umständen ist es verständlich, dass so manche Stimme laut wird und eine Rückkehr zu altmodischen Methoden mit eiserner Faust verlangt, die für die Entwicklung menschlichen Gedankenguts so schädlich ist.

Ponerologie studiert die Natur des Bösen und die komplexen Prozesse seiner Entstehung. Dabei öffnet sie neue Wege, um dem Bösen entgegenzuwirken. Sie zeigt auf, dass das Böse in seiner Struktur und Genese bestimmte Schwächen hat, die genutzt werden können, um seine Entwicklung zu verhindern und auch die Früchte solch einer Entwicklung rasch zu beseitigen. Wenn die ponerogenischen Aktivitäten der pathologischen Faktoren — abweichende Menschen und ihre Handlungen — einer bewussten Kontrolle wissenschaftlicher, individueller und gesellschaftlicher Natur unterzogen werden, können wir dem Bösen so effektiv entgegenwirken, wie es beharrliche Aufrufe, die moralischen Werte zu respektieren, ermöglichen. Die antike Methode und dieser völlig neue Weg können deshalb kombiniert günstigere Resultate erzeugen, als die arithmetische Summe von beiden. Ponerologie bringt auch die Möglichkeiten von prophylaktischem Verhalten gegen das individuelle, gesellschaftliche und makrosoziale Böse hervor. Diese neue Annäherung sollte den Gesellschaften ermöglichen, sich wieder sicher zu fühlen, sowohl im Inneren als auch im Rahmen internationaler Bedrohungen.

Jene Methoden, dem Bösen entgegenzuwirken, die auf Ursächlichkeit, unterstützt von immer größerem wissenschaftlichem Fortschritt, beruhen, sind sicherlich weit komplexer, wie auch die Natur und die Entstehung des Bösen komplexe Angelegenheiten sind. Jede vorgeblich faire Beziehung zwischen dem Verbrechen eines Menschen und seiner angemessenen Bestrafung ist ein Überrest archaischen Denkens und zeitweilig noch viel schwieriger zu verstehen. Aus diesem Grund verlangt unsere Zeit, dass wir die hier vorgestellte Disziplin weiter vertiefen und detaillierte Nachforschungen anstellen, insbesondere in Bezug auf die Natur der vielen pathologischen Faktoren, die an der Ponerogenese teilhaben. Ein sachgerechtes Lesen der Geschichte ist für das Verständnis von makrosozialen ponerogenischen Phänomenen, deren Dauer sich den Beobachtungsmöglichkeiten eines einzelnen Menschen entzieht, essentiell unabdingbar. Der Autor benutzte diese Methode im folgenden Kapitel und rekonstruierte jene Phase, in der charakteropathische Faktoren beim Beginn einer Pathokratie dominierten.

Indem sie uns die Ursachen und die Entstehung des Bösen lehrt, kann die Ponerologie kaum jemanden die Schuld daran geben. Deshalb löst sie nicht das beständige Problem der menschlichen Verantwortlichkeit, obgleich sie von Seiten der Ursächlichkeit etwas Licht in die Sache bringt. Wir werden uns bewusst, wie wenig wir auf diesem Gebiet verstehen und wie viel noch zu erforschen ist, während wir versuchen, unser Verständnis der komplexen Ursachen der Phänomene zu korrigieren und eine größere individuelle Abhängigkeit von den Funktionsweisen äußerer Faktoren anzuerkennen. An diesem Punkt können wir jedes moralische Urteil über einen anderen Menschen und seine Schuldhaftigkeit als hauptsächlich auf Emotionen beruhende Reaktion und als Jahrhunderte alte Tradition betrachten.

Wir haben das Recht und die Pflicht, unser eigenes Verhalten und die moralischen Werte unserer Motivationen kritisch zu beurteilen. Dies entsteht durch unser Gewissen, ein Phänomen, das innerhalb der Grenzen des naturalistischen Denkens so allgegenwärtig wie unverständlich ist. Auch wenn wir mit allen gegenwärtigen und zukünftigen Errungenschaften der Ponerologie bewaffnet sind, werden wir jemals in der Position sein, die individuelle Schuld eines anderen Menschen zu abstrahieren und ausmachen zu können? Theoretisch scheint dies immer zweifelhafter, und praktisch immer unnötiger zu werden.

Wenn wir uns beständig moralischer Urteile über andere Menschen enthalten, übertragen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Nachspüren der ursächlichen Prozesse, die für die Konditionierung des Verhaltens eines anderen Menschen oder einer Gesellschaft verantwortlich sind. Dies verbessert unsere Aussichten auf eine korrekte mentale Hygiene und unsere Kapazität, die psychologische Realität zu begreifen. Solch eine Zurückhaltung bringt uns auch in die Lage, einen Irrtum zu vermeiden, der unsere Gedanken und Seelen allzu wirkungsvoll vergiftet, nämlich das Aufsetzen einer moralisierenden Interpretation auf die Aktivitäten pathologischer Faktoren. Wir vermeiden damit auch emotionelle Verstrickungen und können besser unsere eigenen Egotismus und unsere Egozentrik kontrollieren, was uns eine objektive Analyse der Phänomene erleichtert.

Wenn solch ein Verhalten so manchem Lesern als moralisch indifferent erscheint, sollten wir nochmals wiederholen, dass die hier angeführte Methode das Böse und seine Entstehung zu analysieren eine neue Form von vernünftiger Distanz zu den Versuchungen des Bösen entstehen lässt, wie auch die Aktivierung zusätzlicher theoretischer und praktischer Möglichkeiten, ihm entgegenzuwirken. Wir sollten ebenfalls die erstaunliche und offenkundige Konvergenz zwischen den aus der Analyse dieser Phänomene gezogenen Schlussfolgerungen und bestimmten Gedanken antiker Philosophien bedenken. Wie schon die Bibel sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.“ (Matthäus 7;1-2)

Unglücklicherweise sind diese Werte häufig von den dringenden Bedürfnissen einer Regierung überschattet, wie auch von den Handlungsweisen unserer instinktiven und emotionalen Reflexe, die uns zu Rache und Bestrafung anderer Menschen anstiften. Diese Werte finden zumindest teilweise in dieser neuen Wissenschaft ihre rationale Rechtfertigung. Solch ein rigoroses Verständnis zu praktizieren und sich solcherart zu Verhalten kann diese Werte nur auf beweisbarere und wissenschaftlichere Weise bestätigen.

Diese neue Disziplin kann in jeder Lebenssituation angewandt werden. Der Autor nutze diese Errungenschaften und überprüfte ihren praktischen Wert im Zuge der individuellen Psychotherapie bei seinen Patienten. Das Ergebnis war, dass ihre Persönlichkeiten und ihre Zukunft auf eine Weise umgeordnet wurden, die weit günstiger für sie war, als wenn sie mit ihren bisherigen Fähigkeiten weitergelebt hätten. Wenn wir die besondere Natur unserer Zeiten im Hinterkopf behalten, wo eine facettenreiche Mobilisierung moralischer und geistiger Werte erreicht werden muss, um dem Bösen entgegenzuwirken, das die Welt bedroht, werden wir in den nächsten Kapiteln sehen, dass der Autor die Annahme solch einer Gesinnung empfiehlt, deren Endergebnis ein Akt der Vergebung sein sollte, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Vergessen Sie auch nicht, dass Verständnis und Vergebung nicht eine Korrektur von Umständen und ein Ergreifen prophylaktischer Maßnahmen ausschließt.

Das Lösen des gordischen Knotens der gegenwärtigen Zeit, der sich aus makrosozialen pathologischen Phänomenen, die unsere Zukunft bedrohen, zusammensetzt, erscheint ohne die Entwicklung und Nutzung dieser neuen Disziplin unmöglich. Dieser Knoten kann nicht ohne ein Schwert gelöst werden. Ein Psychologe kann sich nicht leisten, so ungeduldig wie Alexander der Große zu sein. Aus diesem Grund haben wir diesen Knoten hier innerhalb der unverzichtbaren Bandbreite beschrieben, seine Anpassungen und Auswahl von Informationen, damit über jene Probleme, die im Laufe dieses Buchen noch zur Sprache kommen werden, Klarheit herrscht. Vielleicht wird es zukünftig möglich sein, eine allgemeine theoretische Arbeit auszuarbeiten.

weiter zu Kapitel 5…

FUßNOTEN
  1. Krankengeschichte eines Patienten. (Anm. d. Herausgebers)

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  2. Meine Herangehensweise an die Tests ähnelte eher der britischen Vorgangsweise. Ich benutzte zusätzlich zwei Tests: Einmal einen alten britischen Effizienztest, der für klinische Zwecke adaptiert worden war, und zum Zweiten einen eigens von mir entwickelten Test. Unglücklicherweise konnte ich durch meine Vertreibung aus Polen keines meiner vielen Ergebnisse anderen Psychologen weitergeben, da mir neben all meinen Habseligkeiten auch meine Forschungsunterlagen genommen wurden.

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  3. Als ältester Enkel von Queen Victoria symbolisierte Wilhelm seine Ära und den neureichen Aspekt des deutschen Reiches. Der Kaiser litt unter einem Geburtsfehler - sein linker Arm war verkümmert und unbrauchbar. Man behauptete, dass er seine Behinderung überwunden hatte, aber dass sie ihre Spuren hinterlassen hat. Trotz der Bemühungen seiner Eltern, ihn liberal zu erziehen, neigte der Prinz zu religiösem Mystizismus, Militarismus, Antisemitismus und der Verherrlichung von politischer Macht. Einige Leute waren der Meinung, dass seine Persönlichkeit Elemente einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung aufwies. Sein Charakter, der bombastisch, eitel, taktlos und mit einem Anflug von pompösen Zügen göttlichen Rechtsanspruches war, glich den Merkmalen des neuen Deutschland: stark, aber unausgeglichen; eitel, aber unsicher; intelligent, aber engstirnig; selbstgefällig, und doch nach Akzeptanz sehnend. (Anm. d. Herausgebers)

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  4. Ein interessanter Vergleich ist das Regime von George W. Bush und die Neokonservativen. Er lässt sich unmittelbar mit der Geschichte des deutschen Kaisers ziehen. (Anm. d. Herausgebers)

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  5. Die hintere Teilung des Vorderhirns; verbindet die zerebralen Hemisphären mit dem Metencephalon; umfasst Epithalamus, Thalamus und Hypothalamus. (Anm. d. Herausgebers)

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  6. Wassili Grossman war sowjetischer Staatsbürger und ukrainischer Jude; Jahrgang 1905. Er war Kommunist, wurde Kriegsberichterstatter und arbeitete für die Armeezeitung Roter Stern - sein Beruf brachte ihn an die Front in Stalingrad und schließlich nach Berlin. Er war einer der Ersten, der die Auswirkungen der Konzentrationslager mit eigenen Augen sah und veröffentlichte den ersten Bericht über das Konzentrationslager Treblinka in allen Sprachen.

    Nach dem Krieg verlor er offenbar seinen Glauben. In den 1950er Jahren schrieb er seinen umfangreichen Roman Leben und Schicksal und in der Tauwetter-Periode Chruschtschows - als Alexander Solschinitzin Ein Tag des Iwan Desinowitsch veröffentlichen durfte - sandte er 1960 sein Manuskript einem Literaturjournal zur Veröffentlichung. Doch daraufhin duchsuchte der KGB seine Wohnung. Die Manuskripte, die Durchschläge, seine Notizbücher wie auch die maschinengeschriebenen Kopien und sogar die Schreibmaschinenbänder wurden beschlagnahmt. Michail Andrejewitsch Suslow, der Chefideologe des Politbüros sagte dem Autor, sein Buch werde frühestens in 200 Jahren veröffentlicht. Leben und Schicksal wurde dank anderer Dissidenten 1980 in der Schweiz veröffentlicht: Sacharow photographierte heimlich Seiten des Entwurfs, die Semjon Lipkin aufbewahrt hatte, und dem Schriftsteller Wladimir Nikolajewitsch Woinowitsch gelang es, die Filme ins Ausland zu schmuggeln.

    „Warum dieser 200-Jahre Bann? Weil Leben und Schicksal zugab, was auch weiterhin in einem „liberalen“ Umfeld eine undenkbare Sünde war: Die Gleichstellung von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus.“ (John Lloyd) (Anm. d. Herausgebers)

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  7. Asthenie: eine nervöse oder mentale Schwäche oder Kraftlosigkeit, die durch ein niedrige Gefühlsschwelle und schwankende Stimmungen gekennzeichnet ist. (Anm. d. Herausgebers)

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  8. Lawrenti Pawlowitsch Beria (1899 - 1953). Sowjetischer Kommunistenführer, war in Aserbaidschan und in Georgien Geheimdienstler, wurde später zum Parteisekretär und 1938 zum Chef der Geheimpolizei Tscheka. Im August 1938 wurde Beria Erster Stellvertretender Vorsitzender des NKWD, am 29. September 1938 dann Chef der Staatssicherheit (GUGB) im NKWD und schon am 25. November 1938 löste er Jeschow ab und wurde Volkskommissar des Inneren (NKWS), dem die Inneren Streitkräfte, Polizei, Gefängnisse und Lager des GULag zugeordnet waren und von dem der staatlich organisierte Terror ausgeführt wurde. Vom 22. März 1939 bis zum 19. März 1946 war er Kandidat des Politbüros der KPdSU. Erst 1946 stieg er auf in das höchste politische Gremium der UdSSR, er wurde Vollmitglied im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und zwar in der Zeit vom 19. März 1946 bis zum 27. Juni 1953.1953, nach dem Tod Stalins, wurde Beria zunächst Erster Stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister im Kabinett von Georgi Malenkow. Doch die Allianz wurde zerrüttet. Beria wurde mit verdacht auf Verschwörung im Juli 1953 verhaftet und gemeinsam mit sechs angeblichen Kumpanen im Dezember 1953 im Geheimen erschossen. (Anm. d. Herausgebers)

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  9. Swetlana Allilujeva, 20 Briefe an einen Freund.

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  10. Ein Antibiotikum zur Tuberkulosebehandlung und zur Bekämpfung anderer bakterieller Infektionen, das die Entstehung von Protein blockiert und die Zellmembranen in befallenen Mikroorganismen schädigt. Mögliche Nebenwirkungen sind Nieren- und Nervenschädigungen, die zu Schwindel und Taubheit führen können. (Anm. d. Herausgebers)

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  11. Während die meisten Krebsbehandlungen zytotoxisch sind (d.h. sie zerstören Zellen, wie beispielsweise bei der Chemotherapie), sind andere Behandlungsmethoden zytostatisch. Diese Methoden wirken, indem sie die Vermehrung der Krebszellen stoppen (wie z.B. Hormonbehandlungen bei Brustkrebs). (Anm. d. Herausgebers)

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  12. Neoplasie ist ein abnormales Zellwachstum (gut- oder bösartig); Tumorbildung; Krebs bezeichnet eine bösartige Neoplasie. (Anm. d. Herausgebers)

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  13. „Chemo head“ (Chemokopf) bezeichnet man auf eine Langzeitnebenwirkung der Chemotherapie, deren Symptome ähnlich jenen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms (ADS) sind. Es beschreibt ein langsames Zurückgehen der geistigen Fähigkeiten (Konzentrationsschwierigkeiten, Erinnerungsprobleme, keinen klaren Gedanken fassen können,…). (Anm. d. Herausgebers)

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  14. Zur Erinnerung: Das Buch wurde 1984 geschrieben.

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  15. Derzeitiger Stand der westlichen medizinischen Ansicht: Endogene Toxine sind u.a. Schwermetalle, Pestizide, Nahrungszusatzstoffe, und Haushaltschemikalien. Sie können Leber und Nieren schädigen; sie können auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden und Gehirnzellen schädigen. Arbeiter, die über einen langen Zeitraum Mangan einatmen mussten, zeigten Konzentration davon in den Basalganglien und wiesen Parkinson-ähnliche Symptome auf. Beobachtungsstudien zeigten auch erhöhte Konzentrationen von Aluminium, Quecksilber, Kupfer und Eisen in der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit von Parkinson Patienten. Es konnte nicht völlig geklärt werden, ob diesen im Gehirn gefundenen Mineralien eine klinische Bedeutung zugeschrieben werden kann. (Mitchell J. Ghen, D.O., Ph.D., und Maureen Melindrez, N.D. „Protocol for Parkinson's disease“) (Anm. d. Herausgebers)

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  16. Sandberg, A. A.; Koepf, G. F.; Ishihara, T.; Hauschka, T. S. (26. August 1961) „An XYY human male“. Lancet 2, 488-9.

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  17. Emil Kraepelin (1856 - 1926), deutscher Psychiater. Von Kraepelin stammen die Grundlagen des heutigen Systems der Klassifizierung psychischer Störungen. Er führte experimentalpsychologische Methoden in die Psychiatrie ein und gilt als Begründer der modernen empirisch orientierten Psychopathologie, mit der in ersten Ansätzen ein psychologisches Denken in der Psychiatrie üblich wurde. Auch die Entwicklung der Psychopharmakologie geht auf ihn zurück. (Anm. d. Herausgebers)

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  18. Als Autosomen wird in der Genetik die Teilmenge der Chromosomen bezeichnet, die nicht zu den Gonosomen, den Geschlechtschromosomen gehören. Die Gonosomen plus die Autosomen machen die Gesamtmenge des menschlichen Erbgutes aus, welche unter dem Begriff Genom zusammengefasst werden. (Anm. d. Herausgebers)

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  19. Kazimirerz Dabrowski (1902 - 1980) war ein polnischer Psychologe, Psychiater, Physiker und Poet. Er entwickelte die Theorie der Persönlichkeitsentwicklung, basierend auf positiver Desintegration, wie er es bezeichnete - ein psychologischer Spannungszustand, der für das Wachstum der Persönlichkeit notwendig ist. (Anm. d. Herausgebers)

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  20. Jüngere Forschungsergebnisse von Robert Hare, Martha Stout und schließlich Salekin, Trobst und Krioukova neigen zur Annahme, dass die wahrscheinliche Anzahl in jeder beliebigen Bevölkerung höher liegt. Salekin et al. sind in „Construct Validity of Psychopathy in a Community Sample: A Nomological Net Approach“, Journal of Personality Disorders, 15(5), 425-441 (2001) der Ansicht, dass die Verbreitung von Psychopathen bei 5% liegt und die große Mehrzahl davon männlich ist. (1 von 10 Männern, 1 von 100 Frauen). (Anm. d. Herausgebers)

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  21. Aktuelle Studien deuten an, dass viele der Charakteristika von Psychopathen sehr stark mit einem großen Unvermögen zusammenhängen, sich von einem anderen Menschen ein einfühlendes mentales und emotionales Bild zu machen. Es ist ihnen offenbar völlig unmöglich, sich — in jemand anderen hineinzuversetzen —, außer natürlich in rein intellektuellem Sinn. (Anm. d. Herausgebers)

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  22. Psychopathen fehlen die Eigenschaften, die für ein Leben in sozialer Harmonie nötig sind. (Anm. d. Herausgebers)

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  23. Hervey Cleckley, The Mask of Sanity (C.V. Mosby Co., 1976), S. 386.

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  24. In ihrer Schrift „Construct Validity of Psychopathy in a Community Sample: A Nomological Net Approach“ schreiben Salekin, Trobst und Krioukova: „Psychopathie, wie sie von Cleckley definiert wurde, ist nicht auf illegale Aktivitäten beschränkt, sondern umfasst solche Persönlichkeitsmerkmale wie Manipulativität, Unehrlichkeit, Egozentrik und das Fehlen von Schuldgefühlen - Charakteristika, die eindeutig bei Kriminellen, aber auch bei Ehepartnern, Eltern, Vorgesetzten, Rechtsanwälten, Politikern und Geschäftsführern vorhanden sind, um nur einige zu nennen. (Bursten, 1973; Stewart, 1991) …So kann der Psychopath charakterisiert werden… dies zeigt an, dass solche Menschen eine Neigung zu Dominanz und Kälte aufweisen. (Wiggins 1995) …Die Zusammenfassung einer Vielzahl von bisherigen Erkenntnissen… führt zum Schluss, dass solche Menschen leicht reizbar und zornig sind und bereit, andere bloßzustellen. Sie sind arrogant, manipulativ, zynisch, exhibitionistisch, sensationslüstern, skrupellos, rachsüchtig und auf ihren eigenen Vorteil bedacht. In Bezug auf ihre sozialen Kommunikationsmuster (Foa & Foa, 1974) halten sie sich selbst für liebend und achtend und betrachten sich als wertvoll und wichtig, doch sie schreiben diese Fähigkeiten anderen Menschen nicht zu, sondern sie sehen diese als wertlos und unbedeutend an. Diese Charakteristika treffen klar die Essenz der Psychopathie, wie sie allgemein beschreiben wird… Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass: (a) das Ausmaß der Psychopathie an einem Psychopathie - Prototypen gemessen werden kann, der eine Kombination von dominanten und gefühlskalten zwischenmenschlichen Eigenschaften aufweist. (b) Psychopathie in unserer Gesellschaft vorhanden ist, und zwar häufiger als angenommen. (c) Psychopathie offenbar nur geringe Überschneidungen mit Persönlichkeitsstörungen, abgesehen von dissozialen Persönlichkeitsstörungen, aufweist.“ (Anm. d. Herausgebers)

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  25. Paralogie bezeichnet das Benennen oder Beschreiben von Dingen in einer Weise, die den Sachverhalt undeutlich werden lässt. Nach griech. para = daneben und logos = „Wort, Kunde“. Paralogismus ist ein unabsichtlicher Trugschluss. (Anm. d. Herausgebers)

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  26. Eigennützigkeit; Ein Egoist ist nur von Eigeninteressen motiviert. (Anm. d. Herausgebers)

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  27. Siehe Kapitel 1, Fußnote 4

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  28. Die Doktrin, dass Freude oder Glück das höchste Gut ist. (Anm. d. Herausgebers)

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  29. Robert Hare schreibt: „Für mich war das Interessanteste, dass wir zum allerersten Mal - soweit mir bekannt ist - herausgefunden haben, dass es keine Aktivität der Bereiche gab, die für eine emotionelle Erregung verantwortlich sind, jedoch eine Über-Aktivität anderer Teile des Gehirns, einschließlich jener Bereiche, die normalerweise für die Sprache verantwortlich sind. Diese Bereiche waren aktiv, als ob sie sagen würden: „Aber hallo, ist das nicht interessant?“ Sie scheinen also emotionale Informationen in Bezug auf ihre linguistischen oder semantischen Bedeutungen zu analysieren. Bei der Art und Weise, wie Psychopathen Informationen verarbeiten, bestehen Anomalien. Sie werden auf eine allgemeine Weise verarbeitet und nicht rein emotional. In einer weiteren funktionalen MRI-Studie (Magnetic Resonance Imaging) betrachteten wir jene Gehirnbereiche, die für die Verarbeitung von konkreten und abstrakten Wörtern benutzt werden. Normale Menschen zeigten eine gesteigerte Aktivität der rechten vorderen Schläfenlappen. Psychopathen zeigten keine Reaktionen.“ Hare und seine Kollegen unternahmen daraufhin eine fMRI Studie, wobei sie Bilder von neutralen Szenen und auch von hässlichen Morden benutzten. „Nichtpsychopathische Straftäter zeigten eine stark gesteigerte Aktivität der Amygdala (bei den hässlichen Bildern), verglichen mit den neutralen Szenen“ so Hare, „Bei Psychopathen geschah gar nichts. Kein Unterschied. Doch es gab eine Über-Aktivierung in denselben Gehirnregionen, die während der Tests mit emotionalen Wörtern überaktiv waren. So als ob sie emotionale Informationen außerhalb des limbischen Systems analysieren.“ (Katherine Ramsland, „All About Dr. Hare — Expert on the Psychopath“) (Anm. d. Herausgebers)

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  30. W. McCord, & J. McCord, Psychopathy and Delinquency (New York: Grune & Stratton, 1956).

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  31. Aktuell sind einige Forscher der Ansicht, dass das Asperger-Syndrom unter die Kategorie der Psychopathie fällt.

    Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms (AS): Es gilt als leichte Form des Autismus und manifestiert sich ab ca. dem dritten bis fünften Lebensjahr. Zur Diagnose werden meist die folgenden Kriterien nach Gillberg & Gillberg (1989) verwendet: Soziale Beeinträchtigung (extreme Ichbezogenheit) und mindestens zwei der folgenden Merkmale): Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu interagieren, mangelnder Wunsch, mit Gleichaltrigen zu interagieren, mangelndes Verständnis für soziale Signale, sozial und emotional unangemessenes Verhalten. Eingegrenzte Interessen: (Mindestens eins der folgenden Merkmale) Ausschluss anderer Aktivitäten, repetitives Befolgen der Aktivität, mehr Routine als Bedeutung. Repetitive Routinen: (Mindestens eins der folgenden Merkmale) für sich selbst, in Bezug auf bestimmte Lebensaspekte, für andere. Rede- und Sprachbesonderheiten: (mindestens drei der folgenden Merkmale) verzögerte Entwicklung, (oberflächlich gesehen) perfekter sprachlicher Ausdruck, formelle, pedantische Sprache, seltsame Prosodie, eigenartige Stimmmerkmale, beeinträchtigtes Verständnis einschließlich Fehlinterpretationen von wörtlichen/implizierten Bedeutungen. Nonverbale Kommunikationsprobleme (mindestens zwei der folgenden Merkmale): begrenzter Blickkontakt, begrenzte Gestik, unbeholfene oder linkische Körpersprache, begrenzte Mimik, unangemessener Ausdruck, eigenartig starrer Blick. Motorische Unbeholfenheit: Mangelnde Leistung bei Untersuchung der neurologischen Entwicklung. (Anm. d. Herausgebers)

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  32. Die Tscheka war die erste Geheimpolizei unter bolschewistischer Herrschaft. Dserschinskij war ihr erster Kommissar. (Anm. d. Herausgebers)

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  33. Dserschinskij ist ein interessanter Fall. Man sagt über ihn, dass „sein ehrlicher und unbestechlicher Charakter, kombiniert mit seiner absoluten Hingabe an die Sache, ihm rasch Anerkennung und den Beinamen „Eiserner Felix“ eingebracht hat.“ Sein Denkmal im Zentrum Warschaus, am „Dserschinskij Platz“, war bei der polnischen Bevölkerung als Symbol sowjetischer Unterdrückung verhasst. Es wurde 1989, sobald die PZPR an Macht verlor, gestürzt und der Platz wurde sofort in seinen früheren Namen, „Plac Bankowy“ (Bank Platz), wie er vor dem zweiten Weltkrieg genannt wurde, umbenannt. Ein verbreiteter Witz aus dieser Zeit meint, dass Dserschinskij das Denkmal deshalb bekommen hatte, weil er derjenige Pole war, der die meisten Kommunisten getötet hatte.

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  34. Mein Professor in Psychiatrie - Jagiellonian Universität Krakau. (ein Freund Kretschmers.)

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  35. Ernst Kretschmer (1888-1964) Prof. Dr. med. Dr. phil. h.c., war ein deutscher Psychiater, erforschte die menschliche Konstitution und stellte eine Typenlehre auf. Am 6. April 1933 trat Ernst Kretschmer vom Vorsitz aus politischen Gründen zurück, um so gegen die Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten zu protestieren. Er blieb während des zweiten Weltkrieges jedoch in Deutschland. Des weiteren beschäftigte er sich mit neuen Methoden der Psychotherapie und der Hypnose und studierte zwanghafte Kriminalität, um Empfehlungen für eine adäquate Behandlung von Gefangenen zu geben. (Anm. d. Herausgebers)

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  36. Griechische Wortwurzel skirtaô: rebellieren, springen. (Anm. d. Herausgebers)

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  37. d.h. lügen, betrügen, zerstören, andere Menschen ausnutzen, usw. (Anm. d. Herausgebers)

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  38. Gerechtigkeit nur für Psychopathen; Ungerechtigkeit für alle anderen. (Anm. d. Herausgebers)

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  39. „Tötet sie alle; Gott wird die Seinen erkennen“ ist offenbar die Herangehensweise, die von Psychopathen empfohlen wird. (Anm. d. Herausgebers)

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  40. Der Unterschied in Erscheinung und Lage eines Objektes, wenn es von zwei unterschiedlichen Standorten betrachtet wird. (Anm. d. Herausgebers)

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  41. Łobaczewski scheint sich hier auf Kriege und andere körperliche Konflikte zu beziehen und deutet an, dass wenn die normalen Menschen sich solchen Zuständen verweigerten und so der Kampf nur von abweichenden Menschen gefochten würde, diese sich schließlich gegenseitig selbst vernichteten. (Anm. d. Herausgebers)

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  42. Dabrowski entwickelte die Theorie der positiven Desintegration, die besagt, dass Menschen mit großem Entwicklungspotential dazu tendieren, häufig intensive Krisen (positive Desintegration) zu durchleben, die Möglichkeiten für die Entwicklung einer autonomen, eigenständigen Persönlichkeit bieten. Dabrowski beobachtete, dass begabte und kreative Völker die Neigung besitzen, größere Entwicklungspotentiale erreichen zu können und aus diesem Grund leichter positive Desintegrationen erfahren. (William Tillier, “A Brief Overview Dabrowski's Theory of Positive Disintegration“) (Anm. d. Herausgebers)

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  43. Eine Persönlichkeitsstörung, die durch Unreife, Abhängigkeit, Egozentrik, Eitelkeit und ein Heischen nach Aufmerksamkeit gekennzeichnet ist. (Anm. d. Herausgebers)

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  44. Was oder wer hat eine Vorteil? Wem dient es? Was ist der Kern der Sache?

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  45. In den letzten Jahren gab es einige Beispiele, wo Kinder von ihren Eltern aus „religiösen Gründen“ zu Tode geprügelt wurden. Die Eltern behaupten dann oft, dass das Kind von einem Dämonen besessen war oder dass es sich derart unartig verhalten hat, sodass nur Prügel es „gerade richten“ konnten. Ein weiteres Beispiel ist die Beschneidung durch verschiedene ethnische Gruppen, bei Knaben wie auch bei Mädchen. Sati, die Witwenverbrennung in Indien, bei der die Frau gemeinsam mit der Leiche ihres Mannes lebendig verbrannt wird; in moslemischen Kulturen ist es für die männlichen Familienangehörigen Pflicht, eine Frau, die vergewaltigt wurde, umzubringen, damit die Schande vom Familiennamen getilgt ist. All diese Handlungen sind vorgeblich „moralisch“, in Wirklichkeit sind sie jedoch pathologisch und kriminell. (Anm. d. Herausgebers)

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  46. Siehe Kapitel 2, Fußnote 9

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  47. Eine Verdickung entweder durch Dehydration oder Absorption von Flüssigkeit. Eine Konzentration. (Anm. d. Herausgebers)

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  48. Die Verwendung von ideologischen Überschriften von einer Gruppierung (z.B.: „Kommunist“, „Sozialist“, „Demokrat“, „Konservativer“ oder „Republikaner“) heisst nicht notwendigerweise, dass ihre Eigenschaften irgendetwas mit der ursprünglichen Ideologie gemeinsam haben. (Anm. d. Herausgebers)

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  49. Mit der Zeit; Das Studium eines Phänomens mit chronologischer Perspektive. (Anm. d. Herausgebers)

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  50. Ein Beispiel dafür wäre ein paranoider Charakter, der sich selbst als eine Art Robin Hood sieht, mit der „Mission“ „die Reichen zu berauben und den Armen zu geben“. Dies kann sich leicht in „alle berauben um selbst mehr zu besitzen“ verändern, unter dem Vorwand „die soziale Ungerechtigkeit gegen uns rechtfertigt dieses Vorgehen.“ (Anm. d. Herausgebers)

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  51. Ein machtvoller Berater oder Entscheidungsträger, der im Geheimen oder inoffiziell operiert. Ursprünglich bezog es sich auf den in Grau (graue Eminenz) gehüllten Kapuzinermönch François Leclerc du Tremblay, Vertrauter von Kardinal Richelieu. (Anm. d. Herausgebers)

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  52. Besondere Charakteristik einer Krankheit. (Anm. d. Herausgebers)

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  53. Aus dem Kommunistischen Manifest: „Unter Proletariat (wird) die Klasse der modernen Lohnarbeiter (verstanden), die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.“ (Anm. d. Herausgebers)

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  54. Faschismus scheint auf den ersten Blick das diametrale Gegenteil von Kommunismus und Marxismus zu sein, sowohl in philosophischem als auch politischem Sinn, wie auch zur demokratischen kapitalistischen Wirtschaft und zu liberaler Demokratie. Er betrachtet den Staat als organisches Wesen auf positive Weise und nicht als Institution zum Schutz kollektiver und individueller Rechte. Faschismus verkörpert auch den totalitären Versuch, die Kontrolle des Staates auf alle Aspekte des Lebens auszuweiten: Politik, Sozialwesen, Kultur und Wirtschaft. Dies beschreibt genau, was im Namen des Kommunismus ebenfalls geschah. Der faschistische Staat reguliert und kontrolliert (im Gegensatz zu Verstaatlichung) die Produktionsmittel. Faschismus verherrlicht die Nation, den Staat oder die Rasse als über den Menschen, Gruppen und Institutionen stehend, aus denen sie/er besteht. In einem faschistischen System ist explizite populistische Rhetorik Alltag; Aufrufe zu heroischen Massenbewegungen, um vergangene große Zeiten wieder aufleben zu lassen; das Verlangen von Loyalität einem einzigen Führer gegenüber, was oft einem Persönlichkeitskult gereicht. Und wieder kann man erkennen, dass Faschismus als Kommunismus durchgehen kann. Was eigentlich im Kommunismus geschah ist folgendes: Die ursprünglichen Ideen des Proletariats wurden clever einem gemeinsamen Staat untergeordnet. Die meisten Menschen im Westen sind sich auf Grund der westlichen Anti-Kommunismus Propaganda dieser Tatsache nicht bewusst. Das Wort „Faschist“ wurde nach dem atemberaubenden Versagen der faschistischen Weltmächte im zweiten Weltkrieg weltweit zu einem Schimpfwort. In der heutigen Politik neigen die Anhänger mancher politischer Ideologien dazu, ihren Gegnern faschistische Züge zuzuschreiben, oder Faschismus als das Gegenteil ihrer eigenen Sichtweise zu definieren. Es gibt nirgendwo auf der Welt große Parteien, die sich selbst als faschistisch bezeichnen. Das derzeitige System in den USA ist jedoch weit faschistischer als demokratisch, was wahrscheinlich das Vorhandensein der jahrelangen antikommunistischen Propaganda erklärt. Dies zeigt eine frühe Phase im Prozess der Ponerisation der westlichen Demokratie, die derzeit die Transformation zu einem völlig faschistischen System nahezu abgeschlossen hat. (Anm. d. Herausgebers)

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  55. Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz.

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  56. Es sollte auch erwähnt werden, dass derselbe Prozess auftritt, wenn ein psychologisch abweichender Mensch aus einer Gruppe normaler Menschen ausgeschlossen wird. Der Unterschied liegt darin, dass eine Gruppe normaler Menschen, die eine abweichende Person ausschließt, am Ausgeschlossenen keine Rache üben wird, während der Ausgeschlossene sich an der Gruppe rächen wird, aus der er ausgeschlossen wurde. (Anm. d. Herausgebers)

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  57. Angenommen, dass jemand die Informationen zusammenträgt und dieses Vorhaben überlebt. (Anm. d. Herausgebers)

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  58. Sorokon Pitirim. (1941). Social and Cultural Dynamics, Volume Four: Basic Problems, Principles and Methods, New York: American Book Company. Sorokin, Pitirim. (1957). Social and Cultural Dynamics, One Volume Revision. Boston: Porter Sargent. Simonton, Dean Keith. (1976). „Does Sorokins data support his theory?: A study of generational fluctuations in philosophical beliefs.“ Journal for the Scientific Study of Religion 15: 187-198.

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  59. Jean-Martin Charcot (1825-1893), Französischer Neurologe. Seine Arbeit hatte auf die sich entwickelnde Neurologie und Psychologie großen Einfluss. Charcot interessierte sich für eine Krankheit, die später Hysterie genannt wurde. Sie schien eine mentale Störung mit körperlichen Auswirkungen zu sein, was für einen Neurologen von größtem Interesse war. Er war der Ansicht, dass Hysterie das Resultat eines schwachen neurologischen Systems ist und vererbbar. Sie konnte durch traumatische Erlebnisse wie Unfälle aktiviert werden, was in der Folge zu einem immer stärkeren Ausbruch führte und nicht zu heilen war. Damit er hysterische Menschen untersuchen konnte, lernte er Hypnosetechniken und wurde bald zu einem Meister dieser relativ neuen „Wissenschaft“. Charcot glaubte, dass der Zustand der Hypnose sehr ähnlich dem Zustand der Hysterie sei, und so hypnotisierte er seine Patienten, um die Symptome herbeizuführen und sie studieren zu können. Er allein war für den Paradigmenwechsel der französischen Ärzteschaft hinsichtlich der Anerkennung von Hypnose, die zuvor als Mesmerismus abgetan wurde, verantwortlich. (Anm. d. Herausgebers)

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  60. Siehe Fußnote 26

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  61. Siehe Fußnote 27

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  62. Sich selbst, seine Meinungen und Interessen als das Zentrum aller Dinge zu betrachten. (Anm. d. Herausgebers)

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  63. Außer natürlich die Regierung selbst ist das Böse, das die Menschen bedroht und belästigt. (Anm. d. Herausgebers)

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