POLITISCHE PONEROLOGIE
Kapitel 1
Einleitung
Übersetzung: Rostam | Bearbeitung: Data, Joerg2008-10-02
Stellen Sie sich ein großes Auditorium in einer alten gotischen Universität vor. Zu Beginn unserer Studienzeit versammelten wir uns dort oft, um die Vorlesungen ausgezeichneter Philosophen und Wissenschafter zu besuchen. Ein Jahr vor unserem Abschluss wurden wir — unter Androhungen — dort wieder zusammengetrieben, um die Belehrungsvorlesungen zu hören, die kurz zuvor offiziell angeordnet wurden.
Hinter dem Pult erschien ein Redner, der fast niemandem bekannt war. Er informierte uns darüber, dass er nun unser Professor sei. Er war ein gewandter Redner, doch seine Rede hatte nichts Wissenschaftliches an sich: er konnte nicht zwischen wissenschaftlichen und herkömmlichen Konzepten unterscheiden und behandelte grenzwertige Vorstellungen wie nicht zu hinterfragende Weisheiten. Neunzig Minuten pro Woche prasselte sein Wortschwall aus naiven und anmaßenden Paralogismen und einer pathologischen Sichtweise der menschlichen Realität auf uns nieder. Man bedrohte uns mit Verachtung und kaum verhehltem Hass. Da es ernsthafte Konsequenzen für uns hatte, wenn wir uns über ihn lustig machten, mussten wir aufmerksam und mit höchster Andacht seinen Ausführungen folgen.
Die Gerüchteküche lieferte bald Informationen über die Herkunft dieses „Professors“. Er stammte aus einer Krakauer Vorstadt und besuchte dort das Gymnasium, obwohl niemand wusste, ob er es auch abgeschlossen hatte. Jedenfalls war es das erste Mal, dass er eine Universität von innen sah — und noch dazu als Professor!
„So kann man niemanden überzeugen!“ flüsterten wir einander zu. „Damit entlarvt sich diese Propaganda doch nur selbst.“ Es war eine Tortur des Verstandes. Wir brauchten lange, bis wir das Schweigen brachen.
Wir begannen uns selbst zu studieren, denn wir spürten, dass irgendetwas Eigenartiges unseren Verstand übernommen hatte und etwas Wertvolles unwiederbringlich verschwand. Ein frostiger Nebel verschleierte scheinbar unsere psychologische Realität und unsere moralischen Werte. Unsere menschlichen Gefühle und studentische Solidarität verloren ihre Bedeutungen, wie auch Patriotismus und lang etablierte Werte. Also begannen wir uns gegenseitig zu fragen: „Geht es dir genauso?“ Jeder von uns verspürte die Sorge um seine eigene Persönlichkeit und seine Zukunft. Einige schwiegen auf diese Frage. Es wurde klar, dass die Tiefe dieser Erfahrungen für jeden Einzelnen unterschiedlich war.
Wir begannen uns deshalb zu überlegen, wie wir uns vor den Resultaten dieser „Indoktrinierung“ schützen konnten. Teresa D. machte den ersten Vorschlag: Fahren wir übers Wochenende in die Berge. Das funktionierte. Angenehme Gesellschaft, Humor, Erschöpfung gefolgt von tiefem Schlaf — und unsere Persönlichkeit war wieder hergestellt, obgleich etwas Nachgeschmack blieb. Mit der Zeit entwickelte sich auch eine gewisse psychologische Immunität, doch nicht bei jedem. Die Analyse der psychopathischen Charaktermerkmale der Persönlichkeit des „Professors“ war ein weiterer ausgezeichneter Weg, die eigene psychologische Hygiene zu erhalten.
Man kann sich sicherlich unsere Sorge, Enttäuschung und Überraschung vorstellen, als manche befreundete Mitstudenten plötzlich begannen, ihre Weltsicht zu verändern; ihre Gedankenmuster erinnerten uns immer mehr an das Geschwätz des „Professors“. Ihre eben noch freundlichen Verhaltensweisen wurden immer kälter, doch noch nicht feindselig. Wohlmeinende oder kritische Argumente prallten von ihnen ab. Sie vermittelten den Eindruck, ein geheimes Wissen zu besitzen; für sie waren wir lediglich ihre früheren Freunde, die immer noch glaubten, was uns die „Professoren der alten Schule“ gelehrt hatten. Wir mussten aufpassen was wir zu ihnen sagten. Diese ehemaligen Freunde traten bald der Partei bei.
Wer waren diese Leute, aus welchen sozialen Schichten stammten sie, welcher Studenten- oder Menschentyp waren sie? Wie und warum veränderten sie sich in weniger als einem Jahr so grundlegend? Und warum sind weder ich noch die Mehrheit meiner Studentenfreunde diesem Phänomen und dieser Methode auf den Leim gegangen? Damals gingen viele solche Fragen durch unsere Köpfe. Durch diese Fragen, Beobachtungen und Verhaltensweisen, wurde damals die Idee geboren, dass dieses Phänomen objektiv erforscht und verstanden werden kann; eine Idee, deren tiefere Bedeutung sich erst mit der Zeit herauskristallisierte.
An den ersten Beobachtungen und Betrachtungen beteiligten sich viele der frisch promovierten Psychologen, doch die meisten kamen angesichts materieller oder akademischer Probleme wieder vom Projekt ab. Es blieben nur ein paar zurück; der Autor dieses Buches könnte also „der letzte Mohikaner“ sein.
Es war relativ einfach, das Umfeld und die Herkunft jener Leute zu bestimmen, die diesem Prozess, den ich damals „Transpersonifikation“ nannte, erlagen. Sie kamen aus allen Gesellschaftsschichten, auch Aristokraten und tief religiöse Familien waren dabei. Sie verursachten bei etwa 6% von uns einen Bruch unserer studentischen Solidarität. Die verbleibende Mehrheit litt unter Persönlichkeitsstörungen unterschiedlichen Ausmaßes, was Anlass für die individuelle Suche nach Werten war, die wir benötigten, um uns selbst wiederzufinden; die Ergebnisse dieser Suche waren unterschiedlich und manchmal auch kreativ.
Schon damals hatten wir keinen Zweifel über die pathologische Natur dieses „Transpersonifikationsprozesses“, der in allen Fällen ähnlich, doch niemals identisch ablief. Die Zeitdauer dieses Phänomens war ebenfalls unterschiedlich. Manche dieser Menschen wurden später zu Fanatikern. Manche wiederum erkannten aufgrund späterer Umstände ihre damalige Situation, schworen ihrer Sichtweise ab und richteten ihre verloren gegangenen Verbindungen zur Gesellschaft normaler Menschen neu ein. Diese Menschen wurden ersetzt. Der einzige konstante Wert des neuen sozialen Systems war die magische Zahl von 6%.
Wir versuchten den Begabtheitsgrad jener Studenten herauszufinden, die diesem Transformationsprozess der Persönlichkeit erlagen, und kamen zum Schluss, dass dieser etwas unter dem Durchschnitt aller Studenten lag. Ihr geringerer Widerstand war offenbar auf andere bio-psychologische Eigenschaften — die höchstwahrscheinlich qualitativ heterogen waren — zurückzuführen.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich auch Grenzwissenschaften zu Psychologie und Psychopathologie studieren musste, um die Fragen, die durch unseren Beobachtungen entstanden sind, beantworten zu können; wissenschaftliche Nachlässigkeit in diesen Bereichen war ein Hindernis, das nur schwer zu überwinden war. Zu dieser Zeit wurde ich auch mit der Tatsache konfrontiert, dass offenbar jemand mit besonderem Wissen die Bibliothek von allem Material über dieses Thema gesäubert hatte; die Bücher wurden zwar im Index aufgeführt, waren jedoch nicht zu finden.
Wenn wir diese Begebenheiten im Nachhinein analysieren, kommen wir zum Ergebnis, dass der „Professor“ uns mit einem Köder gelockt hatte — und das mit besonderem psychologischem Wissen. Er wusste bereits im Voraus, dass er gefügige Personen herauswählen würde und er wusste auch wie er das anstellen würde, doch die geringe Zahl seiner Opfer enttäuschte ihn. Der Transpersonifikationsprozess wirkt im Allgemeinen nur dann, wenn die individuelle instinktive Grundlage eines Menschen schwach ist oder bestimmte Defizite aufweist. In geringerem Ausmaß wirkt dieser Prozess auch bei Menschen, die andere Unzulänglichkeiten besitzen, durch die der in ihnen verursachte Zustand nur zeitweilig und unbeständig auftritt und größtenteils ein Resultat psychopathologischer Induktion ist.
Dieses Wissen um die Existenz anfälliger Menschen und wie sie funktionieren, ist solange ein Werkzeug mit dem die Welt erobert werden kann, solange es das Geheimnis solcher „Professoren“ ist. Wenn es geschickt zu einer populären Wissenschaft gemacht werden kann, wird es den Nationen helfen, ihre Immunität zu entwickeln. Doch damals wusste das keiner von uns.
Wir müssen trotzdem zugeben, dass uns der Professor durch die Demonstration der Merkmale dieses Prozesses solcherart, zwangsweise selbst tiefe Erfahrungen damit gemacht zu haben, geholfen hat, die Natur dieses Phänomens auf weit größere Sicht zu verstehen, als es viele der wirklich wissenschaftlichen Forscher, die weniger direkt an dieser Arbeit beteiligt waren, verstehen konnten.
Als Jugendlicher las ich ein Buch über einen Naturforscher, der durch die Wildnis des Amazonas wanderte. Plötzlich fiel ein kleines Tier aus einem Baum auf seinen Nacken, krallte sich schmerzhaft an seiner Haut fest und begann sein Blut zu saugen. Der Biologe entfernte das Tier behutsam — ohne Zorn, da dies seine Art war sich zu ernähren — und begann es genau zu studieren. Diese Geschichte kam mir während dieser äußerst schwierigen Zeiten immer wieder in Erinnerung, als ein Vampir auf unsere Nacken fiel und das Blut einer unglücklichen Nation aussaugte.
Das Beibehalten der Verhaltensweise des Naturforschers versicherte mir trotz aller Not, während ich der Natur dieses makrosozialen Phänomens auf der Spur war, eine gewisse intellektuelle Distanz und eine bessere psychologische Hygiene, angesichts des Schreckens, der ansonsten nur sehr schwierig zu verstehen gewesen wäre. Solch eine Verhaltensweise steigert auch ein wenig das Gefühl von Sicherheit und gibt die Einsicht, dass dadurch auch eine kreative Lösung gefunden werden kann. Sie benötigt aber auch eine strikte Kontrolle über die natürlichen, moralisierenden Reflexe der Abscheu und anderer schmerzhafter Emotionen, die das Phänomen in jedem normalen Menschen hervorruft, wenn es ihm seine Lebensfreude und persönliche Sicherheit nimmt und seine und die Zukunft des ganzen Landes ruiniert. Wissenschaftliche Neugier ist in solchen Zeiten deshalb ein treuer Verbündeter.
Der geneigte Leser wird mir, so hoffe ich, die Erzählung der folgenden jugendlichen Reminiszenz vergeben, doch sie führt uns direkt zu unserem Thema. Mein Onkel, ein sehr einsamer Mann, kam regelmäßig zu uns auf Besuch. Er hatte die große sowjetische Revolution tief im Herzen Russlands überlebt, von wo er von der zaristischen Polizei ausgewiesen wurde. Über ein Jahr lang wanderte er von Sibirien nach Polen. Wann immer er bei seiner Reise einer bewaffneten Gruppe begegnete, versuchte er herauszufinden, welche Ideologie sie vertraten, weiß oder rot, um danach geschickt vorzutäuschen, dass er ein Anhänger der jeweiligen Richtung war. Wäre ihm diese List nicht gelungen, hätte man ihn als verdächtigen Sympathisant des Feindes über den Haufen geschossen. So wanderte er immer mit beiden Parteien, so lange bis er eine Möglichkeit vorfand, weiter in Richtung Westen zu kommen, in Richtung seines Heimatlandes Polen, das gerade erst seine Freiheit wiedererlangt hatte.
Als er schließlich sein geliebtes Polen erreicht hatte, konnte er sein vor langer Zeit unterbrochenes Jura-Studium beenden, wurde ein ehrbarer Bürger und bekleidete eine verantwortungsvolle Position. Er konnte sich jedoch niemals von seinen beklemmenden Erinnerungen befreien. Frauen wurden durch seine Geschichten von der bösen alten Zeit verängstigt und wollten kein neues Leben in eine ungewisse Zukunft bringen. So gründete er niemals eine Familie. Möglicherweise wäre er auch unfähig gewesen, mit Menschen die er liebte eine richtige Beziehung aufzubauen.
Dieser Onkel verarbeitete seine Vergangenheit, indem er den Kindern in meiner Familie seine Geschichten erzählte. Was er gesehen hatte, was er erfahren hatte und woran er teilgenommen hatte; doch unsere junge Vorstellungskraft konnte zu keiner seiner Geschichten einen Bezug herstellen. Albtraumhafter Schrecken fuhr uns durch Mark und Bein. Wir fragten uns: Warum hatten all diese Menschen ihre Menschlichkeit verloren? Was war der Grund dafür? Es bahnte sich eine Art besorgte Vorahnung in unsere jungen Köpfe; und unglücklicherweise wurde alles wahr.
Wenn man aus allen Büchern, die Kriege, Grausamkeiten von Revolutionen und blutigen Geschäften politischer Führer und ihrer Systeme beschreiben, eine Sammlung zusammenstellte, würden viele Leser es vermeiden, solch eine Bibliothek zu besuchen. Antike Schriften würden neben Büchern zeitgenössischer Historiker und Reporter stehen. Dokumentarische Abhandlungen über deutsche Vernichtungs- und Konzentrationslager und den Völkermord an der jüdischen Nation kommen statistische Daten nahe und beschreiben gut die bestens organisierte „Arbeit“ der Zerstörung menschlichen Lebens. Indem sie eine korrekte, ruhige Sprache verwenden, bereiten sie eine konkrete Grundlage für die Anerkennung der Natur des Bösen.
Ein klassisches Beispiel dafür, wie ein intelligenter Psychopath mit einem Defizit an menschlichen Emotionen denkt und fühlt, ist die Autobiographie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz (Oswiecim) und Birkenau (Brzezinka).
In erster Linie würde eine solche Bibliothek Bücher von Zeitzeugen solch kriminellen Irrsinns enthalten, wie name(Arthur Köstler)s Sonnenfinsternis, das vom Leben in Russland vor dem zweiten Weltkrieg handelt; title(Rauch über Birkenau) die persönlichen Erinnerungen von Seweryna Szmaglewska1 an das deutsche Konzentrationslager für Frauen in Auschwitz; Die andere Welt von Gustaw Herling-Grudzinski2, worin er seine Lagererfahrungen beschreibt; und nicht zuletzt die Bücher von Alexander Solschenizyn, die voll von menschlichem Leid sind.
Solch eine Sammlung würde auch philosophische Schriften enthalten, welche die Entstehung des Bösen unter moralischen und sozialen Aspekten betrachten, doch diese würden ebenso die halb-mysteriösen Gesetze der Historie benutzen, um zumindest teilweise die blutbefleckten Ergebnisse zu rechtfertigen. Ein aufmerksamer Leser könnte jedoch in den Sichtweisen der Autoren ein gewisses Maß an Entwicklung feststellen, von der Bestätigung primitiver Versklavung und des Mordes an besiegten Völkern in der Antike, bis hin zur heutigen moralisierenden Verdammung solcher Methoden und Verhaltensweisen.
Trotzdem würde in einer solchen Bibliothek ein Werk fehlen. Und zwar eines, das eine ausreichende Erklärung der Ursachen und Vorgänge liefert, aus denen solch historische Dramen entstehen. Eines das erklärt, warum und wie menschliche Fehltritte und Bestrebungen in blutrünstige Verrücktheit ausarten können. Wenn Sie dieses Buch, das Sie in ihren Händen halten, gelesen haben, werden Sie realisieren, dass bis vor kurzem das Schreiben eines solchen Buches wissenschaftlich unmöglich war.
Die eigentlichen Fragen wären unbeantwortet geblieben: Wie kann so etwas geschehen? Trägt jeder von uns die Saat des Verbrechens in sich, oder sind es doch nur manche? Egal wie gewissenhaft und psychologisch richtig dabei vorgegangen wird, keine literarische Beschreibung solcher Begebenheiten, wie in den oben angeführten Büchern ausgeführt, kann weder diese Fragen beantworten, noch völlig die Ursprünge des Bösen erklären. Aus diesem Grund kann keines dieser Bücher wirkungsvolle Prinzipien bereitstellen, wie dem Bösen entgegengewirkt werden kann. Die beste literarische Beschreibung einer Krankheit kann kein Verständnis über ihre eigentliche Ursache erzeugen und deshalb auch keine richtige Behandlungsmethode enthalten. Auf dieselbe Weise können Beschreibungen von historischen Tragödien keine wirkungsvollen Maßnahmen konstruieren, die der Entstehung, der Existenz oder der Verbreitung des Bösen entgegenwirken.
Wenn wir für die Umschreibung psychologischer, sozialer und moralischer Konzepte, die sich nicht im normalen Sprachgebrauch korrekt beschreiben lassen, eine alltägliche Sprache3 verwenden, dann erzeugen wir eine Art Ersatzverständnis, das zu einem keifenden Argwohn der Hilflosigkeit führt. Unser natürliches System aus Konzepten und Vorstellungen ist nicht mit dem nötigen faktischen Inhalt ausgestattet, der ein vernünftiges Verständnis der Qualität der Faktoren (besonders der psychologischen) erlaubt, die vor, nach und während solch unmenschlich grausamer Zeiten am Werk sind.
Nichtsdestotrotz müssen wir anmerken, dass auch die Autoren solch literarischer Beschreibungen gespürt haben mussten, dass ihre Sprache nicht ausreichte, um ihre Inhalte zu vermitteln und sie deshalb versuchten, ihre Worte mit entsprechender Genauigkeit zu formulieren, wenn auch nicht in bester literarische Sprache, fast als ob sie ahnten, dass irgendwann jemand ihre Werke als Erklärung für das Unerklärbare benutzen könnte. Wären sie in ihren Beschreibungen nicht so genau gewesen, hätte ich ihre Arbeiten nicht für meine wissenschaftlichen Untersuchungen heranziehen können.
Im Allgemeinen sind die meisten Menschen von solchen Inhalten entsetzt; besonders in hedonistischen Gesellschaften haben die Menschen die Tendenz, sich in Ignoranz oder naive Lehrmeinungen zu flüchten. Einige Leute verachten leidende Menschen sogar. Der Einfluss solcher Bücher kann deshalb manchmal auch schädlich sein. Wir sollten einem solchen Einfluss entgegenwirken, indem wir darauf hinweisen, was die Autoren weglassen mussten, weil unsere gewöhnliche Welt aus Konzepten und Vorstellungen dies einfach nicht enthalten kann.
Der Leser wird aus diesem Grund hier keine markerschütternden Beschreibungen von kriminellem Verhalten oder menschlichem Leid finden. Es ist hier nicht meine Aufgabe, eine anschauliche Darstellung der Summe des Leides von Menschen aufzustellen, die mehr als ich gesehen und gelitten haben und deren literarisches Talent größer ist. Dies würde dem Zweck dieses Buches entgegenwirken: es würde nicht nur die Aufmerksamkeit auf ein paar Begebenheiten lenken und dabei von vielen anderen ablenken, es würde auch den Fokus vom eigentlichen Kern des Themas abbringen, nämlich von den allgemeinen Gesetzen des Ursprungs des Bösen.
Beim Aufspüren der Verhaltensmechanismen bei der Entstehung des Bösen muss man sowohl Abscheu als auch Angst unter Kontrolle behalten, sich der Leidenschaft für erkenntnistheoretische Wissenschaft verschreiben und die ruhige Sichtweise entwickeln, die in der Naturgeschichte vonnöten ist. Man darf niemals das Ziel aus den Augen verlieren: die Prozesse der Ponerogenese zu finden; wohin sie führen können und welche Bedrohung sie für uns zukünftig darstellen könnten.
Deshalb hat dieses Buch zum Ziel, den Leser an der Hand zu nehmen und ihn in eine Welt über die Konzepte und Vorstellungen hinaus zu führen, auf deren Basis er seit seiner Kindheit auf allzu sehr egoistische Weise — wahrscheinlich weil seine Eltern, sein Umfeld und die Gesellschaft seines Landes ähnliche Konzepte benutzt haben — seine Welt definiert hat. Danach zeigt ihm dieses Buch eine angemessene Auswahl sachlicher Konzepte, die der Grund für aktuelle wissenschaftliche Ansichten sind und die ihm ein Verständnis dessen erlauben werden, was in seinen alltäglichen Konzeptsystemen irrational verblieben ist.
Diese Reise in eine andere Realität wird jedoch kein psychologisches Experiment sein, das auf den Köpfen der Leser ausgeführt wird, um die Schwachpunkte und Lücken ihrer natürlichen Weltsicht bloßzustellen. Im Gegenteil sie ist eine dringende Notwendigkeit, aufgrund unserer gegenwärtigen drückenden Weltprobleme, die wir nur auf eigene Gefahr ignorieren können.
Es ist wichtig zu verstehen, dass wir die Wege, die zur einer Nuklearkatastrophe oder zu kreativer Hingabe führen nur dann von einander unterscheiden können, wenn wir über diese Welt des natürlichen Egotismus4 und allgemein bekannter Konzepte hinausschreiten. Nur dann können wir zum Verständnis gelangen, dass der Weg für uns von machtvollen Kräften gewählt wurde, gegen die unsere Nostalgie für heimelige, familiäre menschliche Konzepte keine Chance hat. Wir müssen uns über diese Welt des alltäglichen, illusionären Denkens hinaus begeben, zu unserem eigenen Wohl und zum Wohl derjeniger, die wir lieben.
Sozialwissenschaften haben bereits eine eigene konventionelle Sprache entwickelt, die zwischen der Weltsicht des gewöhnlichen Menschen und einer völlig objektiven naturalistischen Sichtweise vermittelt. Sie ist für Wissenschafter in Bezug auf Kommunikation und Kooperation nützlich, doch sie besitzt immer noch nicht die konzeptuelle Struktur die nötig wäre, um die biologischen, psychologischen und pathologischen Voraussetzungen zu betrachten, die besonders die Kapitel Zwei und Vier dieses Buches zum Thema haben. In den Sozialwissenschaften eliminiert die konventionelle Terminologie bedenkliche Standpunkte und legt die Ethik auf Eis; in den Politikwissenschaften führt dies zu einer Unterbewertung von Faktoren, die die Essenz von politischen Situationen beschreiben, denen das Böse zugrunde liegt.
Diese Sprache der Sozialwissenschaften ließ mich und auch andere Forscher in einem frühen Stadium unserer Suche nach der mysteriösen Natur dieses unmenschlichen historischen Phänomens, das unser Land umfangen hatte und auch weiterhin auf all jene schießt, die versuchen ein objektives Verständnis des Phänomens zu erreichen, völlig hilflos und wissenschaftlich gescheitert fühlend zurück. Letztendlich hatte ich keine andere Wahl als zu einer objektiv biologischen, psychologischen und pathologischen Terminologie zurückzukehren, um den Fokus auf die wahre Natur des Phänomens legen zu können, dem Kern der Sache.
Die Untersuchung der Natur des Phänomens wie auch die Bedürfnisse der Leser, besonders jener, die in Psychopathologie nicht bewandert sind, bestimmte den beschreibenden Stil dieses Buches, das zuerst die Fakten und Konzepte, die für ein weiteres Verständnis der psychologischen und moralischen Inhalte nötig sind, erklären muss. Aus diesem Grund beginnen wir mit Fragen der menschlichen Persönlichkeit, die absichtlich so formuliert sind, dass sie größtenteils mit den Erfahrungen praktizierender Psychologen übereinstimmen, um dann zu gesellschaftspsychologischen Fragen überzugehen. Im Kapitel „Ponerologie“ werden wir uns damit vertraut machen, wie das Böse in Bezug auf jede Gesellschaftsschicht entsteht und wir werden die eigentliche Rolle mancher psychopathologischer Phänomene im Prozess der Ponerogenese hervorheben. Dies wird uns den Übergang von der Alltagssprache zur notwendigen objektiven Sprache der Natur-, psychologischen und statistischen Wissenschaften erleichtern, und das in dem Ausmaß, wie es nötig und ausreichend ist. Ich hoffe, dass es für den geneigten Leser nicht zu ermüdend ist, diese Themen in nüchternen Begriffen abzuhandeln.
Meiner Meinung nach ist Ponerologie ein neuer Wissenschaftszweig, der aus historischen Gründen wie auch aus den jüngsten Erkenntnissen aus der Medizin und der Psychologie entsteht. Im Lichte der objektiv naturalistischen Sprache studiert sie die kausalen Komponenten und die Vorgänge der Entstehung des Bösen, unabhängig seiner sozialen Stellung. Wir unternehmen, bewaffnet mit entsprechendem Wissen, eine Analyse dieser ponerogenischen Prozesse, besonders im Bereich der Psychopathologie, die für menschliches Unrecht verantwortlich sind. Wie der geneigte Leser entdecken wird, werden wir in dieser Arbeit immer wieder mit den Auswirkungen der pathologischen Faktoren konfrontiert, deren Träger Menschen sind, die bis zu einem gewissen Ausmaß durch verschiedene psychologische Abweichungen oder Defekte charakterisiert werden können.
Das moralische und das psychobiologische Böse sind in Wirklichkeit durch so viele kausale Beziehungen und gegenseitige Einflüsse miteinander verbunden, dass sie nur durch eine gewisse Abstrahierung unterschieden werden können. Die Fähigkeit, sie qualitativ zu unterscheiden kann uns jedoch helfen, eine moralisierende Interpretation der pathologischen Faktoren zu vermeiden, ein Irrtum, zu dem wir alle neigen und der den menschlichen Verstand auf heimtückische Weise vergiftet, wann immer soziale und moralische Angelegenheiten an der Tagesordnung stehen.
Die Ponerogenese makrosozialer
Phänomene — das Böse auf breiter
Basis —, dessen Untersuchung das Hauptziel dieses
Buches ist, scheint denselben Naturgesetzen unterworfen zu
sein, wie sie innerhalb menschlicher Fragestellungen auf
individueller Grundlage oder in Kleingruppen wirken. Die
Rolle von Personen mit verschiedenen psychologischen Mängeln
oder Anomalien in geringem Ausmaß ist offenbar ein konstantes
Merkmal solcher Phänomene. Im makrosozialen Phänomen, das wir
als Pathokratie bezeichnen werden, wirkt eine
bestimmte angeborene Anomalie, im Einzelnen eine
essentielle Psychopathie, als Katalysator und
ist ursächlich wesentlich für die Entstehung und das
Überleben des Bösen auf breiter Basis.
Unsere natürliche menschliche Weltsicht schafft dabei eine Barriere für unser Verständnis in solchen Fragen. Es ist deshalb vonnöten, sich mit psychopathologischen Phänomenen, wie wir sie in diesem Buch antreffen werden, vertraut zu machen, um diese Grenze durchbrechen zu können. Wenn mir der geneigte Leser bitte die gelegentlichen Fehler entlang dieses innovativen Weges verzeihen möge und furchtlos den Zeilen des Buches folgt, dann wird er sich selbst durch die Fakten in den ersten paar Kapiteln systematisch mit dem Thema vertraut machen. Auf diese Weise wird es uns möglich, die Wahrheit über die Natur des Bösen ohne den Reflex des Protests zu akzeptieren, den unser natürlicher Egotismus entstehen lässt.
Spezialisten, die mit Psychopathologie vertraut sind, werden diese Reise weniger neu finden. Sie werden jedoch einige Unterschiede in den Interpretationen mancher bekannter Phänomene entdecken, die zum Teil aufgrund der anormalen Umstände entstanden sind, unter denen die Forschungen gemacht wurden, doch hauptsächlich aufgrund des intensiveren Eindringens in die Materie, was für das Erreichen des Hauptziels nötig war. Aus diesem Grund enthält dieser Aspekt unserer Arbeit einen bestimmten theoretischen Wert für die Psychopathologie. Ich hoffe, dass sich die Nichtspezialisten unter den Lesern auf die lange Erfahrung des Autors bei der Unterscheidung individueller psychologischer Anomalien verlassen werden, die beim Menschen vorkommen und die bei der Entstehung des Bösen eine Rolle spielen.
Es sollte auch erwähnt werden, dass aus dem Verständnis des ponerogenischen Prozesses beachtliche moralische, intellektuelle und praktische Vorteile gezogen werden können — dies aufgrund der naturalistischen Objektivität, die für das Verständnis nötig ist. Die lange Geschichte ethischer Fragen wird dabei nicht zerstört; im Gegenteil, sie wird gestärkt, da auch moderne wissenschaftliche Methoden die Grundwerte der Moral bestätigen. Die Ponerologie drängt jedoch dazu, in vielen Details Korrekturen vorzunehmen.
Das Verständnis der Natur von makrosozialen pathologischen
Phänomenen erlaubt uns, ihnen gegenüber eine gesunde Haltung
und Perspektive einzunehmen und hilft uns auf diese Weise,
unseren Verstand vor einer Vergiftung durch deren erkrankten
Inhalt und den Einfluss ihrer Propaganda zu schützen. Die
unaufhörliche Gegenpropaganda, auf die manche Länder mit
einem normalen menschlichen System zurückgreifen, könnte
leicht durch aufrichtige, wissenschaftliche und zugkräftige
Informationen über dieses Thema ersetzt werden. Die
Kernaussage ist die, dass wir diesen gewaltigen, ansteckenden
sozialen Krebs nur dann überwinden können, wenn wir seine
Essenz und seine Ursachen verstehen. Dies würde das Mysterium
dieses Phänomens als Hauptgrund für sein Überleben
eliminieren. Ignoti nulla curatio morbi!5
Solch ein Verständnis über die Natur des Phänomens, das dieses Buch begünstigt, führt zum logischen Schluss, dass die Methoden für die Heilung und Neuordnung der heutigen Welt sich völlig von den bislang angewandten Lösungsversuchen bei internationalen Konflikten unterscheiden. Die Lösungen solcher Konflikte sollten eher wie moderne Antibiotika wirken, oder besser, wie richtig angewandte Psychotherapie, und nicht mit solch antiquierten Waffen wie Knüppel, Schwerter, Panzer oder Nuklearraketen versucht werden. Das Ziel sollte die Heilung sozialer Probleme sein, und nicht die Zerstörung einer Gesellschaft. Man kann hier eine Analogie zu den archaischen Methoden des Aderlasses herstellen, im Gegensatz zu einer Stärkung und Wiederherstellung des Kranken, um eine Heilung zu bewirken.
Mit Bezug auf das Phänomen der Ponerogenese, kann bereits das richtige Wissen alleine die Heilung einzelner Menschen anregen und ihrem Verstand helfen, wieder Harmonie herzustellen. Gegen Ende des Buches werden wir besprechen, wie wir dieses Wissen so anwenden können, damit die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden können und die Welt einer umfassenden Therapie unterzogen werden kann.
FUßNOTEN
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Szmaglewska, Seweryna (1916-92); Schriftstellerin; 1942-45 Gefangenschaft in Nazi-Konzentrationslagern; Zeugin im Nürnberger Prozess; schrieb Dymy nad Birkenau (title(Rauch über Birkenau), 1945); Ihre Geschichten und Romane handelten hauptsächlich von Krieg und Besetzung: Zapowiada sie piekny dzien (Der Anschein eines schönen Tages, 1960), Niewinni w Norymberdze (title(Die Unschuldigen von Nürnberg), 1972); Romane für Jugendliche, Anthologie der Erinnerungen 1939-45: Wiezienna krata (title(Gitterstäbe), 1964). [Anm. des Herausgebers]
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Herling-Grudzinski, Gustav: Polnischer Schriftsteller, lebte nach dem 2. Weltkrieg in Neapel, Italien: Heiratete die Tochter des bekannten italienischen Philosophen Benedetto Croce. Verfasser eines Berichtes über seine Zeit in einem sowjetischen Gulag: Eine abgetrennte Welt. [Anm. des Herausgebers]
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Gewöhnliche, alltägliche Sprache, die verschiedene Bedeutungen hat und normalerweise freundlich gemeint ist, doch häufig nicht die gemeinte, wissenschaftliche Bedeutung trifft. [Anm. des Herausgebers]
zurück -
Egotismus wird im Detail im Kapitel 4, „Ponerologie“, erklärt und kann als überhöhter oder übertriebener Sinn für den Selbstwert betrachtet werden. [Anm. des Herausgebers]
zurück -
Versuche nicht zu heilen, was du nicht verstehst.
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